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Die Vorwürfe der Industrie gegen die Ampel...

... und warum sie ins Leere laufen. Contra & Pro zur Ampelkennzeichnung: foodwatch zu den zehn häufigsten Argumente der Wirtschaftslobby gegen die verbraucherfreundlichste Form der Nährwertkennzeichnung.

„Rot bedeutet Stopp“

AmpelkennzeichnungDas ist der Vorwurf: Ein rotes Ampelsignal auf Lebensmitteln bedeute „Stopp, nicht essen!" Mit auch nur einer roten von vier Ampeln werde ein Produkt zum Ladenhüter.

Das ist richtig: Die Nährwert-Ampel spricht keine Verbote aus. Rot ist lediglich das Signal für einen hohen Gehalt am jeweiligen Nährwert, im Unter­schied zu Gelb (mittlerer Gehalt) und Grün (niedriger Gehalt). Lebensmittel, die zum Beispiel viel Zucker enthalten, sind deswegen nicht tabu. Wer allerdings beim Großeinkauf an der Kasse in seinem Einkaufs­wagen nur Rot sieht, hat etwas falsch gemacht – vorausgesetzt, er will sich ausgewogen ernähren.

Gesundheitspyramide von Kellogg'sWissenschaftliche Erkenntnis zeigt: Eine Kennzeichnung muss erklärt werden. Daher stehen auch die Ampelfarben nicht alleine, sondern in Kombination mit dem Text „hoch", „mittel" und „niedrig". Die bislang einzige umfassende Studie um Verständnis verschiedener Kennzeichnungssysteme in der Praxis, beauftragt von der britischen Lebensmittelbehörde FSA, hat ergeben: Mit der Kombination aus Signalfarben und Text ist das Verständnis am höchsten.

Wie wenig das Argument Rot gleich Stopp mit der Realität zu tun hat, zeigt übrigens auch der Umgang der Industrie mit der Farbe Rot. Auf Produktverpackungen wird sie schon heute gerne und häufig eingesetzt – und zwar mit durchaus positiv gemeinter Bedeutung.

Fettarm – Siegel von NestléNur zwei Beispiele: Nestlé druckt auf den Früchstücksflocken „Fitness Fruits" ein Siegel "Fettarm" ab – es ist in Feuerrot gehalten. Kellogg's hat gleich die ganze Packung seiner „Smacks” knallrot gestaltet. Zu allem Überfluss druckt der Konzern auch noch eine „Gesundheitspyramide" auf der Pappschachtel ab.

Die Farbe Rot steht hier für „ausgewogene Ernährung" – und keineswegs für „nicht essen". Und dass der Konzern die Firmen-Internetadresse eigens mit einem signalroten Balken hinterlegt soll wohl auch nicht bedeuten: „Stopp! Auf diese Seite nicht surfen!" Auch die Industrie setzt Rot also als Signalfarbe ein, nicht aber als Stoppsignal.

„Die Ampel bevormundet die Verbraucher“

Das ist der Vorwurf: Durch die Ampelkennzeichnung werde den Verbrauchern eine bestimmte Ernährungsweise aufgezwängt – Produkte wie Schokolade würden den Menschen madig gemacht.

Das ist richtig: Die Ampel bringt Nährwertinformationen gut sichtbar und leicht verständlich auf den Produktverpackungen an. Wer sich nicht dafür interessiert, kann diese Informationen ignorieren – genauso, wie er auch heute schon über die Zutatenliste hinwegsehen kann.

Bevormundung ist es dagegen, Kunden diese Art von Information vorzuenthalten. Irreführende Werbung kann Verbraucher ungewollt zum Kauf verleiten – wenn er sich beispielsweise für ein vermeintliches „Fitness”-Produkt entscheidet ohne erkennen zu können, dass dies tatsächlich eine Zuckerbombe ist. Das Ergebnis dieser Intransparenz ist, dass viele Menschen Produkte kaufen, weil sie diese für „leichter” als andere halten, obwohl sie es nicht unbedingt sind. So hatte die Mehrheit der Verbraucher in einer Studie des Marktforschungsinstitutes GfK im Auftrag von foodwatch beim Vergleich zweier Produkte mit der Industriekennzeichnung das zuckerreichere für das zuckerärmere gehalten. Verständliche Angaben und die Vergleichbarkeit der Nährwertkennzeichnung für alle Produkte ist also eine Voraussetzung für bewusste Kaufentscheidungen.

Die Ampelkennzeichnung informiert in absoluten Grammzahlen (immer einheitlich pro 100 Gramm), wie viel Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren und Salz in einem Produkt stecken. Sie trifft aber keine Aussage darüber, wie viel der jeweiligen Nährwerte ein Verbraucher am Tag zu sich nehmen soll. Ernährung ist etwas so Individuelles, dass dies jeder Mensch für sich selbst festlegen muss. Im Gegensatz dazu ist die Industriekennzeichnung nach dem GDA-System tatsächlich bevormundend: Hier hat die Industrie selbst "empfohlene Tagesmengen" definiert. Ein Prozentwert informiert darüber, wie viel dieser Menge erreicht wird. Nur: Die – in Teilen wissenschaftlich auch noch umstrittenen – Empfehlungen gelten nur für eine erwachsene Frau. Wer sich viel bewegt oder besonders groß ist, hat einen höheren, kleine Kinder zum Beispiel einen niedrigeren Nährwertbedarf.

Das Ergebnis ist irreführend: So signalisiert die GDA-Angabe auch auf Kinderlebensmitteln, dass diese zum Beispiel 20 Prozent der Tagesmenge an Fett decken – tatsächlich liegt der Anteil jedoch bei kleinen Kindern deutlich höher, weil sie einen viel niedrigeren Bedarf haben.

„Die Ampel sorgt nicht für bessere Ernährung“

Das ist der Vorwurf: Die Ampelkennzeichnung sorge nicht dafür, dass sich Menschen gesünder und ausgewogener ernährten und sei damit auch kein wirksames Mittel im Kampf gegen die Volkskrankheit Übergewicht.

Das ist richtig: Wenn die Ampelkennzeichnung tatsächlich keinen Einfluss auf die Kaufentscheidung der Verbraucher hätte, müsste die Industrie sich nicht so vehement dagegen wehren: Denn dann bliebe ja auch beim Absatz alles beim Alten. Tatsächlich ist es spekulativ, wie sehr sich die Menschen in Deutschland durch die Nährwert-Ampel bei ihrem Einkauf leiten lassen. Doch ob sie sich beeinflussen lassen oder nicht: Dies ist in jedem Falle kein legitimes Argument, um verbraucherfreundliche Nährwertinformationen vorzuenthalten. Ziel der Ampel ist es, eine transparente und verständliche Kennzeichnung anzubieten. Denn dann haben die Kunden die freie Wahl und können eine bewusste Kaufentscheidung treffen, wenn sie dies wollen.

Wie viel Zucker in einem Produkt steckt, kann für Diabetiker oder Eltern eine wichtige Information sein. Ob ein Lebensmittel viel oder wenig Fett enthält, ist für Gewichtsbewusste eine hilfreiche Angabe. Und die Menge an Salz dürfte zum Beispiel Verbraucher mit hohem Bluthochdruck interessieren. Diese Angaben kann jeder, muss aber keiner beachten. In jedem Falle spricht vieles dafür, sie an Kunden weiterzugeben.

In Großbritannien, wo vor allem einige Handelsketten die Ampel freiwillig eingeführt haben, hatte dies sehr wohl einen Effekt: Die Verbraucher orientieren sich an dieser Kennzeichnung, vor allem aber haben Hersteller die Rezepturen ihrer Produkte verändert, um rote Ampelpunkte zu vermeiden. Auswertungen britischer Supermarktketten ergaben, dass der Absatz ausgewogener Produkte im Vergleich zu gehaltvolleren etwa bei Sandwiches seit Einführung der Ampelkennzeichnung signifikant gestiegen sei. Auch die französische Handelskette Intermarché hat eigenen Angaben zufolge nach Einführung einer Kennzeichnung mit Ampelfarben allein im Jahr 2007 300 Rezepturen von Eigenmarken überarbeitet.

„Die Ampel teilt Lebensmittel in gute und schlechte Produkte ein und diskriminiert viele Nahrungsmitte“

Das ist der Vorwurf: Ernährung ist komplex, die Kennzeichnung mit den Ampelfarben dagegen sei zu vereinfachend. Dadurch würden Lebensmittel in „gute” und „schlechte” Produkte eingeteilt und Lebensmittel mit einem roten Punkt diskriminiert.

AmpelkennzeichnungDas ist richtig: Nicht eines, sondern vier farbige Felder informieren über den Gehalt an Zucker, Salz, Fett und gesättigten Fettsäuren. Jedes Feld wird unabhängig von den anderen farbig markiert, je nachdem wie hoch der Anteil des betreffenden Nährwertes ist. Das ist so einfach wie möglich und gleichzeitig so komplex wie nötig.

Zudem bedeutet Rot nicht schlecht und Grün nicht gut – die Ampelfarben stehen für einen hohen, mittleren oder niedrigen Gehalt am jeweiligen Nährstoff. Dies wird auch erklärt durch die Begriffe „hoch”, „mittel” und „niedrig” – direkt in den Farbfeldern neben den Grammangaben. Die große Studie der britischen Lebensmittelbehörde FSA hat ergeben, dass diese Kombination aus Text und Signalfarben das Kennzeichnungssystem ist, das am besten verstanden wird.

Die Qualität eines Lebensmittels wird von sehr unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Dazu zählen neben den gesamten Inhaltsstoffen die eingesetzten Rohstoffe, verwendete Zusatz- und Hilfsstoffe, Farb- und Aromastoffe sowie sämtliche Stufen und Prozesse der Herstellung. Eine Kennzeichnung, die alle Fragen der Qualität eines Produkts beantwortet, kann es wegen der nötigen Komplexität kaum geben. Die Ampel konzentriert sich auf die vier wichtigsten Nährwerte und zeigt den Gehalt an Zucker, Salz, Fett und gesättigte Fettsäuren an. Nicht mehr und nicht weniger.

Ist die Ampelkennzeichnung verbindlich, werden alle Lebensmittel gleich behandelt. Von Diskriminierung kann also keine Rede sein.

„Die Ampel ist irreführend. Auch gesunde Lebensmittel wie Milch, Vollkornbrot und Olivenöl erhalten rote Punkte und werden als ungesund abgestempelt“

Das ist der Vorwurf: Die rot-gelb-grüne Ampelkennzeichnung sei in Wahrheit Schwarzweiß-Malerei. Lebensmittel wie Olivenöl, Bananen, Vollkornbrot oder Milch also auch viele Grundnahrungsmittel, die als gesund gelten, bekämen einen roten Punkt und stünden plötzlich als ungesund da. Damit setze die Ampel falsche Anreize.

Das ist richtig: Die Forderung nach Einführung der Ampelkennzeichnung bezieht sich auf verarbeitete Produkte, bei denen es häufig sehr große Unterschiede beim Nährwertgehalt gibt, die sich dem Verbraucher bisher nicht erschließen. Auch nach den Gesetzgebungsplänen der Europäischen Union müssten die meisten Grundnahrungsmittel überhaupt nicht gekennzeichnet werden – eine Nährwertdeklaration für „unverarbeitete Erzeugnisse, die nur aus einer Zutat oder Zutatenklasse bestehen” und lose verkaufte Ware ist nämlich nicht vorgesehen. Also zum Beispiel für Bananen, Butter oder Brot in der Bäckerei.

Doch selbst wenn auch andere Produkte mit der Ampelkennzeichnung versehen werden: Diese informiert unbestechlich mit Zahlenangaben darüber, wie viel an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz tatsächlich drin ist.

Rot steht für einen hohen Nährwertgehalt, nicht für ungesund

Ampelkennzeichnung auf Milchverpackung

Dabei steht Rot nicht für ungesund und Grün nicht für gesund. Im foodwatch-Ampelmodell sind die Bedeutungen der Farben direkt in der Grafik erklärt: Rot steht für einen hohen, Gelb für einen mittleren, Grün für einen geringen Gehalt am jeweiligen Nährwert. Dies ermöglicht eine schnelle Orientierung zusätzlich zu den Gramm-Angaben.

Selbst wenn man Lebensmittel wie Milch mit der Ampelkennzeichnung versehen würde (siehe Abbildung): Die Grafik bewertet nicht das Produkt insgesamt als gut oder schlecht, sondern sie informiert darüber, was in dem Produkt auch drin steckt. Dabei bekommen alle Lebensmittel nicht einen, sondern stets vier Farbfelder. Anders als oft behauptet, wäre bei Vollmilch keines der Felder rot. Sie zeigten grün (für den Salzgehalt) und gelb (Zucker, Fett und gesättigte Fettsäuren).

Bei Olivenöl würde die Ampel einen hohen Fettgehalt signalisieren, weil Olivenöl eben naturgemäß viel Fett enthält. Dies gilt jedoch für alle Ölsorten – damit steht Olivenöl nicht plötzlich als ungesünderes Produkt da.

Auch bei Vollkornbrot würde die Ampelkennzeichnung nur darüber aufklären, was Tatsache ist: Wenn es viel Salz enthält, zeigte sie auf Rot. Natürlich kann es sein, dass bei Weißbrot dagegen ein gelber Salz-Punkt zu sehen wäre. Die Aussage wäre jedoch nicht, dass Weißbrot in jedem Fall gesünder ist als Vollkornbrot. Sondern dass Weißbrot im Vergleich weniger Salz enthält. Für Menschen wie zum Beispiel Hypertoniker, die auf ihren Salzkonsum achten wollen, eine durchaus hilfreiche Information!

„Die Ampel differenziert zu wenig: Eine Halbfettmargarine bekäme genauso wie normale Margarine einen roten Punkt“

 

Das ist der Vorwurf: Die drei Farben Rot, Gelb und Grün ließen keine Zwischentöne zu. Eine Differenzierung innerhalb eines Farbbereichs werde nicht gemacht, obwohl es zum Beispiel zwischen Rot und Rot große Unterschiede geben kann.

 

 

Light-ProdukteDas ist richtig: Auch Halbfettmargarine ist immer noch ein fetter Brotaufstrich. Sie enthält zwar weni­ger, aber nicht wenig Fett – daher ein roter Punkt in dieser Kategorie. Der Vorwurf, dass die Ampel nicht differenziert, ist jedoch falsch: Die Farbe bietet nur eine erste Orientierung – auf der roten Farbflä­che steht zudem der genaue Fettgehalt in Gramm pro 100 Gramm des Produkts. Der Unterschied im Fettgehalt ist also leicht feststellbar, wenn man zwei Produkte nebeneinander hält.

Aber der Versuch der Hersteller, Halbfettmargarine als quasi fettfrei anzupreisen, fliegt auf. Das gleiche gilt für die zahlreichen Fitness- oder Light-Produkte, die tatsächlich sehr gehaltvoll sein können. Oder weniger Fett, dafür aber umso mehr Zucker oder Salz enthalten. Die Marketingstrategien für solche Schwindelprodukte würden mit der Ampelkennzeichnung auf einen Blick entlarvt.

 

„Die Ampel setzt falsche Anreize: Cola light erhält nur grüne Punkte und steht damit besser da als Fruchtsaft“

Das ist der Vorwurf: Es sei absurd, dass Lebensmittel wie zum Beispiel Cola light mit der Ampel eine „bessere” Kennzeichnung erhielten als gesunde, natürliche Produkte wie Fruchtsaft.

Das ist richtig: Tatsächlich erhielte Cola light, die mit Süßstoff statt mit Zucker gesüßt ist, vier grüne Ampelpunkte. Nicht, weil das Getränk besonders gesund ist, denn darüber trifft die Ampelkennzeichnung keine abschließende Aussage. Sondern, weil es eben tatsächlich geringe bzw. gar keine Anteile an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz enthält. Fruchtsaft dagegen bekäme wegen seines natürlichen Gehalts an Fruchtzucker einen gelben oder roten Zucker-Punkt. Das sagt nicht aus, dass Saft ungesünder ist als Cola light – sondern nur, dass Saft mehr Zucker enthält. Was ja auch den Tatsachen entspricht.

Die Ampelkennzeichnung macht eine Angabe über die vier wichtigsten Nährwerte, nicht mehr. Sie darf nicht als Universalkennzeichnung für alle Inhaltsstoffe eines Lebensmittels missverstanden werden. Über Zusatzstoffe informiert nicht sie, sondern die Zutatenliste.

Zurück zu den vier grünen Ampeln auf der Cola light: Sie signalisieren korrekt, dass das Getränk nicht dick macht, weil es praktisch keinen Nährwert hat, wenig Zucker und wenig Fett enthält. Dennoch können Aromen und umstrittene und gesundheitlich riskante Süßstoffe eingesetzt werden. Diese wären dann in der Zutatenliste aufgeführt.

  • 04.01.2010

    Warum Apfelsaft drei Mal Grün und einmal Rot bekommt

    Fotostrecke (8 Bilder)

„Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für die Ampelkennzeichnung“

Das ist der Vorwurf: Die Ampelkennzeichnung sei wissenschaftlich nicht abgesichert. Es gebe keinen Beleg dafür, dass die Kennzeichnung von den Verbrauchern richtig verstanden wird, und die Einteilung in Rot, Gelb und Grün sei willkürlich.

Das ist richtig: Die Ampelkennzeichnung wurde von der britischen Lebensmittelbehörde FSA in einem langen Prozess entwickelt. Die Definition der Farbumschlagsgrenzen ist mit wissenschaftlichem Sachverstand und unter Beratung von Experten aus Industrie und Verbraucherschutz erfolgt, die Quellen dafür nennt die FSA in ihrem "Technical Guidance". Die Werte gehen zurück auf einen Report der staatlichen britischen Einrichtung Committee on Medical Aspects of Food and Nutrition Policy (COMA) von 1991 und der darin enthaltenen Dietary Reference Values (DRV).

Auch bei Energieeffizienzklassen wurden Umschlagswerte definiert

Energieeffizienzklassen mit Farbunterlegung

Zudem ist eine solche Festlegung keineswegs so ungewöhnlich, wie die Industrielobbyisten Glauben machen wollen: Bei der Definition von Energieeffizienzstandards für Elektrogeräte (siehe Abbildung) beispielsweise haben sich Verbraucher wie Hersteller längst an ein solches System gewöhnt.

In ihrer Argumentation gegen die Ampelkennzeichnung verweisen Industrievertreter gerne auf Untersuchungen wie EUFIC und FLABEL. Diese lassen sich jedoch kaum als unabhängig bezeichnen. EUFIC schreibt über sich selbst (Stand September 2009):

"Das EUFIC wird von der Europäischen Kommission und der europäischen Lebensmittel- und Getränkeindustrie mitfinanziert. Es wird von einem Vorstandsgremium geleitet, dessen Mitglieder von den Mitgliedsunternehmen ernannt werden. Derzeit gehören folgende Unternehmen dem EUFIC an: Barilla, Cargill, Cereal Partners, Coca-Cola HBC, Coca-Cola, DSM Nutritional Products Europe Ltd., Ferrero, Groupe Danone, McCormick Foods, Mars, McDonald's, Nestlé, Novozymes, PepsiCo, Pfizer Animal Health, Procter & Gamble, Südzucker, Unilever, und Yakult."

Auch die FLABEL-Studie wurde von mehreren Partnern getragen. Darunter gehören erneut EUFIC, zudem auch noch die Handelskette Tesco – die in Großbritannien der erbittertste Gegner der Ampelkennzeichnung war und sich als Vorreiter einer Konkurrenzkennzeichnung hervorgetan hat. Mit anderen Worten: Die Studien, die gegen die Ampel sprechen, wurden finanziert und getragen vom Who is Who der Ampel-Gegner aus der Lebensmittelindustrie. FLABEL kann zudem noch gar nicht bewertet werden: Die Studie begann 2008 und läuft über drei Jahre – sie ist also noch nicht einmal abgeschlossen.

Wissenschaft spricht für Ampelfarben

Tatsächlich spricht die Wissenschaft eine klare Sprache: Die farbliche Unterlegung der wichtigsten Nährwertangaben erleichtert es den Verbrauchern erwiesenermaßen, diese Informationen wahrzunehmen und zu verstehen. Die umfangreiche Studie der britischen Lebensmittelbehörde FSA über die praktische Verwendung verschiedener Nährwertkennzeichnungssystemen hat klar ergeben: Die Kombination von Ampelfarben und Text (rot=hoch, gelb=mittel, grün=niedrig) wird am besten verstanden. Und auch die Markierung der so genannten GDA-Prozentangaben mit den Ampelfarben und Text führt nachweislich zu einer signifikanten Verbesserung des Verständnisses. Die Studie der FSA ist nachweislich die einzige unabhängige und umfassende Untersuchung der Verständlichkeit von Nährwertkennzeichnungssystemen in der Praxis.

„Die Ampel ist auf Dauer sogar gesundheitsschädlich: Wer sich nur von 'grünen' Produkten ernährt, ernährt sich falsch“

 

Das ist der Vorwurf: Nur Produkte mit wenig Fett, Zucker oder Salz stellten keine ausgewogene Ernährung dar. Die Ampel sei damit sogar gesundheitsschädlich, weil sich ältere Menschen, Untergewichtige oder Magersüchtige falsch ernährten.

Das ist richtig: Was die Lebensmittelindustrie bei dieser Argumentation gegen die Ampel nicht erwähnt: Jeder zweite Erwachsene und rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland gelten als übergewichtig. Dies ist ein massives Gesundheitsproblem und kostet die Gesellschaft nach Angaben der Bundesregierung jedes Jahr rund 70 Milliarden Euro. Falsche Ernährung gehört zu den wesentlichen Ursachen für diese Volkskrankheit.

Es wäre der Gesundheit also gewiss nicht abträglich, die Menschen transparent über den Zucker- und Fettgehalt zu informieren, damit sie auf ihren eigenen Wunsch hin zu schlankeren Produkten greifen können. Angesichts von 38 Millionen Bundesbürgern mit Bluthochdruck ist auch eine Information über den Salzgehalt gesundheitsrelevant.

Die Gesetzliche Krankenversicherung hat sich aus diesen Überlegungen heraus klar für die Ampelkennzeichnung ausgesprochen, genauso wie die Bundesärztekammer und verschiedene Patientenorganisationen – ein Schritt, der geradezu absurd wäre, wenn durch diese Kennzeichnung Fehl- und Mangelernährung zur Folge hätte.

 

 

Ampel schreibt keine Ernährungsweise vor

 

 

Die Ampelkennzeichnung ist nicht die einzige Informationsquelle für Lebensmittel, und sie schreibt niemandem eine bestimmte Ernährungsweise vor. Sie liefert leicht verständlich die Informationen, die Verbraucher erst in die Lage versetzen, auf eigenen Wunsch hin ihre Ernährung auf eine bestimmte Menge an Zucker Fett oder Salz auszurichten.

Es gibt keine Empfehlung, nur noch Produkte mit ausschließlich grünen Ampelfarben zu verzehren – und die Erfahrungen mit der Ampelkennzeichnung in Großbritannien zeigen, dass die Verbraucher sich so auch nicht verhalten. Für eine ausgewogene Ernährung wäre es ratsam, Lebensmittel mit roten Ampelfarben nur in Maßen zu konsumieren. Je nach persönlichem Bedarf kann die Ampelkennzeichnung beim Einkauf gezielt eingesetzt werden: Menschen mit Bluthochdruck können auf grüne Salz-Punkte achten, Menschen mit Untergewicht auf in den Kategorien Fett oder Zucker gelb oder rot gelabelte Produkte.

Aus einer Information über den faktischen Nährwertgehalt von Lebensmitteln ein Gesundheitsrisiko abzuleiten, ist absurd. Dass Menschen, die zum Beispiel an Magersucht erkrankt sind, geholfen werden muss, steht dabei außer Frage. Dies sollte jedoch nicht geschehen, indem Menschen gehaltvolle Produkte als vermeintliche Schlankheits- oder Fitnessprodukte untergejubelt werden.

 

„In Großbritannien ist die Ampel gescheitert“

Das ist der Vorwurf: In Großbritannien gebe es gar keine „nennenswerte” Ampelkennzeichnung und auch keine nachweislich positive Erfahrung.

Das ist richtig: Auch in Großbritannien haben sich viele Lebensmittelhersteller lange gegen die Ampelkennzeichnung gewehrt. Die Lebensmittelbehörde FSA konnte sich daher mit ihrer ursprünglichen Forderung nach einer verpflichtenden Nährwertkennzeichnung mit Ampelfarben nicht durchsetzen. Dennoch fand das System von Beginn an Anwendung, und zwar durchaus weit verbreitet.

Ampelkennzeichnung GroßbritannienDirekt nach der Entwicklung des Ampel-Systems durch die FSA durckten große Handelsketten wie Sainsbury's die Kennzeichnung auf den Etiketten ihrer Handelsmarken ab. Auch, als die Gegenwehr der großen Markenartikel-Konzerne am größten warm trugen so rund 10.000 Produkte in Grobritannien die Ampel. Eine Studie der FSA hat gezeigt, dass die Kombination aus Text und Farben das Kennzeichnungssystem ist, das die Verbraucher am besten verstehen. Verbraucher orientieren sich daran und greifen den Auswertungen von Handelsketten zufolge häufiger zu gesünderen Produkten.

Außerdem haben viele Hersteller ihre Rezepturen verändert, um rote Punkte zu vermeiden. Die Ampel war insofern von Beginn an nachweisbar ein Erfolgsmodell – das allerdings eine Schwäche hat: Die Kennzeichnung wurde nicht verbindlich eingeführt. Deshalb machten nicht alle Hersteller und Handelsketten mit, und es existieren viele unterschiedliche Ampelgrafiken – für die Orientierung der Verbraucher ist das nicht ideal.

2010 wurde ein langer europäischer Gesetzgebungsprozess mit der Verabschiedung einer Lebensmittelinformationsverordnung abgeschlossen, in dem es viele Versuche gegeben hatte, die Ampelkennzeichnung per Gesetz vorzuschreiben. Die Versuche scheiterten knapp im Parlament und deutlich bei  den Regierungen der EU-Staaten. Dennoch ist die Ampel nicht tot: Wie stark der Wunsch nach einem einfach verständlichen Signal zur Nährwertinformation ist, zeigt die Entwicklung 2013: Unter Beteiligung auch von Herstellern wie Nestlé und Supermarktketten wie Tesco, zuvor erbitterte Gegner der Farb-Punkte, kehrte die Ampel zurück, auf mehr Produkten denn je. Mit einem großen Schwachpunkt zwar – erst viel später schlägt der Farbwert für Zucker auf Rot um als im ursprünglichen FSA-Konzept vorgesehen –, aber von einem Scheitern kann nun erst recht keine Rede mehr sein.

Zuletzt geändert am 27.09.2012