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Report: Der Dioxin-Skandal 2010/2011

foodwatch-Dioxin-Report "Chronisch vergiftet"

Auf dem Höhepunkt des großen Dioxin-Skandals im Winter 2010/2011 versprach Verbraucherministerin Ilse Aigner entschlossenes Durchgreifen. Was ist aus ihrem Aktionsplan geworden? Ein Jahr danach zieht foodwatch im Report „Chronisch vergiftet“ Bilanz. Fazit: Bisher ist keine einzige Maßnahme umgesetzt, die solche Vorfälle vermeiden könnte.

Von den zehn Punkten des Aktionsplans sind bisher lediglich vier in Kraft getreten. Eine einzige Maßnahme hätte vorbeugend weitere Dioxinvorfälle und Dioxinfunde in der Nahrungskette und somit in den Verkaufsregalen verhindern können: Die Verpflichtung der Futtermittelbetriebe zu umfassenden Dioxintests. Ausgerechnet diese wurde jedoch seit Vorstellung des Aktionsplans im Januar 2011 durch Verfahrenstricks bis zur Wirkungslosigkeit abgeschwächt. Von dem Vorhaben, die lückenlose Testpflicht für Futtermittelbestandteile einzuführen, ist nur noch die Überschrift übrig geblieben.

Organisiertes Politikversagen

Der Aktionsplan und seine Umsetzung sind aus Sicht von foodwatch ein Lehrstück für organisiertes Politikversagen:

  • Folgenlose Meldepflichten: Wenn ein Futtermittelbetrieb selbst Grenzwertüberschreitungen meldet, geht er straffrei aus – auch dann, wenn die Anzeige erst erfolgt, nachdem die dioxinbelasteten Futtermittel längst verkauft und verfüttert wurden. Das Präventionsziel wird damit ad absurdum geführt – wie der Fall dioxinbelasteter Zuckerrübenschnitzel im November 2011 zeigt, als ein Unternehmen die Testergebnisse erst anzeigte, als belastete Futtermittel bereits verkauft und verfüttert waren.
  • Manipulative Chargengrößen: Für Futterfette und -öle sollen den Herstellern chargenweise Dioxintests vorgeschrieben werden. Hier stellt sich die Frage: Was genau ist eine Charge? Im ersten Verordnungsentwurf der Bundesregierung hieß es: Maximal 200 Tonnen. Heute soll europaweit eine Chargengröße von bis zu 2.000 Tonnen festgeschrieben werden – das entspricht etwa 100 Lkw-Ladungen. Bei so großen Mengen für Stichproben sind der Manipulation Tür und Tor geöffnet.
  • Lückenhafte Testpflichten: Eingangstests sollen nur für Fette und Öle vorgeschrieben werden, andere Futtermittelbestandteile bleiben von jeder Testpflicht ausgenommen – darunter fallen die belasteten Zuckerrübenschnitzel, die den Dioxin-Fall im November 2011 ausgelöst hatten, genauso wie die kontaminierten Maiskörner, die im Mai 2010 zu Dioxin-Funden in Bio-Eiern geführt hatten. Die illegale Verdünnungspraxis, bei der belastete Zutaten in Mischfuttermitteln vermengt werden, ist weiterhin problemlos möglich.
  • Symbol-Maßnahmen: Die anderen Maßnahmen des Aktionsplans hatten von vornherein lediglich Alibi-Charakter. So wurde der Bußgeldrahmen für Verstöße gegen das Futtermittelrecht von 50.000 auf 100.000 Euro erhöht – allerdings wurde schon der bisherige Rahmen nicht annähernd ausgeschöpft. Der Dioxin-Skandal Ende 2010/Anfang 2011 hat bislang nicht einmal ein Strafverfahren nach sich gezogen. Auch Maßnahmen wie eine Positivliste für Futtermittelzutaten können Dioxineinträge nicht verhindern – die meisten Fälle gehen auf Zutaten wie Fette, Getreide oder Zuckerrübenschnitzel zurück, die  eine solche Positivliste nicht ausschließen würde.

foodwatch fordert lückenlose Testpflicht

foodwatch fordert Bundesverbraucherministerin auf, ihrer Verantwortung für die Gesundheit der Verbraucher nachzukommen und die einzige wirkungsvolle Maßnahme zur Vermeidung von Dioxineinträgen ohne Abstriche umzusetzen:

Die Betriebe müssen verpflichtet werden, lückenlos alle Bestandteile ihrer Futtermittel auf Dioxin zu testen. Erst, wenn die Testergebnisse vorliegen, dürfen die Zutaten verarbeitet werden – und bei Grenzwertüberschreitungen muss gegenüber den Behörden die Vernichtung der belasteten Chargen nachgewiesen werden.

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Zuletzt geändert am 14.12.2011