Kostenloses Leitungswasser in Cafés und Restaurants: Warum ist das in Deutschland nicht selbstverständlich?

06.09.2017

Johannes Heeg von foodwatch antwortet:

In Ländern wie Frankreich und Schweden ist es gang und gäbe: kostenloses Leitungswasser für Gäste in Cafés, Bars und Restaurants. Doch hierzulande sorgt das Thema immer wieder für Unmut. Wer als Gast danach fragt, muss mit Diskussionen oder abfälligen Blicken rechnen; manchmal stellen die Restaurants das Leitungswasser in Rechnung oder schlagen den Wunsch einfach ab. Aber dürfen sie das überhaupt? Und ist Leitungswasser die bessere Alternative zu Mineralwasser?

Die rechtliche Lage ist klar

Rechtlich ist die Frage leicht zu beantworten: Gäste haben in Deutschland keinen Anspruch auf kostenloses Leitungswasser. Denn bis auf wenige Ausnahmen darf eine Wirtin oder ein Wirt frei entscheiden, welche Getränke er oder sie zu welchem Preis anbietet. In Frankreich sieht das übrigens anders aus: Dort schreibt seit 1967 ein Dekret vor, dass die Karaffe Wasser zum Essen dazugehört und dem Gast nicht zusätzlich berechnet werden darf. 

Flüssigkeit ist wichtig, gerade im Sommer

Gerade im Sommer ist es wichtig, genug zu trinken: Die Bundesärztekammer empfiehlt täglich mindestens 1,5 bis zwei Liter Flüssigkeit – bei Hitze sogar deutlich mehr. Wer zu wenig trinkt, dem drohen Konzentrationsschwäche, Müdigkeit, Schwindelgefühl, Muskelkrämpfe und Verdauungsprobleme. In Extremfällen kann es sogar zu Herzrhythmusstörungen oder einem Hitzschlag mit Kreislaufkollaps kommen.   Ausreichend Flüssigkeit ist also wichtig – aber kann man Leitungswasser in den Mengen unbedenklich trinken?

Leitungswasser ist sicher, klimafreundlich und günstig 

Leitungswasser unterliegt in Deutschland einer ständigen Kontrolle durch die Überwachungsbehörden. Die Versorgungsunternehmen müssen sicherstellen, dass das Wasser frei von Krankheitserregern, genusstauglich und rein ist. Insgesamt gelten für Leitungswasser in Deutschland mehr als 40 Grenzwerte – das sind deutlich mehr als für Mineralwasser. Die Trinkwasseruntersuchungen zeigen, dass diese in aller Regel auch eingehalten werden.  Laut einer aktuellen Untersuchung der Stiftung Warentest enthält Wasser aus dem Hahn meist mehr Mineralstoffe und weniger chemische Rückstände als Mineralwasser.  

Leitungswasser kann somit in Deutschland in der Regel bedenkenlos getrunken werden, auch ohne dass es beispielsweise durch spezielle Filter weiter aufbereitet wird. Eine Ausnahme hiervon bilden einige Regionen Deutschlands, in denen sich Rückstände von Pestiziden, relativ hohe Nitratwerte oder erhöhte Uranwerte im Trinkwasser finden. Insbesondere Babys und Kleinkinder sind im Hinblick auf die Uran-Belastung nicht ausreichend geschützt: Für Leitungswasser gilt ein zu hoher, für Mineralwasser bislang gar kein Grenzwert. 

Aus ökologischer Sicht ist Leitungswasser Mineralwasser um Längen voraus. Natürlich hängt der CO2-Fußabdruck von Mineralwasser stark davon ab, ob es in der Region abgefüllt oder einmal um die halbe Welt transportiert wurde oder ob es gekühlt wird. Im Durchschnitt lässt sich aber sagen: Mineralwasser belastet das Klima deutlich stärker als Leitungswasser – in einigen Fällen bis zu 1000-fach mehr.  Und auch preislich hat Wasser aus dem Hahn die Nase vorn: Ein Liter Leitungswasser kostet etwa 0,4 Cent  - ein Liter Mineralwasser kostet im Durchschnitt über 100mal mehr, nämlich etwa 50 Cent.  

Kommt uns kostenloses Leitungswasser teuer zu stehen?

Leitungswasser ist also sicher, klimafreundlich und kostengünstig – warum ist in der deutschen Gastronomie kostenloses Leitungswasser dennoch keine Selbstverständlichkeit? Bei den Gegenargumenten, die wir am häufigsten zu hören bekommen, geht es immer wieder um den Umsatz: Das Personal, die Reinigung der Karaffen, all das koste Geld. Außerdem könnten die Gäste weniger Getränke von der Karte bestellen, wenn sie kostenloses Leitungswasser erhielten – dann müssten die Preise für die Speisen angehoben werden. Dann also lieber kein kostenloses Leitungswasser? 

Repräsentative Umfragen zeigen: Die meisten Menschen wünschen sich Leitungswasser als Service im Restaurant – und denken nicht, dass sie dann weniger andere Getränke konsumieren würden. Das Kuriose: Die Umfragen zeigen auch, dass die Mehrheit der Gastronomen in Deutschland durchaus dazu bereit wäre, Leitungswasser auszuschenken – aber nur selten danach gefragt wird. 

Kostenloses Leitungswasser sollte selbstverständlich sein!

Gerade im Sommer ist es wichtig, ausreichend zu trinken. Leitungswasser ist sicher, hat eine gute Umweltbilanz und kostet den Gastronomen oder die Gastronomin fast nichts. Wir von foodwatch finden: Es gibt viele gute Gründe dafür, dass kostenloses Leitungswasser in Cafés und Restaurants selbstverständlich sein sollte – so wie in anderen Ländern auch! 

 
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