Die unerträgliche Leichtigkeit des Scheins

Kuh – Bild: fotolia.com/arthurdent

„Light“-Produkte klingen wie das passende Angebot für kalorienbewusste Kunden. Häufig jedoch entpuppen sie sich als dreiste Verkaufsmasche. Wenn „leicht“ immer noch ganz schön schwer im Magen liegt – oder statt „weniger Kalorien“ vor allem „weniger Qualität“ auf der Packung stehen müsste...

Die Lebensmittelindustrie steht in Deutschland vor einem Wachstumsproblem: Der Markt ist im wahrsten Sinne des Wortes gesättigt. Immer größere Mengen abzusetzen, wird daher zunehmend schwieriger. Um dennoch zu wachsen, bleibt nur eines: Margen steigern. Bei „Light“-Lebensmitteln funktioniert das besonders gut. Hier wird bei wertgebenden Zutaten kräftig eingespart und den Verbrauchern wird das Produkt als besonders kalorienarm angepriesen, so dass sie mit gutem Gewissen ordentlich zuschlagen sollen. Viele Light-Produkte sind jedoch kaum zur Kalorienreduktion geeignet. Gut für die Industrie, schlecht für die Verbraucher. 


  • 06.03.2012

    „Light durch Strecken“

    Fotostrecke (5 Bilder)
    • Nestlé hätte offenbar gerne, dass „Thomy légère leichter als Mayonnaise“ auch als eine Art Mayonnaise wahrgenommen wird. Daher rührt wohl der Name. Doch echte Mayonnaise besteht hauptsächlich aus Öl und Eigelb. Die Thomy-Kreation besteht zum Großteil aus Wasser. Immerhin ist das getreu dem Nestlé-Motto „Good food, good life“. Wasser soll man schließlich reichlich trinken.
    • Auch die „Kokosnussmilch light“ von Exotic Food besteht in erster Linie aus Wasser. Der Kokosnuss-Anteil liegt bei gerade mal 23 Prozent. Trotzdem ist sie nur etwa 10 Prozent günstiger als das „Original“ vom selben Hersteller, das einen Kokosnuss-Anteil von stolzen 85 Prozent hat. Premium-Wasser in Dosen, könnte man es nennen.
    • Schmelzkäse ist per se eine diskussionswürdige Angelegenheit. Die Light-Variante der Hochland Sandwich Scheiben stellt aber alles in den Schatten: Sie enthält noch weniger Gouda als das „Original“ vom selben Hersteller und dafür mehr nicht näher definierte andere Käsesorten. Damit die Konsistenz nicht gänzlich flöten geht, wird mit dem Fettersatzstoff Inulin ausgeholfen. Bon Appétit!
    • Mit LÄTTA & luftig ist Unilever ein besonderer Streich gelungen: Gestreckt wird hier nicht einmal mit Wasser, sondern schlichtweg mit Luft. 320g der mit Stickstoff aufgeschlagenen Halbfettmargarine kostet genau so viel wie 500g normale LÄTTA. Auskunft zum Produkt hat Unilever gegenüber foodwatch verweigert. „Luft“-Wortspiele sparen wir uns jetzt. Das liegt zu nahe.
    • „30 % weniger Fett im Vergleich zu gemischtem Hackfleisch“? Nicht ganz: Das Netto-Produkt hat in der Regel sogar mehr Fett als echtes Hackfleisch von der Theke! Dafür wird nämlich höherwertiges, mageres Fleisch verwendet. Netto aber nimmt billigere, fettreiche Abschnitte, streckt sie mit Wasser, Weizeneiweiß und Mehl und fabuliert von 30 % weniger Fett. Dafür verlangt Netto stolze 5,50 € je kg!

Gepanschte Produkte

Wenn der Unternehmer die Marge steigern möchte, minimiert er als erstes die Kosten. Im Fall Lebensmittelindustrie bedeutet das: Kostspielige, wertgebende Zutaten werden weitestmöglich eingespart und durch Wasser und/oder Zusatzstoffe ersetzt. Das Gepansche wird uns dann oft als „Light“-Produkt aufgetischt. Die Folge: Geschmack und Konsistenz der Lebensmittel leiden.

Würden sie zumindest, wenn da nicht die „Wunder“ der Lebensmitteltechnologie wären: Aromen, Geschmacksverstärker und vieles mehr. Des Unternehmers Glück, dass diese Hilfsstoffe auch noch bedeutend günstiger sind als die eingesparten Rohstoffe. Der Haken – für den Verbraucher –: Rohstoffeinsatz reduzieren bedeutet auch das zu reduzieren, was man zuweilen als Qualität bezeichnen würde.  

Teure „Diät“

Besonders dreist: Die Hersteller verlangen – für den vermeintlichen gesundheitlichen Zusatznutzen („bewusste Ernährung leicht gemacht“) häufig sogar einen Aufpreis. Teilweise offensichtlich – in Form eines höheren Endverkaufspreises –, teilweise versteckt, wenn der Endverkaufspreis zwar leicht sinkt, doch die teuren Rohstoffe mengenmäßig z.B. halbiert werden. Ergo: Der Verbraucher zahlt in jedem Fall mehr Geld für weniger Rohstoffe und damit weniger Qualität. Schöne neue Welt. 

Rank, schlank und glücklich?

Selbst die Frage, ob Verbraucher überhaupt Kalorien sparen, ist dahingestellt. Mit Zusatzstoffen schnittfest gemachtes Wasser zum Strecken herkömmlicher Produkte sättigt schließlich nur bedingt. Hinzu kommt, dass fettreduzierte Produkte oft sehr viel mehr Zucker und Salz enthalten und umgekehrt bei zuckerreduzierten Produkten mit Fett nachgewürzt wird. Ob diese Produkte wirklich „leichter“ sind, ist also fraglich. Hinzu kommt: Auch Chips mit „30 % weniger Fett“ sind immer noch ein zimelich fettiges Lebensmittel. Wer hier sorglos zugreift, sich vielleicht sogar mehr der vermeintlich leichten Knabbereien gönnt, hat sich einen Bärendienst getan. 

Eine Ampelkennzeichnung, wie sie foodwatch fordert, würde diesen „Light“-Schwindel auf einen Blick enthüllen.

Zuletzt geändert am 09.04.2014

 
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