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Eine kurze Geschichte des Lebensmittelschwindels

Bild: istockphoto

Geschwindelt wurde beim Essen schon immer – aber immer anders. Während auf den Märkten des 19. Jahrhunderts Gemüse mit Kupfer gefärbt wurde, sorgen heute moderne Mittel für höhere Gewinne. Erlaubt ist, was die Technik möglich macht und die Politik zulässt. Damals wie heute.

Schuld hatten die Pfefferminzbonbons. In einem Armenviertel der englischen Stadt Bradford starben 1858 zwanzig Menschen, mehr als 200 weitere erkrankten. Der Assistent des örtlichen Apothekers hatte nicht, wie sonst üblich, zur Streckung billigen Gips unter die Bonbonmasse gerührt – sondern versehentlich Arsen. Als die Anklage auf Totschlag fallen gelassen wurde, weil es für diese Art des Vergehens kein Gesetz gab, bemerkte die Lokalzeitung: „Das eigentliche Verbrechen ist, dass es keine Gesetze gibt, die die Praxis der Verfälschung von Lebensmitteln unterbinden.“

Wilde Panscherei

Gegessen wird immer – getrickst auch. England erlebte im 19. Jahrhundert einen bis dato noch nie da gewesenen Höhepunkt der Panscherei. Möglich gemacht durch einen rapiden gesellschaftlichen Wandel: Infolge der Industrialisierung und Verstädterung wurden die Wege von Produzenten zu Verbrauchern länger und der Markt anonymer, den die Regierung zudem weitestgehend sich selbst überließ. Gemüse wurde mit Kupfer gefärbt, Milch mit Dreckwasser und Mehl gestreckt. Erst der tragische Fall in Bradford führte zum Erlass von Lebensmittelgesetzen, die auf den Grundsätzen beruhten: Du sollst nicht vergiften und du sollst nicht täuschen.

Mehr als 150 Jahre später ist die Erfahrung, beim Essen übers Ohr gehauen zu werden, universell. Überall dort, wo Nahrungsmittel hochgradig kommerzialsiert sind, unterliegen Anbieter der Versuchung, für mehr Profit zu tricksen. Heute verfälschen Produzenten Lebensmittel allerdings nicht mehr mit Kupfer, Gips oder Pferdeleberpulver. Sie verwenden Backmittel, Aromen, Farb-, Füll- und Konservierungsstoffe – so wird aus weniger mehr und das im Gegensatz zu früher ganz legal.

Rigide Strafen

Es gab Zeiten, in denen es strikt verboten war, Nahrungsmittel zu verfälschen. So regelte eine Richtlinie Mitte des 13. Jahrhunderts in England, wie groß und schwer das Brot einer bestimmten Sorte, was darin sein und was es kosten darf. Bäcker, die sich nicht daran hielten, wurden mit ihrem Schwindel-Brot um den Hals durch die Straßen getrieben. Wiederholungstäter verloren die Konzession. In der rigiden Strafprozedur spiegelte sich der Wert wider, der dem Brot als Hauptnahrungsmittel zukam.

Was hätten die mittelalterlichen Bäcker-Kontrolleure wohl zum Beispiel zu Harrys Weizen-Toastbrötchen gesagt? Neben Mehl, Wasser, Salz, Hefe, Maisgrieß und Traubenzucker enthalten diese jede Menge E-Nummern: Säurungsmittel, Stabilisatoren, Emulgatoren und Backtriebmittel. Noch nie seien Lebensmittel so sicher und von so hoher Qualität wie heute gewesen, heißt es häufig. Doch einige Substanzen wie Süßstoffe, Azofarbstoffe oder industriell gehärtete Fette wurden anfänglich als harmlos wahrgenommen – heute weiß man das Gegenteil.

Moderne Wunderwaffen

Andere Wunderwaffen der Lebensmitteltechnologie stehen zwar nicht direkt im Verdacht, die Gesundheit zu gefährden, aber sie sind ein billiger Ersatz für natürliche Zutaten: Aromen. Um einem Liter Flüssigkeit den Geschmack frischer Grapefruit zu verleihen, bedarf es einer Aromamenge von 0,2 Milliardstel Gramm. Weil Konsumenten es aber lieber natürlich mögen, verschleiern Produzenten gerne deren Verwendung: Sie lassen pralle Früchte auf Verpackungen drucken und geben ihren Produkten verheißungsvolle Namen. Etwa Pfanner: Der Getränkehersteller taufte ein Tee-Mix-Getränk „Der Gelbe Physalis-Zitrone“ und verzierte den Tee-Karton mit zwei dicken Physalis-Früchten. Dass in dem Produkt undefinierte Aromen für das „Geschmackserlebnis“ sorgen, steht kleingedruckt,
aber gesetzestreu in der Zutatenliste. Die Lokalzeitung in Bradford würde das heute wohl so kommentieren: „Das eigentliche Verbrechen ist, dass es Gesetze gibt, die die Praxis der Verfälschung von Lebensmitteln erlauben."

Zuletzt geändert am 10.04.2010

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