Landfrust aus dem Supermarkt

Kuh – Bild: fotolia.com/grafikplusfoto

Wer durch die Gänge im Supermarkt schlendert, wird geradezu erschlagen von der Fülle an Produkten „vom Land“. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Von Landschinken über Landkekse bis hin zu Landgurken und sogar Landnudeln ist alles dabei, was das Herz begehrt. Damit instrumentalisiert die Industrie einen Trend: Die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit.

Das idyllische Landleben steht hoch im Kurs. Besonders beeindruckend belegt das ein Beispiel aus der Medienlandschaft: Das Print-Magazin „Landlust“ vom Landwirtschaftsverlag Münster. Während seit der Digitalisierung nahezu jedes andere gedruckte Medium massive Auflagerückgänge verzeichnet, hat das seit 2005 erhältliche Land-Magazin aus Münster einen regelrechten Senkrechtstart hingelegt. Die gedruckte Auflage liegt mittlerweile bei fast einer Million Exemplaren, deutlich mehr als das Wochenmagazin stern. In Zeiten grassierender Landflucht sehnen sich die Menschen offenbar stärker denn je nach Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und nach der ländlichen Idylle. 

  • 25.01.2012

    Trügerische Land-Idylle

    Fotostrecke (11 Bilder)
    • „Gurke des Jahres“ sollen die „Landgurken“ von Kühne sein. Warum sie „Land“-Gurken heißen? Es handele sich um eine „geschmackliche Variation innerhalb der Gewürzgurkenrange, die aufgrund der rezeptorischen Ausprägung (…) einen charakteristischen Geschmack erhält“, so Kühne. Ein typischer Landgeschmack also. Wie die Stadtgurken dann wohl schmecken?
    • „Mit Liebe und Sorgfalt produzieren unsere Käsereimeister nach handwerklicher Tradition den Rotkäppchen Frischer Landrahm“, heißt es bei Rotkäppchen. Doch von „handwerklicher Tradition“ kann in Anbetracht der Zutatenliste kaum die Rede sein: Dort finden sich nicht näher definiertes Aroma, Verdickungsmittel, Farbstoff uvm.
    • „Das Würstchen vom Lande“ klingt irgendwie romantisch. Doch zu Tierhaltungsstandards oder verwendetem Futter könne Böklunder „aufgrund der Struktur der Handelskette“ keine Fragen beantworten. Böklunder weiß also nicht einmal, was die verarbeiteten Tiere im Futtertrog hatten, solche Dimensionen hat das Wurstgeschäft. Ländliche Übersichtlichkeit? Fehlanzeige!
    • Zu Tierhaltungsstandards und -herkunft macht auch LIDL lieber keine Angaben. Weshalb er "Land"-Schinken heißt? LIDL verweist auf einen nichtssagenden Leitsatz für Fleischerzeugnisse der Lebensmittelbuchkommission: „Landschinken werden aus einem Teilstück oder aus mehreren Teilstücken des Schinkens geschnitten“. Na das ist ja mal eine hilfreiche Auskunft.
    • Dr. Oetker erklärte foodwatch: „Die Verbraucher gehen davon aus, dass auf dem Bauernhof oder auf dem Land üblicherweise keine Backmischungen verwendet werden.“ Trotzdem verkauft der Konzern eine „Backmischung Mandarinen Schmand Kuchen“ mit dem Namen „Landgenuss“, die neben dem umstrittenen Zusatzstoff Carrageen auch Aroma und Farbstoff enthält.
    • „Was Sie früher schon liebten, können Sie jetzt neu probieren“, verspricht Schwartau auf der Verpackung der Hofladen-Marmelade. Bis vor kurzem fabulierte der Marmeladen-Multi sogar auf dem Etikett von „heimischen Fruchtsorten“. Nur auf der Schwartau-Webseite erfährt der Verbraucher, dass die verwendeten Früchte aus Skandinavien und Osteuropa stammen.
    • Mit dem Slogan „Bayern mag‘s heimisch“ warb Eckes-Granini kürzlich in Bayern für sein „Heimische Früchte“-Sortiment. Dass die Früchte aus Österreich, Deutschland und Brasilien stammen, kam bei der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs gar nicht gut an. Die hat Klage eingereicht.
    • Was der Leibniz Landkeks – im Vergleich zum Butterkeks – zum „Land“-Keks machen soll, wollte Bahlsen uns nicht erläutern. Auf mehrfache Anfragen hat der Konzern nicht reagiert. Fakt ist: Der „kernige“ „Landkeks“ kostet rund ein Drittel mehr als der normale Butterkeks.
    • Auch Birkel möchte nicht verraten, wo die verarbeiteten Rohstoffe herkommen. Warum die Landnudeln „Land“-Nudeln heißen? „Das Sortiment umfasst die beliebtesten Formate vor allem für die süddeutsche Regional- Küche, wie Spätzle und Bandnudeln in mehreren Variationen“, so Birkel. Das kostet: Die Landnudeln sind rund ein Drittel teurer als das restliche Sortiment.
    • Frage foodwatch: „Inwiefern gehen die verpflichtenden Anforderungen an die Produktqualität insgesamt über gesetzliche Mindeststandards hinaus?“ Antwort Stolle: „Die Fa. Stolle hat ein eigenes ‚integriertes Produktionsverfahren‘ welches über eine vertiefte Integration über alle Stufen des Produktionsprozesses höchste Standards sicherstellt.“ Wenn das mal nicht aussagekräftig ist.
    • „Vertraute Früchte“, die noch „in Ruhe heranreifen“ können? Klingt nach Omas Garten. Doch TEEKANNE verkauft Standard-Industrie-Früchtetee aus billigen Zutaten für einen stolzen Preis von mehr als 4 Euro je 100 Gramm. Die namensgebende, „vertraute Frucht“ Mirabelle ist in den Teebeuteln offenbar nicht einmal enthalten.

Sehnsüchte instrumentalisiert

Dieser Trend ist auch in der Lebensmittelindustrie angekommen, wie ein Besuch im Supermarkt zeigt: Sei es im Kühlregal, in der Getränkeabteilung, bei den Knabberartikeln oder im Tiefkühl-Sortiment – überall gibt es mittlerweile Produkte zu kaufen, die irgendetwas mit dem Landleben zu tun haben sollen. Und dafür soll der Verbraucher in einigen Fällen kräftig in die Tasche greifen. Die Lebensmittelindustrie instrumentalisiert damit erfolgreich die Sehnsüchte der Menschen nach Echtheit und Natur. Ihre Produkte sind „ganz natürlich“, kommen „frisch vom Bauernhof“, werden nach „traditioneller Rezeptur“ hergestellt – und in der Fernsehwerbung ist die Bäuerin zu sehen, die noch höchstselbst mit dem Löffel im Bottich rührt, während draußen ein Hahn kräht. 

Vom Fließband statt vom Farmer

Was als vermeintliche Ursprünglichkeit vermarktet wird, ist im Regelfall ganz normale Industrieware. Vom Fließband statt vom Farmer. Und damit ziemlich genau das, wovon der Verbraucher mit seinem Verhalten eigentlich entfliehen möchte. 

Zuletzt geändert am 09.04.2014

 
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