Was soll in Zukunft auf Lebensmitteln stehen?

20.01.2016

Hallo und guten Tag,


weniger Etikettenschwindel, dafür mehr „Klarheit und Wahrheit“: Das hat uns die Große Koalition mal wieder versprochen, passend zur Grünen Woche, der großen Landwirtschafts- und Ernährungsmesse in Berlin. Zwei Initiativen bereits kamen im noch jungen Jahr aus dem Regierungslager – und zwei Mal handelt es sich dabei leider selbst um Etikettenschwindel.

Der erste Fall betrifft uns alle ganz direkt beim Einkauf: Es geht darum, was wir unter der Bezeichnung eines Lebensmittels erwarten dürfen – um Dinge also, die entscheidend sind dafür, ob wir ein Lebensmittel kaufen oder nicht. Endlich hat die Koalition ihre Pläne vorgelegt, wie in Zukunft Produktbezeichnungen beschlossen werden sollen. 

 

Sie erinnern sich: Kirschtee ohne Kirschen, Zitronenlimo ohne die Zutat Zitrone – dass so etwas heute gang und gäbe ist, steht seit Jahren in der Kritik. Inzwischen auch bei Union und SPD. „Nicht verständlich und nicht nachvollziehbar“, schrieben die Regierungsfraktionen in einen Antrag, der jetzt im Bundestag beschlossen wurde. Die Verfahren, die zum Beschluss solcher Produktbezeichnungen führen: intransparent“. Fazit: Es bestehedeutlicher Handlungsbedarf“. All diese Zitate sprechen uns aus dem Herzen. Allein: Es bleiben leere Worte.

Denn welche Schlüsse zieht die Regierungskoalition aus dem Schlamassel? Um Irreführung zu bekämpfen, will sie ausgerechnet das Gremium stärken, das für diese staatlich legitimierten Irreführungen verantwortlich ist: die Deutsche Lebensmittelbuchkommission, ein geheim tagendes Gremium, das dem Bundesministerium unterstellt ist und keiner ausreichenden demokratischen Kontrolle unterliegt. Künftig soll die Kommission besser ausgestattet werden, häufiger tagen, Verbraucherinnen und Verbraucher sollen nach ihrer Meinung gefragt werden. Die eigentlichen Probleme aber bleiben bestehen: Denn weiterhin soll die Lebensmittelwirtschaft in dem Gremium mit darüber entscheiden, was wir uns bitteschön unter einem „Schokoladenpudding“ oder unter einer „Kalbfleisch-Leberwurst“ vorzustellen haben. Weiterhin sollen Wirtschaftslobbyisten ein Veto-Recht behalten, womit sie verbraucherfreundliche Regelungen jederzeit blockieren können. Und weiterhin soll das Abstimmungsverhalten in der Kommission, in der auch Verbraucherorganisationen vertreten sind, nicht veröffentlicht werden – wessen Interessen sich durchgesetzt haben, soll also wie bisher geheim bleiben. Die „Reform“ ist noch nicht mal ein „Reförmchen“. 

Wir fordern: Schluss mit absurden Produktbezeichnungen! Die Lebensmittelbuchkommission ist gescheitert und muss abgeschafft werden! Nicht die Interessen der Industrie, sondern die Erwartungen von uns Verbraucherinnen und Verbrauchern müssen maßgeblich sein für die Festlegung von Produktbezeichnungen – die künftig am besten von einer unabhängigen Fachbehörde festgelegt werden, frei von den Interessen der Unternehmen. Bitte unterstützen Sie diese Forderung jetzt in unserer E-Mail-Aktion an Bundesernährungsminister Christian Schmidt:

www.foodwatch.de/aktion-lebensmittelbuch

 

Im Vorfeld der „Grünen Woche“ stellte der Minister außerdem einen Ernährungsreport“ vor. Eine Broschüre, die allerlei Zahlen und Daten zu den Ernährungsgewohnheiten der Bürgerinnen und Bürger enthält, ihren Meinungen und Wünschen – Auszüge einer großen Befragung, durchgeführt vom Forschungsinstitut Forsa. Es hätte uns schon misstrauisch machen sollen, dass unsere Anfrage beim Ministerium nach dem „Tabellenband“ unbeantwortet blieb: Der nämlich enthält alle Ergebnisse im Original – einschließlich der Fragestellungen. Vom Ministerium veröffentlicht wurde dieser Band nicht, nur die schick gestaltete Broschüre.

Aus anderer Quelle haben wir den Tabellenband doch noch erhalten. Beim Abgleich mit der Ministeriumsbroschüre hat es uns fast die Sprache verschlagen: Ein solches Maß an Manipulation hätten wir kaum für möglich gehalten! Unliebsame Ergebnisse wurden unterschlagen, sachlich falsche Angaben in den Fragestellungen gemacht, die Befragten mit suggestiven Formulierungen oder durch die Vorgabe von Antwortmöglichkeiten geleitet sowie für eine Grafik manipulativ-verzerrte Größenverhältnisse gewählt.

Nur ein Beispiel: Für 83 Prozent der Befragten wäre eine klare Gentechnikkennzeichnung „sehr wichtig“ oder „wichtig“, hat Forsa ermittelt. Ein deutlicher Auftrag an die Politik – im Ernährungsreport wird dieses unliebsame Ergebnis jedoch unterschlagen. Ob dies daran liegen mag, dass sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag zwar noch auf eine bessere, verpflichtende Gentechnik-Kennzeichnung auch bei Tierprodukten verständigt hatten, dieses Vorhaben aber mittlerweile klammheimlich auf Eis gelegt haben?

Auffällig oft dienen die Manipulationen des Ministeriums dem Politikverständnis von Minister Christian Schmidt, der in der Ernährungspolitik auf Aufklärung und freiwillige, gemeinsam mit den Unternehmen entwickelte Selbstverpflichtungen statt auf gesetzliche Vorgaben für die Lebensmittelwirtschaft setzt. So zog Christian Schmidts Ministerium aus der Befragung denn auch das Fazit, dass die „Mehrheit der Deutschen zwar staatliche Maßnahmen für besonders geeignet hält, um einer gesunden Ernährung den Weg zu ebnen, aber nicht in Form von Verboten und Gesetzen“. Dabei wurde nach der Zustimmung zu wichtigen gesetzlichen Maßnahmen wie Werbebeschränkungen bei Kinderlebensmitteln gar nicht gefragt. Eine von uns beauftragte repräsentative Umfrage zeigt dagegen: Eine große Mehrheit von drei Vierteln der Befragten wünscht sich eine solche Regelung. Mehr über die ganze Wahrheit hinter Christian Schmidts „Ernährungsreport“ lesen Sie hier.

 

Jetzt unterzeichnen: Lebensmittelbuch-Kommission abschaffen!

 

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Ihr foodwatch-Team

P.S.: Wir entlarven alltägliche Werbelügen und setzen uns für eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln ein, damit uns Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht länger etwas vorgemacht wird! Dazu führen wir rechtliche Auseinandersetzungen, geben Gutachten und Umfragen in Auftrag, sind bei Aktionen vor Ort – das ist nur möglich, weil Menschen sich zusammenschließen und unsere Arbeit unterstützen. Bitte seien auch Sie dabei und werden Sie foodwatch-Fördermitglied: 

www.foodwatch.de/mitglied-werden

 
Wir sind foodwatch


Verbraucher kämpfen gemeinsam für ihre Rechte – seien Sie dabei!

RSS-Feed

Abonnieren Sie hier unsere Nachrichten als RSS-Feed.