Artikel 25.08.2026

Irreführende Ashwagandha-Werbung: foodwatch mahnt ESN, Naturally You und More Nutrition ab

Ashwagandha soll gegen Stress helfen, den Schlaf verbessern und für mehr innere Balance sorgen – zumindest, wenn man ESN, Pamela Reif (Naturally You) und More Nutrition glaubt. foodwatch Deutschland hat die drei Unternehmen wegen irreführender Gesundheitswerbung abgemahnt. Die Hersteller werben mit unzulässigen Gesundheitsversprechen und verschweigen oder verharmlosen dabei dokumentierte Risiken bis hin zu Leberschäden.

Stress, schlechter Schlaf, innere Unruhe? Auf Social Media wird Ashwagandha als natürliche Lösung für all das vermarktet – vor allem von bekannten Fitness- und Lifestyle-Marken. foodwatch hat drei besonders reichweitenstarke Anbieter abgemahnt. Konkret geht es um die Produkte „Ashwa+“ von ESN, „Mental Balance“ von Naturally You (Pamela Reif) und die „Ashwagandha Sticks“ von More Nutrition. Die Hersteller bewerben diese mit Aussagen zu Stress, Schlaf oder emotionaler Stabilität. Ashwagandha ist ein sogenannter Botanical, also ein pflanzlicher Inhaltsstoff. In der EU sind Gesundheitsversprechen zu Botanicals grundsätzlich verboten, sofern sie nicht ausdrücklich zugelassen sind. Für Ashwagandha gibt es keine zugelassenen Health Claims, die Aussagen zu Stress, Schlaf oder emotionaler Balance rechtfertigen. 

Gesundheitsrisiken bekannt, Warnhinweise kaum sichtbar 

Aswagandha ist kein harmloses Wellness-Add-on. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt seit Jahren vor möglichen Nebenwirkungen – von Übelkeit über Kopfschmerzen bis zu Effekten auf Hormon- und Immunsystem. Besonderen Anlass zur Vorsicht geben Fallberichte über Leberschäden. Das BfR rät insbesondere Schwangeren, Stillenden und Kindern von der Einnahme ab und sieht auch bei Menschen mit bestehenden oder früheren Lebererkrankungen besondere Risiken. 

Besonders problematisch: Genau dort, wo Konsument:innen sie erwarten würden – in Instagram-Posts, auf der Verpackung, auf der Produktseite – fehlen bei den abgemahnten Produkten entscheidende Sicherheitsinformationen. Wenn überhaupt vorhanden, stehen Warnhinweise für Risikogruppen meist nur ganz unten auf der Website oder in schwer auffindbaren Blogartikeln. Wer also ein Produkt aufgrund eines Instagram-Posts kauft, bekommt die entscheidende Sicherheitsinformation gar nicht zu Gesicht. 

Keine sichere Menge bekannt – trotzdem hoch dosiert 

Polen hat für Withanolide, die wirksamsten Bestandteile von Ashwagandha, eine tägliche Höchstmenge von 10 Milligramm festgelegt. Alle drei abgemahnten Produkte liegen deutlich darüber: ESN „Ashwa+" enthält in der empfohlenen Tagesdosis 30 Milligramm Withanolide – das Dreifache. In einem Blogbeitrag auf seiner Website nennt ESN sogar die sechsfache Menge. Besonders weit geht ESN bei Aussagen zur Schilddrüsengesundheit: In einem Blogbeitrag wird Ashwagandha ein positiver Einfluss bei Schilddrüsenunterfunktion zugeschrieben – obwohl Hinweise darauf bestehen, dass der Stoff die normale Schilddrüsenhormonproduktion auch negativ beeinflussen kann. So entsteht der Eindruck, das Nahrungsergänzungsmittel könne fast wie ein Medikament eingesetzt werden. 

 „Mental Balance" von Pamela Reif und die „Ashwagandha Sticks" von More Nutrition kommen in der empfohlenen Tagesdosis auf jeweils 15 Milligramm, also anderthalbmal so viel wie in Polen erlaubt. Ausgerechnet bei einem Stoff mit dokumentierten Risiken für Leber, Hormon- und Immunsystem, für den bislang keine gesundheitlich unbedenkliche Menge festgelegt werden konnte, wird also eher großzügig als vorsichtig dosiert. 

Ashwagandha (Withania somnifera), auch Schlafbeere genannt, ist eine Pflanze aus dem asiatischen Raum, die vor allem in Indien wächst. Ihre Wurzel wird in der traditionellen ayurvedischen Medizin seit Jahrtausenden verwendet. In Nahrungsergänzungsmitteln kommt sie meist als Wurzelextrakt zum Einsatz. Ein bekannter patentierter Rohstoff ist KSM-66, der von einem einzigen indischen Unternehmen hergestellt wird. Dasselbe Unternehmen hat auch einen Großteil der Studien zur Wirkung von Ashwagandha selbst finanziert oder in Auftrag gegeben. 

Einige Studien deuten darauf hin, dass Ashwagandha kurzfristig Stress reduzieren oder die Schlafqualität verbessern kann. Die bisherigen Untersuchungen sind jedoch häufig klein und von kurzer Dauer. Systematische Übersichtsarbeiten bewerten die Qualität der Evidenz als niedrig und betonen, dass größere und bessere Studien notwendig sind. Eine Langzeitwirkung ist bislang nicht ausreichend untersucht. 

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor möglichen gesundheitlichen Risiken durch Ashwagandha-Präparate. Berichtet wurden unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen, Schwindel, Schläfrigkeit und Hautausschläge. Hinzu kommen Hinweise auf mögliche Auswirkungen auf das Immun- und Hormonsystem, etwa auf Schilddrüsenhormone, Cortisol oder den Blutzuckerspiegel. Besondere Vorsicht geben Fallberichte über mögliche Leberschäden. Auch Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich. Das BfR rät insbesondere Schwangeren, Stillenden und Kindern von der Einnahme ab. Auch für Menschen mit bestehenden oder früheren Lebererkrankungen können besondere Risiken bestehen. Eine gesundheitlich unbedenkliche tägliche Aufnahmemenge konnte bislang nicht festgelegt werden. 

Bereits 2009 hatte auch die Weltgesundheitsorganisation vor Nebenwirkungen und hormonellen Störungen gewarnt und festgestellt, dass es keine sichere Einnahmedosis gibt. 

Auch auf EU-Ebene gibt es Bewegung: Eine internationale Arbeitsgruppe der Lebensmittelbehörden (Heads of Food Safety Agencies) hat 2024 117 Stoffe auf ihre Sicherheit hin bewertet. Ashwagandha wurde zusammen mit zwölf weiteren Stoffen als vorrangig regelungsbedürftig eingestuft – das könnte langfristig zu einem Verbot, Verwendungsbeschränkungen oder einer besonderen Beobachtungspflicht führen.

Weil ein Pflanzenstoff, dessen Nutzen wissenschaftlich nicht ausreichend belegt, dessen Risiken für bestimmte Gruppen aber klar dokumentiert sind, sorglos und ohne gut sichtbare Warnhinweise als Lifestyle-Produkt für Stressabbau, Schlaf und mentale Balance beworben wird. Ein strenges, wissenschaftlich fundiertes Zulassungsverfahren würden diese Produkte aus unserer Sicht sehr wahrscheinlich nicht überstehen. 

In Österreich und Deutschland gibt es bislang keine verbindlichen Höchstmengen für Ashwagandha beziehungsweise Withanolide und keine verpflichtenden spezifischen Warnhinweise für Risikogruppen. Viele Ashwagandha-Präparate sind auch in Österreich frei erhältlich; die abgemahnten Produkte sind hier teilweise im Handel erhältlich oder lassen sich problemlos bestellen. 

Andere Länder gehen weiter: Dänemark hat Ashwagandha-Präparate 2023 verboten, Polen begrenzt den Gehalt an Withanoliden und schreibt Warnhinweise vor, Großbritannien, Frankreich und die Niederlande haben Sicherheitswarnungen veröffentlicht. Gesundheitsbezogene Werbeaussagen zu Pflanzenstoffen wie Ashwagandha sind EU-weit ohnehin grundsätzlich verboten, weil es dafür keine zugelassenen Health Claims gibt. Der Europäische Gerichtshof hat 2025 sogar klargestellt: Auch bei der EU-Kommission beantragte, aber noch nicht entschiedene Aussagen dürfen nicht verwendet werden. 

Für foodwatch zeigt der Fall ein grundsätzliches Problem: Nahrungsergänzungsmittel können als harmlose Lifestyle-Produkte vermarktet werden, obwohl Nutzen und Langzeitwirkungen nicht ausreichend geklärt sind und zugleich Sicherheitsbedenken bestehen. 

foodwatch fordert: Von den Herstellern fordert foodwatch ein Ende der irreführenden Werbung: Solange es kein Verbot von Ashwagandha gibt, müssen Werbung und Produkte mit entsprechenden Warnhinweisen versehen werden. Von Politik und Behörden fordert foodwatch eine wirksame Kontrolle gesundheitsbezogener Werbung in sozialen Medien, ein verpflichtendes Zulassungsverfahren für Nahrungsergänzungsmittel sowie verbindliche Höchstmengen für die Wirkstoffe. Solange diese fehlen, bleiben Konsument:innen der Industrie weitgehend schutzlos ausgesetzt.