Hochverarbeitete Lebensmittel: ungesund, umstritten – und von der Politik vernachlässigt
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Sie sind billig in der Herstellung, lange haltbar, stark beworben und überall verfügbar. Immer mehr Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen einem hohen Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln und verschiedenen chronischen Erkrankungen. Doch politische Maßnahmen, die bei den eindeutig problematischen Produktgruppen ansetzen, bleiben aus.
Fertigpizza, Frühstückscerealien, Proteinriegel, Softdrinks – hochverarbeitete Lebensmittel (Ultra-Processed Foods, kurz: UPFs) sind aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken.
Gleichzeitig wächst die wissenschaftliche Aufmerksamkeit für diese Produktgruppe – vor allem wegen möglicher Zusammenhänge mit chronischen Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Dabei ist die Debatte komplex: Schon die Frage, was genau als „hochverarbeitet“ gilt, ist nicht immer eindeutig. Trotzdem zeigt sich in vielen Studien ein klares Muster: Je höher der Anteil stark verarbeiteter Produkte in der Ernährung, desto ungünstiger sind häufig die Auswirkungen auf die Gesundheit.
Für foodwatch Österreich ist klar: Unabhängig von Definitionsfragen ist längst eindeutig, dass bestimmte Produktgruppen – etwa zuckrige Getränke oder stark verarbeitete Fleischprodukte – ein Gesundheitsproblem darstellen. Deshalb braucht es politische Maßnahmen, die wirksam sind und Konsument:innen schützen.
Was sind hochverarbeitete Lebensmittel?
Lebensmittel zu verarbeiten ist grundsätzlich nichts Negatives. Kochen, Backen, Fermentieren oder Einfrieren sind traditionelle und notwendige Methoden, um bestimmte Lebensmittel haltbarer oder genießbar zu machen.
Von „hochverarbeiteten Lebensmitteln“ (UPFs) ist die Rede, wenn Produkte stark industriell verändert wurden und oft aus Bestandteilen zusammengesetzt sind, die in privaten Küchen kaum verwendet werden. Dazu zählen etwa isolierte Stärke- oder Eiweißbestandteile, Zuckerextrakte oder raffinierte Pflanzenöle. Häufig kommen Zusatzstoffe zum Einsatz, etwa Emulgatoren, Aromen, Farbstoffe oder Süßstoffe.
Typische Beispiele:
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Softdrinks und Energydrinks
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Süßigkeiten, Chips, Kekse
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Instant-Nudeln
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stark verarbeitete Frühstückscerealien
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viele Fertiggerichte
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abgepackte Backwaren
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aromatisierte Milch- und Dessertprodukte
Hochverarbeitete Lebensmittel erkennt man oft an Zutatenlisten mit Begriffen wie Maltodextrin, modifizierte Stärke, gehärtete Fette, Emulgatoren oder isolierten Proteinen.
NOVA-System: Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln
Ein Großteil der Forschung zu hochverarbeiteten Lebensmitteln basiert auf der sogenannten NOVA-Klassifikation. Dieses System teilt Lebensmittel nach ihrem Verarbeitungsgrad in vier Gruppen ein:
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Stufe 1: Unverarbeitete oder minimal verarbeitete Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Nüsse, rohes Fleisch oder Tee.
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Stufe 2: Verarbeitete Zutaten wie Mehl, Zucker, Salz oder pflanzliche Öle, die aus Lebensmitteln gewonnen und zum Kochen verwendet werden.
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Stufe 3: Verarbeitete Lebensmittel, die aus Lebensmitteln der Stufe 1 unter Zugabe von Zutaten aus Stufe 2 hergestellt werden – etwa Brot, Käse oder eingelegtes Gemüse.
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Stufe 4: Hochverarbeitete Lebensmittel, die zahlreiche industrielle Verarbeitungsschritte durchlaufen haben und häufig Zusatzstoffe enthalten. Dazu zählen etwa Softdrinks, Süßigkeiten oder Fertiggerichte – aber auch bestimmte abgepackte Brote oder angereicherte Pflanzendrinks.
Auch wenn Details bei der NOVA-Einteilung umstritten sind, ist wissenschaftlich klar belegt, dass bestimmte Produktgruppen hochverarbeiteter Lebensmittel gesundheitsschädlich sind - vor allem süße Getränke, verarbeitetes Fleisch und Lebensmittel mit viel Zucker, Fett und Salz.
Warum stehen hochverarbeitete Lebensmittel in der Kritik?
Was sagt die Wissenschaft?
In den letzten Jahren sind zahlreiche große Beobachtungsstudien erschienen, die einen Zusammenhang zwischen einem hohen UPF-Anteil in der Ernährung und verschiedenen gesundheitlichen Problemen feststellen.
Ein hoher Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel wird in Studien unter anderem in Verbindung gebracht mit erhöhtem Risiko für:
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Herz-Kreislauf-Erkrankungen
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Übergewicht und Adipositas
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Typ-2-Diabetes
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bestimmte Krebserkrankungen (u. a. Brust- und Darmkrebs)
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depressiven Symptomen
So zeigte eine große europäische Untersuchung: Bereits eine Erhöhung des UPF-Anteils in der Ernährung um 10 Prozent war mit einem deutlich höheren Risiko für Typ-2-Diabetes verbunden.
Wichtig ist dabei: Viele dieser Studien sind Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, können aber nicht endgültig beweisen, dass hochverarbeitete Lebensmittel die alleinige Ursache sind. So haben auch Faktoren wie Einkommen, Lebensstil und Bildungsgrad einen starken Effekt auf unsere Gesundheit und unser Essverhalten und könnten die Ergebnisse verzerren. Dennoch ist die Evidenz inzwischen so umfangreich, dass das Thema zunehmend als relevant für Prävention und Gesundheitspolitik betrachtet wird.
Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat begonnen, internationale Leitlinien zur Aufnahme von UPFs zu entwickeln, um politische Entscheidungsträger zu unterstützen, Maßnahmen zu treffen, die den Konsum solcher Produkte reduzieren.
Besonders deutlich wird die Diskussion bei Produktgruppen, die schon unabhängig vom UPF-Begriff als problematisch gelten – etwa zuckrige Getränke, stark salzige Snacks oder stark verarbeitete Fleischprodukte.
Warum sind hochverarbeitete Lebensmittel so dominant?
Hochverarbeitete Lebensmittel sind für große Lebensmittelkonzerne hochprofitabel:
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Billige Rohstoffe
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Lange Haltbarkeit
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Optimierte Transportfähigkeit
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Hohe Gewinnmargen
Diese Produkte sind nicht zufällig so präsent – sie sind ein Geschäftsmodell. Unternehmen investieren Milliarden in Werbung und Produktentwicklung. Gleichzeitig versuchen Teile der Branche, strengere Regulierungen, etwa Werbebeschränkungen für Kinder oder klare Kennzeichnungssysteme, zu verhindern oder abzuschwächen.
foodwatch fordert:
Die Debatte über Definitionen und Klassifikationssysteme darf nicht davon ablenken, dass gesundheitspolitische Maßnahmen längst möglich und notwendig sind: Bei vielen Produktgruppen hochverarbeiteter Lebensmittel ist seit Jahren gut belegt, dass ein hoher Konsum gesundheitliche Risiken erhöht – etwa bei zuckrigen Getränken oder stark verarbeitetem Fleisch.
Deshalb braucht es dringend politische Maßnahmen, die nachweislich wirken und Konsument:innen schützen:
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Strenge Werbebeschränkungen für ungesunde Produkte – besonders für Kinder
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Verpflichtende, transparente Kennzeichnung zur Nährwertqualität von Lebensmitteln wie den Nutri-Score
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eine Abgabe auf zuckrige Getränke (Kracherl-Steuer)
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Maßnahmen, die gesunde Lebensmittel leistbarer machen, etwa eine Mehrwertsteuersenkung auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte
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mehr Transparenz und weniger Einfluss der Lebensmittelindustrie auf politische Entscheidungen
Gesunde Ernährung darf nicht vom Einkommen abhängen. Die Politik soll Rahmenbedingungen schaffen, die gesündere Entscheidungen einfacher machen – und ungesunde hochverarbeitete Produkte weniger attraktiv.
Quellen und weiterführende Informationen
- foodwatch: „WHO calls for stricter regulation of big food industry”, 12.06.2024 (abgerufen am 20.02.20
- WHO: „Just four industries cause 2.7 million deaths in the European Region every year”, 12.06.2024 (abgerufen am 20.02.2026).
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Manger Bouger: „Les aliments ultra-transformés: pourquoi moins en manger?”, 01.12.2021 (abgerufen am 20.02.2026). - French NutriNet: „Contribution of ultra-processed foods in the diet of adults”, 13.07.2017 (abgerufen am 20.02.2026).
- National Library of Medecine: „Globalization, first-foods systems transformations and corporate power: a synthesis of literature and data on the market and political practices of the transnational baby food industry”, 21.05.2021 (abgerufen am 20.02.2026).
- University of Bath: „Intimidation tactics against researchers in tobacco, ultra-processed food and alcohol sectors”, 25.11.2024 (abgerufen am 20.02.2026).
- foodwatch: „Strategies used by the agro-industrial lobby against a mandatory Nutri-Score”, 17.6. 2024 (abgerufen am 20.02.206).