Ob High Protein-Pudding, Proteinbrot oder Protein-Riegel: Im Supermarkt springen uns Eiweißprodukte inzwischen überall entgegen. Die Botschaft ist klar: Mehr Protein = gesünder, fitter, schlanker. Doch stimmt das wirklich? Oder ist der High-Protein-Trend vor allem eines: ein lukratives Geschäft für die Lebensmittelindustrie?
Der Markt für Proteinlebensmittel wächst rasant. Immer mehr Produkte werden als „High Protein“ beworben – von Müslis über Milchprodukte bis hin zu Fertiggerichten. Manche dieser Lebensmittel sind von Natur aus proteinreich. Häufig wird aber auch Protein künstlich hinzugefügt, etwa durch Eiweißkonzentrate aus Weizen, Soja oder Lupinen, um sie als „High Protein” vermarkten zu können.
Besonders gerne genutzt wird auch Molkeneiweiß: Molke ist ein Nebenprodukt aus der Käseherstellung, das früher als „Abfallstoff” hauptsächlich in Tierfutter landete. Heute wird das Molkenprotein, auch Whey-Protein genannt, hochpreisig als Protein-Boost vermarktet.
High Protein heißt nicht automatisch gesund
Viele Proteinprodukte wirken auf den ersten Blick wie eine kluge Wahl: modern verpackt und als perfekte Sport-Ergänzung beworben.
Doch ein genauer Blick auf die Zutatenliste zeigt: Nur weil einem Produkt Protein zugesetzt wurde, ist es noch lange nicht gesund. Proteinriegel, Proteinpuddings und ähnliche Produkte enthalten häufig Süßungsmittel, Aromen, Verdickungsmittel und Zusatzstoffe. Damit zählen viele davon zu stark verarbeiteten Lebensmitteln.
Wie viel Protein braucht der Körper wirklich?
Die gute Nachricht: Die meisten Menschen sind bereits ausreichend mit Protein versorgt.
Die Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (GE) empfehlen:
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0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag
Das entspricht bei einer Person mit 70 Kilogramm etwa 56 Gramm Protein täglich. Diese Menge lässt sich normalerweise problemlos über eine abwechslungsreiche Ernährung erreichen.
Etwas höher sind die Empfehlungen nur für bestimmte Gruppen:
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Schwangere: 1,0 g/kg
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Stillende: 1,2 g/kg
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Menschen über 65 Jahre: 1,2 g/kg
Mehr Proteinbedarf bei Sport: nur bei intensivem Training
Für Sportler:innen wird oft eine Proteinzufuhr von 1,2 bis 2,0 g/kg Körpergewicht genannt. Aber: Diese Empfehlung gilt vor allem für Menschen, die wirklich intensiv trainieren, also etwa mehr als fünf Stunden Sport pro Woche.
Für viele Breitensportler:innen (Hobbysport 3–5 Mal pro Woche moderat) reicht die allgemeine Empfehlung von 0,8 g/kg meist aus.
Wichtig ist außerdem: Mehr Protein allein macht keine Muskeln.
Ohne gezieltes Training bringt die Extraportion Eiweiß kaum einen Effekt.
Protein: Diese Lebensmittel liefern genug Eiweiß
Protein steckt längst nicht nur in speziellen Shakes oder Riegeln. Ganz normale und unverarbeitete Lebensmittel liefern reichlich Eiweiß, zum Beispiel:
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Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen)
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Milchprodukte und Alternativen
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Eier
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Fisch und Fleisch
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Nüsse und Samen
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Getreideprodukte wie Brot, Haferflocken oder Nudeln
Wer abwechslungsreich isst, bekommt also ausreichend Protein – ganz ohne teure Spezialprodukte.
„High Protein“ ist oft nur Werbung mit Selbstverständlichkeit
Ein verbreiteter Trick: Hersteller bewerben Lebensmittel als „High Protein“, obwohl sie von Natur aus ohnehin viel Eiweiß enthalten – wie etwa Topfen oder Skyr. Das ist schlichtweg Werbung mit Selbstverständlichkeiten.
Ein Beispiel ist Cottage Cheese: Der NÖM Pro Cottage Cheese wirbt großflächig mit „High Protein“ und hebt plakativ hervor, dass eine Packung 25 Gramm Protein enthält. Tatsächlich handelt es sich dabei aber schlicht um einen ganz normalen fettreduzierten Cottage Cheese – und der Proteingehalt liegt gleich hoch oder sogar niedriger als bei vergleichbaren Cottage Cheeses der Eigenmarken von Hofer, Lidl, Billa oder Spar, die nicht mit Protein-Slogans werben. Trotzdem lässt sich NÖM das Produkt deutlich teurer bezahlen.
Auch bei pflanzlichen Drinks zeigt sich dieses Muster: Alpro verkauft einen Sojadrink mit dem Namen „Alpro Voll mit Protein Soya Drink“ – das Wort „Protein“ steht dabei auffällig groß auf der Verpackung. Der Haken: Der Drink enthält 3,0 Gramm Protein pro 100 Gramm. Ein anderer Alpro-Drink, der „Ohne Zucker Sojadrink“, liefert sogar 3,3 Gramm Protein pro 100 Gramm – enthält also mehr Protein, wird aber nicht als Protein-Highlight vermarktet.
Das Ergebnis: Konsument:innen glauben, ein besonderes Produkt zu kaufen – dabei ist es oft schlicht Standardware mit neuem Etikett.
Ab wann darf ein Lebensmittel „Proteinquelle“ oder „High Protein“ heißen?
Die Begriffe sind rechtlich geregelt:
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„Proteinquelle“: mindestens 12 Prozent des Energiegehalts stammen aus Protein
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„High Protein“ / „reich an Protein“: mindestens 20 Prozent des Energiegehalts stammen aus Protein
Protein-Werbung kann Konsument:innen in die Irre führen
Protein-Werbung wirkt besonders stark, weil sie schnelle Entscheidungen beeinflusst. Im Supermarkt haben wir oft nur wenige Sekunden Zeit. Ein großer „High Protein“-Aufdruck wirkt wie ein Qualitätsversprechen – auch wenn das Produkt objektiv keinen Vorteil gegenüber günstigeren oder weniger verarbeiteten Alternativen hat.
Die Industrie nutzt dabei den rechtlichen Spielraum aus: Ein einzelner Nährstoff wird herausgestellt, während der Rest des Produkts (Zusatzstoffe, Süßungsmittel, hoher Preis) in den Hintergrund rückt.
So entsteht ein System, in dem Konsument:innen mehr bezahlen – für ein Produkt, das oft keinen ernährungsphysiologischen Mehrwert bietet.
Quellen und weiterführende Informationen:
- Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: „High-Protein-Produkte sind überflüssig“, 2021 (abgerufen am 12.02.2026).
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: „Positionspapier zur Proteinzufuhr im Sport“, 2020 (abgerufen am 12.02.2026).
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: „Protein“ (abgerufen am 12.02.2026).
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern Text von Bedeutung für den EWR