Was Pamela Reif, More Nutrition & Co. verschweigen: Ashwagandha
Pamela Reif, ESN und More Nutrition bewerben ihre Ashwagandha-Produkte mit Versprechen gegen Stress. Deutliche Warnhinweise zu möglichen Nebenwirkungen fehlen. foodwatch hat alle drei Unternehmen abgemahnt.
Ein Kommentar von Laura Knauf.
Ashwagandha soll gegen Stress helfen, für besseren Schlaf sorgen und mehr "emotionale Stabilität" schenken. So bewerben es gerade drei große Marken: ESN, More Nutrition und Naturally You, das Food-Label der Fitness-Influencerin Pamela Reif. Millionen Follower:innen sehen diese Versprechen täglich auf Social Media. Was sie kaum sehen: die Warnhinweise. Die stehen, wenn überhaupt, gut versteckt ganz unten auf der Website.
Ich habe mir die Nahrungsergänzungsmittel genauer angeschaut. Generell scheint es für jede Lebenslage neuerdings ein Supplement zu geben, was schnelle Abhilfe verspricht. Aber je mehr ich gelesen habe, wie die Hersteller ihre Produkte bewerben, desto schockierter war ich, wie sorglos sie mit Ashwagandha umgehen.
Ist Ashwagandha schädlich?
Ashwagandha, auch Schlafbeere genannt, wächst hauptsächlich in Asien und wird gern in der traditionellen Medizin verwendet. Während es zwar Hinweise auf eine positive Wirksamkeit von Ashwagandha bei Aspekten wie Schlaf oder Stress gibt, warnen Expert:innen seit über 15 Jahren vor Risiken bei der Einnahme der Präparate. Es ist also keineswegs das harmlose Wellness-Kraut, als das es vermarktet wird.
Welche Nebenwirkungen kann Ashwagadha haben?
Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor der Einnahme, insbesondere für Schwangere, Stillende, Kinder und Menschen mit Lebererkrankungen, und verweist auf Berichte über Leberschäden. Dänemark hat den Verkauf entsprechender Präparate deshalb verboten, Polen schreibt Höchstmengen und Warnhinweise vor. Deutschland hingegen hat bislang weder das eine noch das andere getan.
Warnhinweise bei Nahrungsergänzungsmitteln sind keine Pflicht
Diese Lücke wird nach unserer Recherche voll ausgenutzt. Bei allen drei Produkten liegt die empfohlene Tagesdosis über der in Polen zulässigen Höchstmenge: teils beim Anderthalbfachen, bei ESN nach eigenen Angaben bis zum Dreifachen. Warnhinweise für Risikogruppen finden sich nach unseren Recherchen nicht dort, wo Verbraucher:innen sie erwarten würden: Die Werbung aller drei Hersteller weist nirgends auf Nebenwirkungen hin, und bei ESN steht es nicht mal auf der Verpackung.
Gesundheitsversprechen, die nicht zulässig sind
Nach der EU-Health-Claims-Verordnung sind gesundheitsbezogene Werbeaussagen zu Pflanzenstoffen wie Ashwagandha grundsätzlich nicht zulässig, weil dafür keine zugelassenen Werbe-Claims existieren. Der Europäische Gerichtshof hat das 2025 noch einmal bekräftigt. Trotzdem wirbt ESN mit "Runterkommen, wenn’s zählt", Naturally You mit “innere Stabilität und emotionale Balance", More Nutrition als Mittel gegen das Grübeln im Alltag. Aus unserer Sicht verstoßen alle drei Unternehmen damit gegen die Health-Claims-Verordnung.
Kein Einzelfall: Eine foodwatch-Recherche kam zu dem Ergebnis, dass 98 Prozent der Gesundheitswerbung für Nahrungsergänzungsmittel in sozialen Medien irreführend sind. Solche Recherchen führen wir regelmäßig für Verbraucher:innen durch. Möchten Sie uns unterstützen?
Wo bleibt die Kontrolle von Nahrungsergänzungsmitteln?
Die Lebensmittelüberwachung liegt in Deutschland bei den kommunalen Lebensmittelüberwachungsbehörden. Sie sind unterbesetzt und mit der Flut an Social-Media-Werbung überfordert. Ein einzelnes Amt gegen die Marketingabteilungen von Unternehmen mit Millionenreichweite – das kann kaum gelingen.
Deshalb macht foodwatch gerade einen Job, der eigentlich Aufgabe der Politik ist. Wir haben ESN, More Nutrition und Naturally You abgemahnt. Das reicht aber nicht, wenn morgen das nächste Trendprodukt mit fragwürdigen Gesundheitsversprechen beworben wird.
Was foodwatch für Ashwagandha & Co. fordert
Wir brauchen eine gebündelte Kontrolle der Gesundheitswerbung in sozialen Medien auf Bundesebene, verpflichtende Warnhinweise für Ashwagandha und vergleichbare Wirkstoffe sowie ein Zulassungsverfahren für Nahrungsergänzungsmittel, wie es für Arzneimittel längst gilt.
Bis dahin gilt: Wer eines dieser Produkte kauft, bekommt Werbeversprechen, die nach unserer Auffassung so nicht zulässig sind – und ein gesundheitliches Risiko, von dem in der Werbung nichts zu lesen ist. Genau deshalb bleibt foodwatch dran, bis sich das ändert.