Check: Behörden kontrollieren Instagram-Werbung für Nahrungsergänzungsmittel kaum
Auf Social Media boomt Werbung mit fragwürdigen Gesundheitsversprechen. Doch die meisten Behörden schauen kaum hin, wie eine foodwatch-Umfrage unter Lebensmittelüberwachungsämtern zeigt.
Ein kurzes Video, ein freundliches Gesicht, ein Satz wie aus der Arztpraxis. Und ein Pulver als Lösung für Stress, Depressionen oder sogar Krebs. In sozialen Medien ist profitorientierte Gesundheitswerbung Alltag. Das Skandalöse daran: Der Staat schaut weitgehend weg.
Die meisten Behörden kontrollieren Instagram und Co. selten
foodwatch hat 399 Lebensmittelüberwachungsämter in Deutschland befragt. 309 Behörden antworteten. Das Ergebnis ist ernüchternd: Mehr als 90 Prozent gaben an, Werbung in sozialen Medien nicht routinemäßig zu kontrollieren.
Viele Ämter werden nur anlassbezogen aktiv, nach Beschwerden. Eine systematische Überwachung findet praktisch nicht statt. Mehrere Behörden erklärten, sie würden die Vorfälle gar nicht erfassen. Manche gaben offen an, personell oder technisch nicht in der Lage zu sein. Das Amt im Landkreis Cloppenburg hat beispielsweise bislang keinen Zugang zu Social Media.
Unsere Instagram-Kontrolle zeigt: 98 Prozent irreführende Werbung
Dabei wäre eine strengere Kontrolle wichtig. Im Januar 2026 analysierte foodwatch Instagram-Stories und Posts von 189 Fitness- und Gesundheits-Influencer:innen über 23 Tage. 101 davon bewarben in 560 Fällen Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel mit konkreten Gesundheitsversprechen. Ergebnis: 98 Prozent dieser Versprechen waren aus Sicht von foodwatch rechtswidrig. Sie verstoßen gegen die europäische Health-Claims-Verordnung bzw. die Lebensmittelinformationsverordnung. Beide legen fest, wie Gesundheitsversprechen formuliert sein dürfen und die Health-Claims-Verordnung greift auf wissenschaftliche Fakten zurück.
Bei der Werbung für Nahrungsergänzungsmittel herrscht in den sozialen Medien Wildwest-Atmosphäre – doch der Sheriff schaut weg. Bund und Länder müssen die Lebensmittelüberwachung endlich so ausstatten, dass sie auch im digitalen Raum wirksam kontrollieren kann.Kampagnen und Recherche
Risiken von Influencer-Werbung: mehr als ein teurer Fehlkauf
Das Problem ist nicht, dass jemand einen Tipp gibt. Das Problem ist, wenn diese simulierte Vertrautheit von Influencer:innen ausgenutzt wird: Empfehlungen klingen wie die von einer:m gute:n Freund:in, aber kommen ohne Diagnose, ohne Aufklärung und ohne Verantwortung, denn Instagram-Stories verschwinden nach 24 Stunden.
Beispiele aus unserer Recherche: ESN, Sunday Natural, Herbal Talents
Irreführende Gesundheitswerbung führt nicht nur zu teuren Fehlkäufen. Sie kann:
- Gesundheit schaden, zum Beispiel bei Überdosierungen, ungeeigneter Einnahme etwa in Schwangerschaft, Wechselwirkungen mit Medikamenten oder durch riskante Inhaltsstoffe.
- Behandlungen verzögern, wenn Menschen bei Depressionen oder Krebs auf Kapseln statt auf ärztliche Hilfe vertrauen.
- Verbraucherschutz aushöhlen, weil Marketing die Rolle von evidenzbasierter Information übernimmt.
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Immer wieder versuchen Unternehmen mit Werbelügen durchzukommen und Profite zu schlagen. Wir gehen dagegen vor. Um unsere Unabhängigkeit zu bewahren, nimmt foodwatch kein Geld vom Staat oder der Lebensmittelindustrie. Fast 50.000 Förder:innen und noch mehr Spender:innen (Stand Juni 2025) finanzieren unsere Arbeit und sorgen dafür, dass die Stimme von foodwatch in der Öffentlichkeit Gewicht hat. Seien auch Sie dabei, jeder Beitrag wirkt, jede Stimme zählt!
Instagram-Werbung mit Gesundheit ist problematisch, aber lösbar
foodwatch sieht das Kernproblem in einer überlasteten, kommunal organisierten Lebensmittelüberwachung, die schon bei klassischen Aufgaben wie Restaurantkontrollen am Limit ist und im digitalen Raum endgültig scheitert. Die Kontrolle des Online-Markts muss auf Bundesebene gebündelt und die Überwachung personell und finanziell so ausgestattet werden, dass sie auch auf Instagram & Co wirksam handeln kann.
Denn solange Behörden im digitalen Raum praktisch ausfallen, gewinnen nicht Wissenschaft und Verbraucherschutz, sondern Reichweite, Rabattcodes, Unwissen und leere Versprechen.
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