Der längste foodwatch-Newsletter aller Zeiten!
Hallo und guten Tag,
es ist wieder „Grüne Woche“ – und zwischen der „Leistungsschau“ der Agrarbranche auf dem Berliner Messegelände und Massenprotesten auf den Straßen werden unzählige Ernährungsthemen politisch diskutiert. Einen Eindruck gibt Ihnen die Fülle der Themen in unserem heutigen Newsletter.
Eine Debatte, die zunehmend ins Absurde abdriftet, ist die um das geplante Freihandelsabkommen TTIP. Äußerungen von Ernährungsminister Christian Schmidt haben eine Diskussion darüber ausgelöst, ob der europäisch-amerikanische Freihandel den Schutz regionaler Spezialitäten gefährden könnte. Zum Beispiel den Schwarzwälder Schinken, der das offizielle EU-Siegel der geschützten geografischen Angabe trägt. Wieder einmal beschworen viele die ach so hohen europäischen Standards, die es vor den Amerikanern zu bewahren gelte. Doch schon heute – lange vor TTIP – wäre es erlaubt, Schwarzwälder Schinken mit Schweinefleisch aus den USA zu produzieren. Geräuchert werden muss zwar im Schwarzwald, aber die Herkunft des Fleisches ist auch ohne TTIP alles andere als eine Regionalsache, wie die EU-Kommission auf unsere Anfrage hin bestätigte. Mit anderen Worten: Solange „unsere“ Unternehmen den „regionalen“ Schwarzwälder Schinken produzieren, ist es egal, woher sie das Fleisch nehmen – wenn die Amerikaner aber auf die Idee kämen, den Schinken selbst zu räuchern, dann ist Gefahr in Verzug. Hohe EU-Standards? Wenn es bei Freihandelsabkommen darum ginge, die in vielerlei Hinsicht mangelhaften Standards für die Verbraucher auf beiden Seiten des Atlantiks zu verbessern wäre TTIP ein Fortschritt für alle – auch für die Liebhaber regionaler Spezialitäten. Darüber aber spricht niemand der verantwortlichen Politiker.
NEUES VON UNSEREN THEMEN
Gesundheitsschwindel – Hersteller halten sich nicht an EU-Vorschriften
Produkte, die mit Gesundheitsversprechen beworben werden, liebt die Industrie wegen ihrer hohen Gewinnmargen. Eine Stichprobe der Verbraucherzentralen hat gerade gezeigt, dass diese Versprechen häufig irreführend sind. Und bei 22 der 46 untersuchten Produkte wurden die gesundheitsbezogenen Aussagen über die EU-weit erlaubten Formulierungen hinaus sogar unzulässig verstärkt. Sobald einfach Vitamine oder Mineralstoffe industriell zugesetzt werden, dürfen Hersteller selbst Süßigkeiten oder Soft Drinks ganz legal mit Gesundheitsversprechen vermarkten. Wir meinen seit langem: Lebensmittel sind keine Medikamente! Schließen Sie sich unserer Forderung an: Gesundheitswerbung auf Lebensmitteln stoppen!
www.foodwatch.de/aktion-gesundheitsschwindel
REWE und PENNY: Hähnchenfleisch „Ohne Gentechnik“
Geht doch: Seit kurzem können Kunden bei REWE und PENNY Hähnchenartikel mit einem „Ohne Gentechnik“-Siegel kaufen. Damit sind die Lieferanten dieser Produkte verpflichtet, bei der Fütterung der Tiere auf gentechnisch veränderte Futtermittel zu verzichten. Seit langem fordern wir eine verpflichtende Kennzeichnung für alle tierischen Produkte, die mithilfe gentechnisch veränderter Futtermittel hergestellt wurden. Denn in der Regel erfahren Sie als Verbraucher beim Einkauf nicht, ob Fleisch, Milch oder Eier von Tieren stammen, die gentechnisch veränderte Futterpflanzen verspeist haben. McDonald's etwa behauptet seit Jahren, Gentechnikpflanzen in Futtermitteln ließen sich aufgrund der Vielzahl an Zulieferern nicht vermeiden. Auch der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft äußerte sich im letzten Jahr ähnlich. REWE und PENNY beweisen nun das Gegenteil. Noch besser ist eine verpflichtende Kennzeichnung! Schluss mit Gentechnik wider Willen. Schließen Sie sich uns an:
www.foodwatch.de/aktion-gentechnik
Übergewicht von Kindern: Placebo-Antrag der Großkoalitionäre
„Gesunde Ernährung stärken – Lebensmittel wertschätzen“ – dieser Antrag von SPD und Union wurde diese Woche im Bundestag behandelt. Die Regierungspartner benennen zwar die Ursachen für die massenhafte Fehlernährung von Kindern und Erwachsenen. Doch statt konkreter Maßnahmen legte die Koalition einen Katalog an Unverbindlichkeiten vor. Offensichtlich fehlt in Berlin der Mumm, auch nur an einer Stelle wirksame Maßnahmen gegen die Interessen der Lebensmittelindustrie und Zuckerlobby durchzusetzen. Grundschüler, so ein Vorschlag im Antrag, sollten einen „Ernährungsführerschein“ machen. Um den Marketing-Tricks von Nestlé, Kellog's, Unilever & Co. nicht auf den Leim zu gehen? Deutlicher hätte die Kapitulationserklärung der Großen Koalition vor der Lebensmittelindustrie wohl nicht ausfallen können!
Ernährungsminister: Energy Drinks sollen weiter an Kinder verkauft werden
Bundesernährungsminister Christian Schmidt sagte heute der Online-Ausgabe der Bild-Zeitung, es gebe „vorerst keine Gründe für ein Abgabeverbot“ von Energy Drinks an Kinder. Zur Begründung verweist er auf den seit Dezember vorgeschriebenen Warnhinweis: „Erhöhter Koffeingehalt. Für Kinder und Schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen“. Eine kleine Warnung auf der Rückseite, die zudem an der wissenschaftlichen Einschätzung vorbei geht: Denn nicht den erhöhten Koffeingehalt allein sehen Experten kritisch, sondern mögliche Wechselwirkungen mit Alkohol sowie den Konsum im Zusammenhang mit sportlichen Aktivitäten. Wir meinen: Ein Minister, der alle Expertenwarnungen ignoriert und Kinder unnötigen Risiken aussetzt offenbart ein hoch problematisches Amtsverständnis. Litauen hat es längst vorgemacht – Energy Drinks erst ab 18! Fordern Sie das auch von Christian Schmidt:
www.foodwatch.de/aktion-energyshots
Initiative Tierwohl gestartet
Ein Bündnis „Initiative Tierwohl“ mit Unternehmen aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel will seit Beginn des Jahres die Haltungsbedingungen für Schweine und Geflügel verbessern. Landwirte, die den Tieren zum Beispiel mehr Platz bieten als es die Gesetze vorschreiben, sollen aus einem Fonds Gelder beantragen können. Was sich konkret für die Tiere verbessert, bleibt neben Grundstandards wie der Überwachung von Antibiotika-Gaben aber den Landwirten überlassen. Wir jedoch meinen: Das wird den Tieren kaum helfen. Denn statt im fleischsatten Europa dafür zu sorgen, die Rechte der Tiere durchzusetzen, die ihnen laut Grundgesetz und laut dem Lissabon-Vertrag der EU zustehen, geht es der Fleischbranche und der Bundesregierung vor allem um Exportchancen. Die komplett freiwillige Initiative Tierwohl dient nur dazu, das Tätigwerden des Gesetzgebers zu verhindern, das eigene Image aufzupolieren und die Geschäfte nicht zu stören. Dabei kann nur konsequente Gesetzgebung den Tieren helfen. Und nur das kann ethisch gerechtfertigt werden!
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P.S.: Was in einer Woche alles passieren kann – so viele unterschiedliche Themen mussten wir selten in einem Newsletter ansprechen. Wir recherchieren, haken nach, beziehen Stellung – und geben nicht auf. Das alles können wir aber nur mit Ihrer Hilfe. Unterstützen Sie uns und werden Sie foodwatch-Mitglied: