EU-Parlament will Pestizidschutz aushöhlen
Gefährliche Pestizide länger auf dem Markt, Rückstände in unserem Essen: Die Entscheidung fällt in Brüssel und die Folgen tragen wir alle.
Die EU will zehn Lebensmittelgesetze auf einen Schlag ändern – im sogenannten „Food and Feed Safety Omnibus". Der Plan könnte zentrale Sicherheitsprüfungen schwächen, gefährliche Pestizide länger auf dem Markt halten und Industrieinteressen über die Gesundheit der Verbraucher:innen stellen.
Die EU-Kommission hat das Paket vorgeschlagen, jetzt ist das Parlament am Zug. Und sein Entwurf geht sogar noch weiter als der Vorschlag der Kommission. Ausgerechnet das Parlament, das die Verbraucher:innen schützen soll, würde den Schutz also weiter abbauen.
Am Abend des 6. Juli 2026 trafen sich dazu Abgeordnete aus dem Umwelt- (ENVI) und dem Agrarausschuss (AGRI). Damit beginnen die Verhandlungen. Im Herbst 2026 folgen schriftliche Änderungsanträge, Debatte und Abstimmung.
Pestizide gehören streng geprüft – nicht durchgewunken
Pestizide dürfen in der EU nur auf den Markt, wenn sie regelmäßig geprüft werden. Gefährliche Stoffe fliegen raus. Neue Erkenntnisse können eine Zulassung stoppen. So funktioniert der Schutz bisher und genau diese Prüfungen will das Parlament nun lockern.
Die Vorschläge des EU-Parlaments:
- Zulassung ohne Ablaufdatum. Rund 200 Pestizide stehen eigentlich zur Neubewertung an. Sie könnten einen Freifahrtschein bekommen – auch bekannte Stoffe wie Glyphosat.
- Längere Fristen für verbotene Stoffe. Selbst wenn ein Pestizid verboten wird, dürfte es drei weitere Jahre verkauft und verbraucht werden.
- Mehr Ausnahmen. Wirtschaftliche Argumente sollen reichen, um gefährliche Stoffe auf dem Markt zu halten.
- Wissenschaft wird ausgehebelt. Warnt ein Land vor einem neuen Risiko, stoppt das die Zulassung nicht mehr automatisch.
- Ein Ja gilt überall. Ist ein Pestizid in einem EU-Land erlaubt, gilt es künftig automatisch auch in allen anderen.
Im Eiltempo, ohne echte Prüfung
Die Vorschläge stützen sich fast nur auf den Input aus der Agrarindustrie. Und niemand hat geprüft, welche Folgen sie hätten. Deshalb hat foodwatch Beschwerde bei der Europäischen Bürgerbeauftragten eingereicht.
Die Beschwerde richtet sich gegen die Kommission. Sie hat das ganze Paket im Eiltempo vorbereitet. Eine ernsthafte Beteiligung der Öffentlichkeit gab es kaum. Für zehn Gesetze reichte eine kurze Befragung über vier Wochen. Über 6.400 Rückmeldungen gingen ein. Nur zwei Monate später stand der Entwurf. foodwatch fordert deshalb: Vorschlag zurückziehen, Verhandlungen stoppen – bis die Folgen ehrlich geprüft sind.
Und das hat System: Schon im November 2025 bescheinigte die Bürgerbeauftragte der Kommission Missstände – bei anderen, ähnlich schnell durchgezogenen Omnibus-Paketen.
Dass das Parlament beim Abbau des Verbraucherschutzes sogar noch weiter geht als die Kommission, ist völlig unverständlich – etwa bei der regelmäßigen Überprüfung gefährlicher Pestizide. Schließlich sollte es die Menschen schützen.foodwatch International
Was in Europa zu gefährlich ist, darf nicht exportiert werden
Der Omnibus ist kein Einzelfall. Er reiht sich in eine Politik ein, die Schutzregeln abbaut. Ein Beispiel: Manche Pestizide sind in der EU verboten, weil sie zu gefährlich sind. Trotzdem dürfen europäische Firmen sie herstellen und exportieren – in Länder mit schwächeren Regeln. Über Rückstände in importierten Lebensmitteln kommen die Stoffe zu uns zurück. Auf unseren Tellern.
2020 versprach die EU-Kommission, diesen Pestizid-Boomerang zu stoppen. Jetzt bricht sie ihr Versprechen. Ihre Begründung: Ein Verbot schade der Chemieindustrie. Genau das behauptet die Branche seit Jahren.
Die EU-Kommission muss zu ihrem Versprechen stehen: Chemikalien, die in Europa als zu gefährlich gelten, dürfen nicht länger in andere Länder exportiert werden – und erst recht nicht über Rückstände in importierten Lebensmitteln wieder auf unseren Tellern landen. Europas Schutzstandards dürfen nicht an den Grenzen der EU enden.
Quellen
- Europäisches Parlament, Gemeinsame Sitzung der Ausschüsse ENVI und AGRI – Aufzeichnung ansehen, 6. Juli 2026.
- Europäisches Parlament, Draft report - CJ14_PR(2026)789112.
- foodwatch, Omnibus on food: safety checks for pesticides under attack, 18.12.2026.
- foodwatch, Beschwerde bei der Europäischen Bürgerbeauftragten über den Umgang der Europäischen Kommission mit dem Omnibus-Paket zur Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit, 10.06.2026.
- Europäische Kommission, Your email of 19 May 2026 with a letter on pesticide residues in food items, Antwort an foodwatch, 29.06.2026.