Frage des Monats 06.11.2020

Weidemilch, Heumilch, Milch von Freilaufkühen – was bedeutet das?

AdobeStock / Sergey Ryzhov

foodwatch-Pressesprecher Andreas Winkler antwortet:

Im Supermarkt-Kühlregal stehen unzählige verschiedene Milchpackungen nebeneinander – von der günstigen Eigenmarke bis zum teuren Markenprodukt. Häufig vermitteln Werbung und Verpackungsgestaltung ein idyllisches Bild: grüne Weiden, blauer Himmel, weiße Berge. Einige Hersteller werben zudem mit Begriffen wie „Heumilch“, „Weidemilch“ oder „Milch von Freilaufkühen“. Was steckt dahinter und worauf kann ich beim Einkauf achten?

Vielzahl unterschiedlicher Begriffe 

Als „Heumilch“ darf Milch von Kühen bezeichnet werden, die nicht mit Silo-Futter gefüttert wurden, sondern mit Gras und Heu. Gentechnisch veränderte Futtermittel sind ebenfalls tabu. Wichtig: Die Bezeichnung bezieht sich also vor allem auf die Fütterung – nicht darauf, wie die Tiere gehalten wurden oder woher die Milch kommt. Der Begriff ist aber immerhin EU-weit rechtlich geschützt. Hersteller, die damit werben wollen, müssen sich an die vorgegebenen Produktionsstandards  halten.

Viele andere Werbebezeichnungen hingegen, wie „aus artgerechter Tierhaltung“, sind überhaupt nicht geschützt und oft reine Marketing-Fantasien. Auch der Begriff „Weidemilch“ ist lebensmittelrechtlich nicht klar definiert. Wie viele Tage im Jahr die Kühe wirklich auf der Weide stehen oder welches Futter im Winter verwendet wird – dazu fehlen häufig die Informationen. Das Portal lebensmittelklarheit.de  der Verbraucherzentralen weist darauf hin, dass es nicht immer eine externe Kontrolle gibt und nicht alle Anbieter auf gentechnisch veränderte Futtermittel verzichten.

Der Molkereikonzern Hochland hat irreführende Milch-Werbung auf die Spitze getrieben: Für seinen „Grünländer“-Käse erfand das Unternehmen die Bezeichnung „Milch von Freilaufkühen“. Tatsächlich stehen die Tiere aber im Stall – worauf Hochland erst im Kleingedruckten auf der Rückseite hinweist. Der Grünländer-Käse erhielt dafür bei der Wahl zum Goldenen Windbeutel 2020 , der foodwatch-Onlineabstimmung zur dreistesten Werbelüge des Jahres, mit Abstand die meisten Stimmen.

Und was ist mit Bio-Milch? Im Gegensatz zu Fantasie-Werbebegriffen wie „Freilaufkühe“ ist die Bezeichnung „bio“ rechtlich geschützt und klar definiert. Hersteller, die mit Bio-Milch oder Milch aus ökologischer Haltung werben, müssen die Bestimmungen der EU-Ökoverordnung einhalten. Sie dürfen zum Beispiel keine gentechnischen Futtermittel verwenden und die Kühe haben mehr Platz und Auslauf als in der konventionellen Haltung.

Im Kühlregal: Massenhaft Milch von kranken Kühen

Aber auch der Griff zur Bio-Milch garantiert leider nicht, dass es den Kühen gut geht und sie nicht krank sind. In der modernen Tierhaltung müssen Milchkühe absolute Hochleistungen erbringen. Die Tiere geben im Schnitt 40 Liter Milch – jeden Tag. Die Folge: Viele Kühe leiden unter Krankheiten, zum Beispiel unter schmerzhaften Euterentzündungen. Bio-Betriebe schneiden dabei, was die Gesundheit der Tiere angeht, nicht per se besser ab als konventionell bewirtschaftete Höfe. Es mag verwundern, aber tiermedizinische Studien belegen immer wieder ganz klar: Der Gesundheitszustand der Tiere hängt bei weitem nicht nur davon ab, ob sie in kleinen Betrieben oder "Megaställen", auf Bio-Höfen oder in konventioneller Haltung leben. Sondern vor allem davon, wie gut oder schlecht der einzelne Tierhalter seinen Betrieb führt. Also ob zum Beispiel auf gute Hygiene geachtet wird und kranke Tiere rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Vereinfacht gesagt: Während die eine Landwirtin ihr „Stallmanagement“ gut im Griff hat und sich so um die Tiere kümmert, dass sie gesund sind, gibt es bei ihrem Kollegen im Nachbardorf vielleicht immer wieder kranke und leidende Tiere. An der Milchpackung im Supermarkt kann ich nicht erkennen, ob die Milch von einem Hof kommt, wo alles in Ordnung ist oder nicht.

Es ist eigentlich unglaublich: Bisher gibt es für Tierhaltungsbetriebe schlichtweg keinerlei Vorgaben dafür, dass es den Tieren gut gehen muss, sie also gesund sein müssen – und zwar weder in der konventionellen noch in der Bio-Tierhaltung.

Höherer Preis gleich bessere Tierhaltung?

Auch der Preis bietet keine Orientierung – ein höherer Preis garantiert keine bessere Tierhaltung. Auf den ersten Blick scheint es zwar vielleicht logisch: Bei der teureren Milch bekommt der Landwirt mehr Geld und kann also seine Tiere besser halten. Doch tatsächlich ist der Auszahlungspreis, der bei der einzelnen Landwirtin ankommt, häufig genau der gleiche – egal ob günstiges No-Name-Produkt vom Discounter oder teure Markenmilch, wie ein foodwatch-Marktcheck  2016 gezeigt hat. Ein Liter ja!-ESL-Vollmilch kostete beispielsweise 46 Cent, das gleiche Produkt von "Bärenmarke" 1,15 Euro – mehr als das doppelte. In beiden Fällen erhielten die Landwirtinnen und Landwirte von den Molkereien aber nur rund 26 Cent. Bei der teuren Markenmilch zahlen wir Verbraucherinnen und Verbraucher also vor allem für Werbung und Marketing. Ob die Kühe gut gehalten wurden, darüber sagt der Preis wenig aus. Eine Ausnahme ist Bio-Milch – hier kommt von den höheren Supermarktpreisen tatsächlich mehr bei den Landwirten an.

Fazit: Wir Verbraucherinnen und Verbraucher können im Supermarkt kaum erkennen, wie es den Milchkühen geht. Wenn wir Milch kaufen, haben wir (leider!) keine Garantie, dass diese von gesunden Kühen stammt.