Eckart von Hirschhausen: „Jeder Dicke selber schuld? Quatsch!“

17.12.2018

Dr. Eckart von Hirschhausen unterstützt die Arbeit von foodwatch gegen Fehlernährung. Im Interview verrät der Arzt und Komiker, warum Fettleibigkeit ein gesellschaftliches Problem ist und gibt fünf Tipps für ein gesundes Leben.

foodwatch: Wir haben uns sehr über Ihren spontanen Besuch unserer Pressekonferenz zu überzuckerten Erfrischungsgetränken gefreut – warum liegt Ihnen das Thema am Herzen?

Eckart von Hirschhausen: Zucker ist schädlich. Das weiß man eigentlich schon lange, aber jetzt ist dieser Fakt wissenschaftlich noch klarer bewiesen und das Thema gewinnt an gesellschaftlicher Brisanz. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer „globalen Adipositas-Epidemie“. In Deutschland sind aktuell 15 Prozent der Kinder und etwa 60 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, etwa jeder vierte Erwachsene ist sogar fettleibig. Mehr als sechs Millionen Menschen sind zuckerkrank. Das sind doch alarmierende Zahlen, die wir als Gesellschaft ernst nehmen müssen! Wer einmal dick ist, hat es verdammt schwer, seinen Stoffwechsel wieder umzudrehen. Das Allerbeste ist: gesund bleiben. Von Anfang an.

Wenn Sie Ernährungsminister wären, welche Maßnahme würden Sie sofort auf den Weg bringen?

Wir brauchen dringend klare gesetzliche Rahmenbedingungen zur Prävention, die uns allen helfen, gesünder zu bleiben. Gesundheit ist ein Mix aus Eigenverantwortung, Aufklärung und gesellschaftlichen Regeln. Deshalb ist es höchste Zeit für eine wirksame Zuckersteuer, konsequente Werbeverbote und eine sinnliche und humorvolle Vermittlung von Gesundheitskompetenz in den Kindergärten und Schulen. Das Problem ist aber, dass Prävention kein Geschäftsmodell ist. Niemand verdient daran, wenn Menschen gesund bleiben. Aber viele, wenn sie krank sind. Das ist kein freier „Markt“, wenn die Anreize genau in die falsche Richtung gehen. 

Die Lebensmittelindustrie warnt gerne vor einem „Nanny-Staat“ – sind politische Maßnahmen für eine gesunde Ernährung bevormundend?

Erinnern Sie sich noch an den Aufschrei, als Rauchen in den Kneipen verboten wurde? Es gab aber keinen Weltuntergang, sondern mehr Leute, die in eine Kneipe gehen und da atmen können. Und die Herzinfarkte durch Rauchen und Passivrauchen gingen messbar runter. Ich bin auch nicht für einen medizinischen Überwachungsstaat, aber es gibt sinnvolle Forderungen, und dazu gehört neben einer klaren Lebensmittelkennzeichnung auch eine Zuckersteuer. Positiv gesprochen, bestimmt der Rahmen unser Verhalten, nicht die Vernunft. In Dänemark fahren viel mehr Menschen mit dem Rad zur Arbeit, weil die Radwege so breit sind wie die Straßen. Das sind alles politische Entscheidungen, die sich positiv auf die persönlichen Entscheidungen auswirken. Aber dieser Gedanke von „public health“ ist in Deutschland noch unterentwickelt, hier tut man so, als sei jeder Dicke an seinem Schicksal selber schuld, was vollkommener Quatsch ist.

Haben Sie Tipps für ein gesundes Leben?

Lassen Sie einfach alles weg, was es verkürzt. In meinem Liveprogramm „Endlich!“ bringe ich es ganz einfach auf den Punkt: 15 Jahre unseres Lebens hängen am Lebensstil. Es gibt keine Tablette, keine Operation und erst recht keine Creme, die uns besser schützt als fünf ganz einfache Dinge des Alltags: nicht rauchen, bewegen, Gemüse, erwachsen werden und Kind bleiben. 

Welche Schwäche haben Sie?

Sie sollten mich nie mit einer Tafel Marzipan-Schokolade alleine in einem Raum lassen, da kann ich für nichts garantieren. Aber wer nicht genießt, wird ungenießbar!

Eckart von Hirschhausens neues Buch „Die Bessere Hälfte. Worauf wir uns mitten im Leben freuen können“ erschien im September 2018. Seit Dezember 2017 ist er mit seinem Bühnenprogramm „Endlich“ auf Tour. Gemeinsam mit mehr als 2.000 Ärztinnen und Ärzten, Krankenkassen, Fachgesellschaften und foodwatch fordert er von der Bundesregierung in einem Offenen Brief wirksame Maßnahmen für die Prävention von Fettleibigkeit, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten. 

Zucker runter in Limo!

Unterschriften

In Großbritannien müssen Hersteller überzuckerter Getränke ab 2018 eine Abgabe zahlen, mit der gesundes Schulessen finanziert wird. Diesem Beispiel sollte Deutschland folgen!  Mehr erfahren

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