Wissenschaft spricht für Ampelfarben

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Die Mehrheit der Bürger will die Lebensmittel-Ampel, auch Kinderärzte, Krankenkassen und Patientenorganisationen sind dafür. Doch was sagt die Wissenschaft? Die Befunde sind klar: Wo industrieunabhängig geforscht wird, liefern die Studien Argumente für eine farbliche Nährwertkennzeichnung.

Von Seiten der Ernährungswissenschaftler wurden die Vorteile der Ampelkennzeichnung bereits durch verschiedene Studie belegt. So zeigt eine Studie der Fachhochschule Münster zur Ampelkennzeichnung, „dass diese im Vergleich zur GDA-NWK [der GDA-Nährwertkennzeichnung der Industrie, Anm. foodwatch] sowohl zu einer besseren/korrekteren Einschätzung des Zucker-/Kalorien-Gehalts als auch zu korrekteren Ergebnissen bei Produktvergleichen führt.“ Autor dieser Studie ist Prof. Dr. Holger Buxel vom Fachbereich Oecotrophologie.

Mit der GDA-Kennzeichnung erkannten knapp 60 bzw. 34 Prozent der Befragten nicht, welches das stärker zucker- bzw. kalorienhaltigere Produkt war. Mit der Ampel lag dieser Wert nur bei 5 Prozent. 75 Prozent der Befragten hielten die Ampelkennzeichung insgesamt für hilfreicher. Das von der Industrie vorgeschlagene System hingegen führte „bei einem direkten Produktvergleich für viele Befragte zu Verständnis- und Irritationsproblemen“, heißt es in der Studie.

Britische Studie: Farben plus Text wichtig für Verständnis

Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt die bislang umfassendste vergleichende Studie über die Verständlichkeit verschiedener Kennzeichnungssysteme. Beauftragt wurde die Studie von der staatlichen britischen Lebensmittelbehörde FSA (Food Standards Agency). Hier ist das Ergebnis: Entscheidend für die Verständlichkeit von Nährwertinformationen ist Kombination von Ampelfarben und Text. Der Studie zufolge sind zwei Arten der Nährwertkennzeichnung signifikant verständlicher als andere Systeme: Eine Kombination aus Text (hoch/mittel/niedrig) und Ampelfarben (rot/gelb/grün) oder eine Kombination von Text, Ampelfarben und zusätzlichen GDA-Prozentwerten. Das reine Industrie-Modell mit Prozentwerten nach dem GDA-System fällt bei dem Vergleich durch.

FSA-Studie „eine hervorragende Arbeit"

Die FSA-Studie hat deshalb eine besondere Bedeutung, weil sie die einzige umfassende Studie ist, die verschiedene Kennzeichnungsmodelle in der Praxis miteinander verglich. Doch wie steht es um die Aussagekraft dieser Studie? Unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Ingrid-Ute Leonhäuser vom Institut für Ernährungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen hat Diplom-Ökotrophologin Julia Lohscheidt die Qualität der Untersuchung für foodwatch bewertet. Fazit: Die FSA-Studie sei bezüglich ihrer Methodik und Validität „als eine hervorragende Leistung einzustufen“.

Auch Wirtschaftswissenschaftler sehen Vorteile für die Ampel

Unterstützung für die Ampelkennzeichnung kommt auch von überraschender Seite: „Die Ampel erreicht die Verbraucher am besten", lautet das Fazit der Wirtschaftswissenschaftler im DIW-Wochenbericht vom 2. Juni 2010. Das DIW hat sich ausführlich mit der Frage auseinander gesetzt, welches der beiden Kennzeichnungssysteme – die Nährwertampel und das Industriemodell GDA – nach empirischen Befunden und theoretischen Erklärungsansätzen besser ist. Den klaren Vorteil der Ampel sieht das DIW in der einfachen Verständlichkeit: „Es muss auch möglich sein, dass Verbraucher, die nicht so gebildet oder gesundheitsbewusst sind, trotzdem aufmerksam gemacht werden. Das wird durch eine Signalfarbe viel deutlicher gemacht als durch viele Zahlen.“

Wirtschaftwissenschaftler widerlegen Argumente der Industrie

Die Wirtschaftswissenschaftler haben für den Wochenbericht die existierenden Studien zum Thema Ampel ausführlich analysiert und dabei mit vielen Vorurteilen und Argumenten der Lebensmittelindustrie aufgeräumt. Etwa mit dem, dass die Ampel Produkte diffamiere. „Objektiv ist dazu festzustellen, dass die Ampel tatsächlich nicht ein Produkt insgesamt bewertet, sondern die einzelnen Nährstoffe. Die Kritik, die Ampel ignoriere, dass es mehr als nur die angegebenen Nährstoffe gebe, mag berechtigt sein, gilt jedoch gleichermaßen für die GDA-Angaben und ist insofern nicht nachvollziehbar.“ Weiter heißt es: „Die Frage wiederum, ob die Ampel eine einseitige Ernährung begünstigt, wurde nach unserem Kenntnisstand bisher noch nicht durch Studien fundiert.“

Keine Wettbewerbsbehinderung durch Ampel

Die Gefahr, dass der Wettbewerb durch eine Nährwertkennzeichnung mit den Ampelfarben behindert würde, sieht das DIW nicht. „Die Menschen werden weiterhin Gebäck und Süßwaren kaufen. Es bleibt trotzdem Aufgabe des Staates, deutlich zu machen, dass sie damit Nahrungsmittel zu sich nehmen, die unter Umständen negative gesundheitliche Auswirkungen haben können."

„EUFIC" und „FLABEL": Fragwürdige Studien der Industrielobby

Umso unverantwortlicher, dass sich die Lebensmittelindustrie weiterhin gegen die Ampelkennzeichnung wehrt. Dabei beruft sie sich übrigens ebenfalls auf die Wissenschaft – es lohnt sich allerdings, die Hintergründe der von Wirtschaftslobbyisten zitierten, zum Teil unveröffentlichten Studien EUFIC und FLABEL zu beleuchten. EUFIC schreibt über sich selbst: "Das EUFIC wird von der Europäischen Kommission und der europäischen Lebensmittel- und Getränkeindustrie mitfinanziert. Es wird von einem Vorstandsgremium geleitet, dessen Mitglieder von den Mitgliedsunternehmen ernannt werden. Derzeit gehören folgende Unternehmen dem EUFIC an: Barilla, Cargill, Cereal Partners, Coca-Cola HBC, Coca-Cola, DSM Nutritional Products Europe Ltd., Ferrero, Groupe Danone, McCormick Foods, Mars, McDonald's, Nestlé, Novozymes, PepsiCo, Pfizer Animal Health, Procter & Gamble, Südzucker, Unilever, und Yakult." Das Who ist Who der internationalen Nahrungsmittelkonzerne.

FLABEL wird ebenfalls von EUFIC getragen, hier hat man sich jedoch zusätzliche Partner mit ins Boot geholt – zum Beispiel die britische Handelskette Tesco. Die ist in Großbritannien seit Jahren als erbitterter Gegner der Ampelkennzeichnung aufgefallen.

Zuletzt geändert am 27.09.2012
 
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