FAQ 22.10.2024

Fischsiegel: MSC und ASC erklärt

foodwatch

Siegel sollen den Alltag von Verbraucher:inenn eigentlich erleichtern. Jedoch sind die Kriterien, mit denen MSC und ASC ihre Zertifizierungen vergeben, nicht immer das, was man erwartet. Unser Faktencheck: 

Der MSC bezieht sich auf Wildfisch, während der ASC Fisch und Meeresfrüchte aus Zuchtbetrieben (Aquakultur) kennzeichnet. 

Der „Marine Stewardship Council“ (MSC) wurde 1997 von Unilever und dem WWF gegründet. Die Organisation setzt sich nach eigenen Angaben „zum Schutz der Meere und Fischbestände“ ein. Heute erzielt der MSC über 33 Millionen Pfund jährlich – vor allem durch Lizenzen für sein blaues Siegel. Dieses Label findet sich auf mehr als der Hälfte aller Fischprodukte im deutschen Handel. 

Der MSC verspricht: Keine Überfischung, der Lebensraum Meer wird geschont und es gibt ein wirksames Fischereimanagement. Doch die Realität sieht anders aus: Zulässig ist fast jede Fangmethode – außer Gift und Sprengstoff. Selbst zerstörerische Grundschleppnetze, das ‘Mitfangen’ überfischter Bestände, hoher Beifang und industrielle Großfischereien gelten beim MSC als „nachhaltig“. Laut der französischen Meeresschutzorganisation BLOOM stammten zwischen 2009 und 2017 rund 83 % des MSC-zertifizierten Fischfangs aus industrieller Fischerei mit hohem ökologischem Fußabdruck. 

Der „Aquaculture Stewardship Council“ (ASC) wurde 2010 vom WWF und der niederländischen ‘Sustainable Trade Initiative’ (IDH) gegründet und vergibt seit 2012 sein türkisfarbenes Label für „nachhaltige Aquakultur“. ASC hat im Jahr 2023 ein Einkommen von 15,6 Millionen Euro – vor allem durch die Lizensierung des Labels. In Norwegen sind bereits fast die Hälfte aller Lachsfarmen ASC-zertifiziert. 

Das Label verspricht hohe Umwelt- und Tierwohlstandards, von sauberem Wasser über geringeren Chemikalieneinsatz bis zu artgerechterem Futter. Doch die Realität sieht anders aus: Studien und Behördenberichte dokumentieren massives Leid in der Lachszucht – von Parasitenbefall über Krankheiten bis hin zu millionenfachem Massensterben. 

MSC und ASC werden von privaten Organisationen vergeben, die von Zertifizierungsgebühren der Fischereibetriebe leben. Dadurch besteht ein Interessenkonflikt: Je mehr Betriebe zertifiziert werden, desto mehr Einnahmen entstehen – was strenge Kontrollen oder einen Labelentzug unattraktiv machen kann. 

Nicht unbedingt. MSC und ASC-Siegel werden für ihre zu laschen Kriterien bei der Zertifizierung kritisiert. Manche Fischereien erhalten Zertifikate, obwohl sie Beifang, zerstörerische Fangmethoden oder schwindende Bestände aufweisen. Beispielsweise fangen Thunfischflotten im Westindischen Ozean Tausende von Seidenhaien. Die Meeresschutzorganisation BLOOM hat errechnet, dass zwischen 2009 und 2017 rund 83 Prozent des vom MSC zertifizierten Fischfangs auf industrielle Fischereien mit hohem ökologischem Fußabdruck entfielen – was im Widerspruch zu den selbst proklamierten Nachhaltigkeitszielen des MSC steht.

Nein, nicht zwangsläufig. Manche zertifizierten Bestände stehen unter Druck und ihre Fangmengen liegen über den wissenschaftlichen Empfehlungen.  

Unsere foodwatch-Recherche konnte zeigen: Im Fanggebiet FAO-51 im westlichen Indischen Ozean fangen europäische Fangflotten, vor allem aus Spanien und Frankreich, trotz MSC-Zertifizierung regelmäßig überfischte Arten, wie den überfischten Großaugenthunfisch – oft mit ökologisch besonders problematischen Fischsammlern (FADs). 

Das MSC-Siegel konzentriert sich fast ausschließlich auf ökologische Aspekte.  

Auf den europäischen Thunfischfangflotten, die für den europäischen Markt fischen, herrschen laut einer Untersuchung der Blue Marine Foundation teils gravierende soziale Missstände. Viele der meist aus Westafrika stammenden Besatzungsmitglieder arbeiten unter harten Bedingungen für sehr niedrige Löhne, oft sogar unterhalb des von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) festgelegten Mindestlohns für Seeleute. Berichtet wird von Diskriminierung gegenüber schwarzen Crewmitgliedern, schlechter Verpflegung, unzureichender medizinischer Versorgung, fehlender Hygiene, überlangen Arbeitszeiten und intransparenten Lohnabrechnungen. Verspätete oder ausbleibende Zahlungen sind keine Seltenheit, und Versuche, sich zu wehren – wie die Streiks 2022 und 2023 – wurden mit Repressionen wie Geldstrafen oder Internetsperren an Board beantwortet. Während die Fangunternehmen mit Umsätzen in Millionenhöhe große Profite erzielen, bleiben die Arbeits- und Lebensbedingungen der Crew damit weit hinter internationalen Standards zurück.

Das Outlaw Ocean Project hat dokumentiert, dass in zehn MSC-zertifizierten Betrieben in China Zwangsarbeit von Uigur:innen stattgefunden haben soll.

Verbraucher:innen können Druck auf Händler und Politik ausüben und so dazu beitragen, dass strengere Standards und Kontrollen für Nachhaltigkeitssiegel wie das MSC-Label endlich umgesetzt werden. Gleichzeitig lässt sich auch beim Einkauf ein Zeichen setzen: Wer Fisch aus weniger gefährdeten Beständen wählt (siehe Fischratgeber) oder den Fischkonsum insgesamt reduziert, schützt die Meere unmittelbar. Doch letztlich liegt die größte Verantwortung bei der Politik – sie muss verbindliche Regeln schaffen, um Überfischung wirksam zu stoppen und Meeresökosysteme dauerhaft zu schützen.