Geschönte Produkte durch unrealistische Portionsangaben

12.12.2016

Am 13.12. endet die Übergangsfrist für die EU-weite Regelung zur Kennzeichnung von Lebensmitteln. Doch für die 500 Millionen Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU ist das keine gute Nachricht: Kennzeichnungslücken werden damit gesetzlich festgeschrieben und informierte Kaufentscheidungen verhindert. So rechnet die Industrie den Gehalt von Salz, Zucker und Fett in ihren Produkten mit unrealistischen Portionsgrößen schön.

Zwar müssen künftig die sieben wichtigsten Nährwerte (Brennwert, Fett, gesättigte Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz) einheitlich pro 100 Gramm beziehungsweise Milliliter angegeben werden. Doch die Industrie darf die Angaben auf der Rückseite der Packung im Kleingedruckten verstecken – und auf der Packungsvorderseite die Zucker-, Fett- oder Salzwerte mit Mini-Portionsgrößen und irreführenden Prozentwerten kleinrechnen. Wie unrealistisch diese Portionsangaben häufig sind, zeigen die Beispiele in der Fotostrecke.


  • 12.12.2016

    So mogeln die Hersteller mit Portionsgrößen

    Fotostrecke (8 Bilder)
    • Der Smarties Klapper Klaus von Nestlé (100g) besteht laut Herstellerabgaben aus fünf Portionen à 20g. Fünf Kinder also, die sich in weihnachtlichem Frieden eine Schokofigur teilen sollen? Na dann: Frohes Fest!
    • Die Frühstücksflocken Cookie Crisp „Chokella Toasts“ von Nestlé werden an Kinder beworben und scheinen auf den ersten Blick ein ausgewogener Start in den Tag: Nur 10% des täglichen Zucker„bedarfs“ pro Portion. Doch es grüßt der Zuckerwolf im Schafspelz: Die Rechnung beruht auf einer Mini-30g-Portion ohne Milch und dem Zucker„bedarf“ einer erwachsenen Frau. 
    • Wer kennt das nicht: Ein gemütlicher Filmabend zu zweit auf der Couch und – zack – ist die große 175g-Chipstüte leer. Laut Angaben von funny frisch (Intersnack) enthält eine Packung „Chipsfrisch ungarisch“ aber mehr als fünf Portionen à 30g. So scheint der fettige, salzige Snack bei den Nährwertangaben auf der Vorderseite gesünder als er ist. 
    • Die Portionsgröße der American Style Cookies von Reals Eigenmarke Tip gleicht eher einer Diät-Empfehlung im Sinne von „FdH“ („Friss die Hälfte“) als einer realistischen Verbraucherinformation: Ein Keks = eine Portion. Aber nur die Wenigsten würden es wahrscheinlich bei 12 Keksen in einer Packung bei nur einem 19g-Keks belassen. 
    • Real bewirbt sein Bio Studentenfutter auf der Produktvorderseite damit, dass eine Portion nur 5% des täglichen Kalorienbedarfs enthalte. Wohlgemerkt: Eine Portion von winzigen 25g, wie unser Bild zeigt, also nur einem Achtel der 200g-Packung! Probieren geht wohl nicht immer über studieren…
    • Same same, but different: Auch Convenience-Produkte wie die Frühlingsrollen von Tip (Real) schummeln mit unrealistisch kleinen Portiönchen – aber wer wird denn von nur einem Frühlingsröllchen satt? 
    • Die Flasche kommt handlich und schlank daher und wirbt auf der Vorderseite mit niedrigen Kalorienwerten. Wer das Kleinstgedruckte liest, enttarnt den billigen Trick, der nicht nur beim Good Milk Joghurt Drink den wahren Zuckergehalt verschleiert…
    • …sondern auch Rewe Bio Holunder-Limonade und andere Zucker-Getränke schönrechnet: Für die 500ml-Flasche berechnen die Hersteller einfach zwei Portionen – obwohl wahrscheinlich die wenigsten bei dieser typischen „to go“-Größe nur die halbe Flasche trinken.

foodwatch fordert die Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien dazu auf, das Thema erneut auf die politische Agenda zu heben. Die Lebensmittelinformationsverordnung hält das Versprechen nicht, das den europäischen Verbraucherinnen und Verbrauchern gegeben wurde. Mannigfaltiger Täuschung und Irreführung durch die Hersteller wird damit kein Riegel vorgeschoben, das zeigt das Industrie-Modell zur Kennzeichnung der Nährwerte. Die Lebensmittelampel auf der Schauseite der Produkte wäre erwiesenermaßen viel verständlicher und würde einen Vergleich zwischen verschiedenen Produkten erleichtern. foodwatch hat darum eine E-Mail-Aktion gestartet und ruft die im Bundestag vertretenen Parteien dazu auf, die Einführung der Nährwertampel in ihre Programme zur Bundestagswahl 2017 aufzunehmen. 

 
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