Herkunft unbekannt: 50.000 Tonnen Fleisch europaweit gesucht

11.04.2013

In Europa werden 50.000 Tonnen Fleisch gesucht, deren Herkunft ungeklärt ist. Der Verdacht besteht, dass erneut Pferdefleisch falsch deklariert wurde. Eines ist dabei sicher: Alle Spuren weisen in die Niederlande.

 

50 Millionen Kilogramm Fleisch: Die Menge ist unvorstellbar. Sie entspricht etwa der Ladung von 2000 großen Lastwagen – und muss nun in 16 Ländern aufgespürt werden, vor allem in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Spanien. Keiner weiß, ob diese Ware Pferdefleisch enthält und ob es schädlich ist. Genau das aber ist das Problem. Die Herkunft des Fleisches ist unklar, und daher kann die niederländische Kontrollbehörde für Lebensmittel die Sicherheit nicht garantieren.

Betriebe in ganz Europa betroffen

Die Rückrufaktion der Behörde löste am Donnerstag eine Schockwelle in Europa aus - der Pferdefleischskandal vom Jahresbeginn ist weitaus größer als angenommen. Und die Spuren weisen in die Niederlande. Im kleinen Städtchen Oss im südniederländischen Brabant ist der Betrieb des Fleischgroßhändlers Willy Selten. Gut 125 Mitarbeiter sind „Experten im Entbeinen und Verarbeiten von Fleisch“, meldete das Unternehmen noch im März auf seiner Internetseite. Es verkaufte Fleisch an Zwischenhändler und fleischverarbeitende Betriebe in ganz Europa. Doch dann gerät das Unternehmen in Geldnot und soll zum billigen Pferdefleisch gegriffen haben. Das verkaufte der Händler dann als reines Rindfleisch, meldeten Mitarbeiter bereits anonym im Dezember den Behörden. 

Ermittlungen wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Geldwäsche

Als dann im Februar in Europa Pferdefleisch in Lasagne und Hackbällchen gefunden wird, fällt auch der Name von drei niederländischen Unternehmen. Eins davon ist der Handel von Willy Selten. Tatsächlich finden die Kontrolleure am 15. Februar in zwei seiner Proben Pferdefleisch. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Unternehmer wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Geldwäsche. Selten tat das als menschlichen Fehler ab. „So viel Aufregung, dabei geht es höchstens um ein Pferd“, sagte er damals dem niederländischen Fernsehen. Doch bis zum Mittwochmorgen konnte er der Behörde nicht nachweisen, wo das Fleisch herkam, das er in den vergangen zwei Jahren verarbeitet und verkauft hatte.


Damit begann die größte Rückrufaktion der niederländischen Geschichte. „Wenn wir die Herkunft des Fleisches nicht wissen“, so erklärte der Sprecher der Kontrollbehörde, Benno Bruggink, „dann können wir auch die Sicherheit nicht garantieren.“ Auch wenn es keine konkreten Hinweise auf Gesundheitsgefahren gibt, die Behörde musste handeln.

Bisher ging es bei dem Pferdefleischskandal zunächst um eine Vertrauensfrage. Die Volksgesundheit war nicht in Gefahr, denn Pferdefleisch ist nicht schädlich. Nationale Regierungen und die EU-Kommission versprachen strengere Kontrollen. Schließlich hat der Verbraucher ein Recht darauf zu wissen, was in seinem Hamburger oder seiner Gulaschsuppe steckt. 

Keine Gesundheitsgefahr?

Doch beim niederländischen Skandal geht es nun nicht mehr nur um eine Geschmacksache, sondern um die Gesundheit. Die Kontrollbehörde kann nämlich nicht ausschließen, dass der Händler Selten mit unkontrolliertem Pferdefleisch panschte. Und das könnte für Menschen schädliche Medikamente oder sogar Krankheitskeime enthalten.

Es ist fraglich, ob es je Gewissheit geben wird. Denn das meiste der 50.000 Tonnen Fleisch wird bereits verzehrt sein. Das, was in Tiefkühlgerichten verarbeitet wurde, muss nun aufgespürt und untersucht werden. Erst dann wird man wissen, ob tatsächlich Pferdefleisch beigemischt wurde und dies schädliche Stoffe enthielt.

foodwatch fordert Konsequenzen

foodwatch kritisiert die Haftungsverpflichtungen des Handels und der Hersteller als völlig unzureichend. Dadurch ist der Anreiz zu effektiven Eigenkontrollen bei den Produzenten offenbar viel zu gering. Ein weiteres Problem: Selbst wenn ein solcher Skandal bekannt wird, erfahren die Verbraucher nicht alle betroffenen Produkte – verfehlte Gesetze verhindern, dass die Behörden ihr Wissen teilen dürfen. Das muss sich ändern!

(mit dpa)

 
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