Staatlicher Wissenschaftler: Höheres EHEC-Risiko durch Sauerstoff-Behandlung

02.12.2011

Das Bundesverbraucherministerium sieht „keinen dringenden Handlungsbedarf“ beim Thema Sauerstoff-Fleisch – obwohl Wissenschaftler beim Runden Tisch des Ministeriums viele Fragen zu möglichen Gesundheitsrisiken aufwarfen.

Fleischproduzenten und Handel haben Grund zur Freude: Die Bundesregierung will die Behandlung von Frischfleisch mit hochkonzentriertem Sauerstoff weiterlaufen lassen. Es sei „kein weiterer dringender Handlungsbedarf erkennbar“, heißt es ausweislich des Protokolls nach dem zweiten Runden Tisch im Bundesverbraucherministerium. Zu diesem waren am 15. November 2011 Abgesandte des Ministeriums, der Wissenschaft und der Wirtschaft zusammengekommen – Vertreter der Verbraucher waren wie schon beim ersten Runden Tisch im Herbst 2010 nicht eingeladen.

Außen frisch, innen zäh und ranzig

„Kein Handlungsbedarf“, das ist eine bemerkenswerte Schlussfolgerung, entspricht sie doch so gar nicht den im Protokoll vermerkten Einschätzungen aus der Wissenschaft. Längst stand fest, dass die Behandlung von Frischfleisch mit hochkonzentriertem Sauerstoff – vor allem in so genannten „Schutzatmosphäre“-Verpackungen in den Selbstbedientheken des Handels – Verbraucher täuscht: Der hohe Sauerstoffanteil in dem Gasgemisch lässt das Fleisch auch nach Tagen noch von außen rosig-frisch erscheinen, während es von innen aber schneller zäh und ranzig wird. Mindere Qualität, frischerer Schein – für das Verbraucherministerium ist diese Fleisch-Kosmetik aber kein Grund zum Handeln.

Höheres Keim-Risiko

Umstritten war zudem die Frage möglicher Gesundheitsgefahren. Wissenschaftler des staatlichen Max-Rubner-Instituts (MRI) hatten über die Bildung von Cholesteroloxiden in der Sauerstoff-Atmosphäre berichtet – „anerkannt toxische Substanzen mit diversen biologischen Wirkungen, speziell auch im Zusammenhang mit degenerativen Erkrankungsgeschehen, wie Arterioskerose oder auch Krebs“. Beim Runden Tisch brachte ein MRI-Forscher die Sauerstoff-Methode auch mit einem höheren Risiko der Verbreitung von Krankheitserregern, „z.B. EHEC-Bakterien“ in Verbindung: Die Farbstabilisierung durch den Sauerstoff könnte demnach dazu führen, dass das so behandelte Fleisch schon bei niedrigen Temperaturen durchgegart aussehe, Keime aber noch nicht abgetötet seien. 

BfR sieht keine Grundlage für eigene Entwarnung

Bemerkenswert ist auch die Präsentation des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Nach dem foodwatch die Kritik an der Sauerstoff-Methode 2010 öffentlich gemacht hatte, verfasste es im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums in wenigen Tagen ein Gutachten – und versah es mit der eigentlich unmissverständlichen Überschrift: „Keine gesundheitliche Gefährdung des Verbrauchers durch unter Sauerstoff-Schutzgas verpacktes Frischfleisch“. Beim Runden Tisch liest sich die Auffassung des BfR im Protokoll ganz anders: „Zur genauen Beurteilung [etwaiger gesundheitlicher Risiken, Anmerkung foodwatch] erscheint die derzeitige Datenlage unzureichend“. Auf welcher Basis wurde dann die Entwarnung gegeben?

Keine „neuen“ Hinweise – und die alten werden ignoriert

Das Bundesverbraucherministerium fasst das alles trickreich in der Bemerkung zusammen, es gebe „keine neuen“ Hinweise auf Gesundheitsrisiken. Fazit: kein dringender Handlungsbedarf. Den alten Hinweisen will die Bundesregierung nicht weiter nachgehen, und die Täuschung der Verbraucher nimmt sie eben hin. So geschieht es, wenn ein Thema nicht mehr im Fokus der öffentlichen Debatte steht.

 
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