Auf der Suche nach dem verlorenen Separatorenfleisch

An der Irreführung der Verbraucher mit Gesundheitswerbung hat auch die sogenannte „Health-Claims-Verordnung“ der EU nichts geändert.

70.000 Tonnen sogenanntes Separatorenfleisch – maschinell vom Knochen abgelöstes, besonders günstiges Restfleisch – werden in Deutschland jedes Jahr verarbeitet. Doch trotz Kennzeichnungsvorgaben erfährt niemand, in welchen Produkten es verarbeitet wird. foodwatch dokumentiert seine Recherchen nach dem verschollenen Separatorenfleisch.

Wie alles begann: Gammelfleisch bei Trinity

November 2013: Wieder einmal ein Gammelfleisch-Skandal. In einem ARD-Beitrag berichten zwei Arbeiter des fleischverarbeitenden Unternehmens Trinity in Bad Bentheim, sie seien mehrfach angewiesen worden, verdorbenes Fleisch zu verarbeiten. Die Staatsanwaltschaft gibt an, bereits seit Juni 2013 wegen des Verdachts der Verwendung von Separatorenfleisch ohne entsprechende Deklaration gegen das Unternehmen zu ermitteln. Damit ist unsere Neugier geweckt.

Auf der Webseite der Trinity GmbH lesen wir, dass Trinity „eines der führenden Unternehmen“ bei der Produktion von Separatorenfleisch sei, „viele international renommierte Lebensmittelunternehmen“ zu seinen Kunden zähle und wöchentlich „circa 2.000 Tonnen Geflügelfleisch“ produziere (neben Separatorenfleisch auch „verschiedene Geflügelzuschnitte und -innereien)“. Irgendwo müssen diese Massen an Separatorenfleisch doch verarbeitet werden. Oder geht alles in den Export? Wohl kaum: Ein EU-Dokument gibt an, dass von den jährlich in Deutschland produzierten etwa 130.000 Tonnen Separatorenfleisch nur etwa 60.000 Tonnen exportiert werden – demnach würden etwa 70.000 Tonnen in Deutschland verbleiben. Anders gesagt: 70 Millionen Kilogramm! Jedes Jahr. Die Frage ist: In welchen Produkten kommt das Separatorenfleisch unter?

Im Supermarkt und Großhandel: Separatorenfleisch kaum auffindbar!

Aus dem verschollenen Fleisch könnte man 2 Milliarden Bockwürstchen herstellen, LKWs, beladen mit 70.000 Tonnen Separatorenfleisch, würden eine Kolonne von Berlin bis Frankfurt/Oder bilden! Wir recherchieren in Supermärkten und im Großhandel und fahnden auf den Zutatenlisten von hunderten Fertigprodukten, Würsten und Bouletten. Doch nicht in einem einzigen Produkt entdecken wir die Zutat „Separatorenfleisch“. Merkwürdig!

Die Separatorenfleischproduzenten: Schweigen im Walde

Doch so leicht geben wir uns nicht geschlagen. Beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) finden wir eine Liste der zur Gewinnung von Separatorenfleisch zugelassenen Betriebe. Die sollten ja schließlich wissen, wen sie beliefern! Also fragen wir sie an – alle. Und bekommen Auskunft zu den Abnehmern – von einem. Danach gehen die dort produzierten 463 Tonnen zu einem Unternehmen, das Produkte für den „türkischen Markt“ herstellt. Damit wären also knapp 0,7 Prozent erklärt. Alle anderen Betriebe verweigern entweder komplett die Auskunft oder wiegeln ab. Wir suchen weiter.

Verbraucherzentrale Hamburg: 15 Produkte in türkischen Geschäften gefunden

Januar 2014: Recherchen der Verbraucherzentrale Hamburg (vzhh) ergeben, dass 15 Produkte, die in türkischen Supermärkten vertrieben werden, laut Deklaration Separatorenfleisch enthalten. Auch die vzhh hat weiter geforscht: Deren Anfrage bei den Branchengrößen des Lebensmitteleinzelhandels sowie Fleischwarenherstellern ergibt, dass weder die Handelskonzerne Produkte mit Separatorenfleisch anbieten noch die Fleischwarenproduzenten Separatorenfleisch in ihren Eigenmarken verarbeiten (das deckt sich mit den Ergebnissen unserer vor Ort-Recherche). Einige Hersteller geben lediglich an, auf „speziellen Kundenwunsch“ derlei Produkte herzustellen. Wer diese Kunden sind, bleibt jedoch nach wie vor ein Rätsel. Und 15 Produkte aus türkischen Supermärkten werden wohl kaum den Verbleib von etwa 70.000 Tonnen erklären können...

Ministerien und Behörden: angeblich ahnungslos

Unsere Suche geht weiter. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sollte doch eigentlich etwas wissen, wenn in der Bundesrepublik 70.000 Tonnen Separatorenfleisch verschwinden? Fehlanzeige: Dazu liegen dem BMEL „keine Daten vor“, heißt es lapidar aus dem dafür zuständigen Bundesministerium. Ähnlich unkonkret bleibt auch die oberste Bundesbehörde, das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL): „Dem BVL liegen keine detaillierten Informationen über die im Handel befindlichen Mengen von Produkten mit Separatorenfleisch vor.“, heißt es auch dort. Außerdem verweist man uns an die Bundesländer. Die seien schließlich für die amtliche Lebensmittelüberwachung zuständig. Doch hier zeigt sich ein ähnliches Bild: Kein einziges Bundesland hat uns konkrete Hersteller oder gar Produkte/Marken genannt, in denen Separatorenfleisch (mit oder ohne Deklaration) Verwendung findet.

Fleischverbände: abgetaucht

Auf dem Höhepunkt der BSE-Krise 2001 hatte der Bundesverband der Deutschen Fleischindustrie (BVDF) in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass die deutsche Fleischindustrie „freiwillig und vollständig“ auf die Verwendung von Separatorenfleisch verzichte. Ob dieser Verzicht wohl noch gilt? Und wie erklärt sich der BVDF dann den Verbleib der 70.000 Tonnen der besagten Ware? Spannende Fragen, auf die wir leider trotz mehrmaliger telefonischer und elektronischer Kontaktaufnahme keine Antwort erhalten. Auch der Bundesverband der Fleischwirtschaft (VDF) zieht es vor, auf unsere Kontaktversuche nicht zu reagieren. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Systemgastronomie: Separatorenfleisch? Wir doch nicht!

Nun bleibt noch die Gastronomie, die womöglich das Separatorenfleisch ohne es zu kennzeichnen an ihre Gäste verfüttert? Wir haken bei den 16 umsatzstärksten Systemgastronomen nach, die potentiell geeignete Produkte (Wurst, Hühner-Nuggets, Frikadellen, gefüllte Nudeln) verkaufen. Hier zeigt man sich zumindest auskunftsbereit. 14 Unternehmen erklären ausdrücklich, kein Separatorenfleisch zu verwenden. Von zweien bekommen wir keine Auskunft.

Heimtiernahrung: legal aber unwahrscheinlich

Laut EU werden „begrenzte Mengen“ an Separatorenfleisch auch zu Heimtiernahrung verarbeitet. Da auch das BVL diesen Verdacht äußerte, gehen wir auch diesem Hinweis nach. Sind die deutschen Hunde und Katzen so verwöhnt, dass sie mit einem für den menschlichen Verzehr zugelassenen Lebensmittel gefüttert werden? Unsere Anfrage bei den vier umsatzstärksten Tiernahrungsherstellern ergibt, dass lediglich ein Hersteller in minimalen Mengen Separatorenfleisch verwendet, zwei geben an es überhaupt nicht zu verarbeiten, ein Hersteller antwortet uns nicht auf unsere Anfrage.

Unser Fazit: WANTED!

Nach stundenlangen Supermarkt-Recherchen, zahlreichen Telefonaten und E-Mail-Korrespondenzen mit Ministerien, Behörden, Herstellern und Insidern bleibt der Verbleib von 70.000 Tonnen Separatorenfleisch nach wie vorein großes Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen: Wenn Sie Hinweise haben, welche Anbieter Separatorenfleisch einsetzen, ohne das in der Zutatenliste (Supermarkt) oder der Speisekarte (Gastronomie) kenntlich zu machen, wenden Sie sich bitte an uns! Wir sind sicher, dass wir nicht die einzigen sind, die brennend daran interessiert sind, ob und wie die deutsche Fleischwirtschaft uns jedes Jahr 70.000 Tonnen Separatorenfleisch unterjubelt.


Zuletzt geändert am 29.04.2014
 
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