Strahlenwerte durch Tschernobyl noch heute erhöht

Bild: fotolia.com/Antonio Scarpi

Das beim Reaktorunglück von Tschernobyl ausgetretene radioaktive Cäsium findet sich heute zwar nicht mehr in Lebensmitteln wie Obst, Gemüse und Getreide. In Pilzen oder Wildfleisch aus Süddeutschland werden aber auch 25 Jahre später noch erhöhte Belastungen gemessen.

Beim Reaktorunglück von Tschernobyl wurden 1986 vor allem zwei Substanzen freigesetzt, die zur radioaktiven Belastung von Lebensmitteln führten: Jod 131 und Cäsium 137. Da das Jod-Isotop nur eine Halbwertszeit von wenigen Tagen hat, ist es inzwischen aus der Umwelt wieder verschwunden. Cäsium 137 hat hingegen eine Halbwertszeit von mehr als 30 Jahren und ist teilweise noch immer im Boden gespeichert. In Pflanzen, die bestimmte Mineralien besonders speichern oder Tieren, die diese Pflanzen dann bevorzugt verzehren, findet sich in einigen Gegenden Deutschlands deshalb immer noch eine erhöhte Strahlenbelastung.

Waldböden speichern Cäsium

Aus Sandböden wurde die Radioaktivität relativ schnell durch den Regen wieder ausgewaschen, auch bei landwirtschaftlich bewirtschafteten Böden wurde das Cäsium durch die Bearbeitung untergemischt und in tiefere Schichten transportiert, sodass es Pflanzen nicht mehr aufnehmen können. Nicht so bei Waldböden: Einerseits bleibt Cäsium hier aufgrund der chemischen Bodeneigenschaften dieser sauren und humusreichen Böden mobil, andererseits kommt mit Ästen, Nadel- und Laubfall immer wieder eine Neuzufuhr von Cäsium in die obere Bodenschicht, wo es für die Wurzeln wieder gut verfügbar ist. Vor allem in Pilzen, Waldbeeren oder Wild, insbesondere Wildschweine aus dem süddeutschen Raum können teilweise noch erhebliche Cäsium 137-Belastungen nachgewiesen werden.

Erhöhte Belastung bei Wildschweinen in Süddeutschland

Untersuchungen des bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit aus dem Jahr 2008 zeigten Radiocäsiumwerte bei Wildschweinen von bis zu 7600 Becquerel (Bq) pro Kilogramm Fleisch. Der Mittelwert lag bei rund 700 Bq/kg. Der Grund für diese im Vergleich mit anderem Wild hohe Belastung des Wildschweins liegt darin, dass die von Wildschweinen gefressenen, unterirdisch wachsenden Hirschtrüffeln außergewöhnlich hoch belastet sind (die Werte liegen hier um mehr als das Zehnfache über den Werten von Speisepilzen). Darum ist Wildschweinfleisch deutlich höher kontaminiert als das Fleisch anderer Wildtierarten.

Hohe Belastungen bei Waldpilzen

Von den Pilzen zeigen unter anderem Maronenröhrlinge und Pfifferlinge eine nach wie vor erhebliche Belastung. In der Waldproduktliste 2011 des Umweltinstituts München liegt der höchste für Pilze gemessene Wert bei knapp 3000 Bq/kg, für Wild bei 120 Bq/kg. Die Belastungen anderer Lebensmittel aus dem Wald waren demgegnüber deutlich niedriger: So lag der höchste Wert für Preiselbeeren bei 30 Bq/kg, für Honig bei 9,5 Bq/kg.

Teepflanzen speichern Cäsium

Unter den Auswirkungen von Tschernobyl hatte seinerzeit vor allem auch die türkische Schwarzmeerküste gelitten – und damit auch die Teeproduzenten der Türkei, die mit hoch belasteter Ware zu kämpfen hatten. Auch heute noch scheint das Problem nicht ganz ausgestanden zu sein. 2009 entdeckte das kantonale Laboratorium von Basel-Stadt zwei Schwarzteeproben aus der Türkei, die 61 ± 4 bzw. 100 ± 7 Bq/kg des Radionuklids Cäsium 137 enthielten. Tee ist bei Atomunfällen insofern betroffen, als dass die Teepflanze von Natur aus Kalium anreichert. Ist Cäsium 137 in der Umwelt vorhanden wird dies aufgrund seiner Ähnlichkeit mit Kalium ebenfalls angereichert und in der Pflanze eingelagert.

Belastung von Fischen

Aufgrund von Ableitungen aus den europäischen Wiederaufarbeitungsanlagen zeigten Nordseefische bereits vor dem Reaktorunfall von Tschernobyl eine leichte durch Cäsium 137 verursachte radioaktive Belastung. Verglichen mit den oben genannten Werten für Waldprodukte sind die Werte allerdings verhältnismäßig niedrig und lagen auch nach Tschernobyl im Schnitt nicht über 2-3 Bq/kg. Inzwischen sind die Durschnittswerte wieder auf unter 1 Bq/kg gefallen.

Etwas anders stellt sich die Situation bei Fischen aus der Ostsee dar. Hier war nasch Tschernobyl ein deutlischer Anstieg von Cäsium 137-Gehalten zu verzeichnen. Der höchste Jahresmittelwert wurde 1993 gemessen und betrug rund 11 Bq/kg. Bis 2007 sank er auf rund 4 Bq/kg.

Eine Quelle künstlich erhöhter Radioaktivität im Meer, die durch die Konzentration natürlich vorkommenden Radionuklide entsteht, ist die Erdöl- und Erdgasindustrie, die mit jedem Barrel Öl und jedem Kubikmeter Gas radioaktive Abwässer, Schlämme und Ablagerungen produziert – versetzt vor allem mit dem langlebigen Radium 226. Eine generell erhöhte Belastung von Meerfisch mit diesem Isotop scheint dadurch nach ersten Recherchen aber nicht zu erwarten sein.


Zuletzt geändert am 20.09.2011
 
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