Statt feuriger Libido bekommen Verbraucher:innen Gummibärchen mit mehr Zucker als Haribos – und das 27-mal teurer. Drei Bärchen täglich, wie empfohlen, kosten über 37 Euro im Monat. Die Wirkung? Keine. „Libido“ steht nicht einmal in der Health-Claims-Verordnung.
Was steht drauf?
Auf der Vorderseite prangt groß „Libido“ – flankiert von Maca, Safranextrakt und Vitaminen. Über den Instagram-Kanal mit rund 450.000 Follower:innen wirbt der Hersteller mit Sprüchen wie „Wecke deine wilde Seite“, „Unsere Libido Vitamine sind da, um dir einen extra Schwung Selbstsicherheit und Vitalität zu geben“ und „Oh yeah Bären (…) bringen ein extra Spice in dein Liebesleben. Mit natürlichem Maca kannst du und dein Partner Leidenschaft entfachen und das Feuer zurückbringen.“ Drei Gummibärchen pro Tag empfiehlt das Unternehmen für die angeblich volle Wirkung.
Was steckt drin?
Vor allem Zucker: Eine 150-Gramm-Dose enthält 100 Gramm Zucker – das sind 33 Würfelzucker auf 60 Bärchen. Zum Vergleich: Dieselbe Menge Haribo Goldbären enthält 30 Prozent weniger Zucker. Dazu kommen Selen, Zink, Biotin und Pflanzenstoffe wie Macawurzel, Safranextrakt und Tribulus terrestris.
Warum ist das eine Irreführung der Verbraucher:innen?
Schon der Produktname „Libido“ ist aus foodwatch-Sicht irreführend. In der europäischen Health-Claims-Verordnung taucht der Begriff gar nicht auf. Zu keinem der enthaltenen Stoffe ist eine libidofördernde Wirkung nachgewiesen. Selen und Zink dürfen lediglich für eng definierte Körperfunktionen werben – „normale Spermaproduktion“, „normale Fruchtbarkeit“, „normaler Testosteronspiegel“. Mehr nicht. Die Instagram-Versprechen vom „extra Schwung Selbstsicherheit“ oder dem entfachten „Feuer“? Gesetzlich gedeckt: nichts davon.
Auch die beworbenen Pflanzenstoffe halten nicht, was sie versprechen: Die Wirksamkeit von Tribulus terrestris zur Potenzsteigerung ist nicht belegt – und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht in den in der Pflanze enthaltenen Alkaloiden Hinweise auf eine erbgutschädigende Wirkung. Für Maca hat das BfR mangels Sicherheitsnachweisen keine unbedenkliche Verzehrmenge festlegen können. Für Safranextrakt sind keine gesundheitsbezogenen Aussagen zugelassen, die Forschungslage ist dünn.
Dazu kommt ein Überdosierungs-Risiko: Drei Gummibärchen enthalten 30 Mikrogramm Selen – bereits 75 Prozent der BfR-Tagesdosis, die ist also schnell überschritten.
Welche Strategie der Lebensmittelindustrie steckt dahinter?
Die Branche hat die Pillenmüdigkeit der Deutschen erkannt – und macht aus Gesundheitsvorsorge einen süßen Snack. „Funktionelle Gummibärchen“ sind im Trend, 27-mal teurer als eine Tüte Haribo, mit vermutlich gleichem Effekt. Beautybears geht noch weiter: Mit hochsensiblen Themen wie Lust und Selbstbewusstsein wird auf Instagram Vertrauen aufgebaut – und das süße Wundermittel teuer verkauft. Marketing statt Medizin.
Wie teuer ist der Schwindel?
Eine Dose mit 60 Gummibärchen kostet im Online-Shop 24,75 Euro – sie reicht für 20 Tage. Bei der empfohlenen Tagesdosis von drei Bärchen kostet die Einnahme über 37 Euro im Monat. Eine Tüte Haribo Goldbären, die sogar weniger Zucker enthalten? Bringt es auf einen Bruchteil – und macht wahrscheinlich genauso „fit fürs Liebesleben“.
Was muss sich ändern?
Beautybears muss die Werbung mit falschen Gesundheitsversprechen sofort einstellen – auf der Verpackung wie auf Instagram.
Die Politik muss endlich liefern: Bund und Länder müssen die Überwachungsbehörden so ausstatten, dass sie Werbung für Nahrungsergänzungsmittel auch in sozialen Medien wirksam kontrollieren. Die Nährwertprofile der Health-Claims-Verordnung müssen endlich kommen – 16 Jahre Verzug reichen! Dazu fordert foodwatch Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln sowie ein Zulassungsverfahren wie bei Arzneimitteln. Schluss mit dem ungeprüften Gesundheits-Marketing im Gummibärchen-Gewand!