Bundesregierung soll Pläne für freiwilliges Siegel aufgeben

18.01.2017

foodwatch und die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) haben Bundesagrarminister Christian Schmidt aufgefordert, seine Pläne für ein freiwilliges „Tierwohl“-Siegel aufzugeben. Es ist „nicht geeignet“, um mehr Tierschutz durchzusetzen, „weil davon immer nur ein mehr oder weniger kleiner Teil der Tiere profitieren kann und die problem­verursachenden Marktmechanismen weiterhin für die große Mehrzahl der Tiere ungebremst wirksam bleiben“, so die Kritik in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik des Ministeriums erwartet für Produkte mit dem freiwilligen „Tierwohl“-Siegel einen Marktanteil von gerade einmal 20 Prozent – damit würde die Bundesregierung sich offiziell von dem Anspruch verabschieden, eine tiergerechte Haltung für alle statt nur für einige Nutztiere durchzusetzen. In einer gemeinsamen Stellungnahme, die foodwatch und die Tierärztliche Vereinigigung für Tierschutz (TVT) heute bei einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt haben, kritisieren beide Organisationen diesen freiwilligen Ansatz und fordern die Bundesregierung auf, tierschutzgerechte Haltungsbedingungen für alle Nutztiere durchzusetzen.

Tierleid-Label  und Grafik 20 Prozent Tierwohl - 80 Prozent Tierleid

Gesundheit der Tiere erfassen

Erster Schritt muss die Erfassung des Tiergesundheitsstatus in allen Betrieben sein, so die Forderung. Daraus könnten dann, orientiert an den besten Betrieben, Zielvorgaben für die Tiergesundheit abgeleitet werden. Andere Faktoren wie Besatzdichte, Stallbau, Auslauf, Transport oder Schlachtung müssen flächendeckend in den nächsten zehn bis 15 Jahren verbessert und EU-weit durchgesetzt werden. Die Bundesregierung muss dabei sicherstellen, dass Europas Nutztierhalter für ein nachweislich hohes Niveau an Tierschutz und Tiergesundheit angemessen entlohnt werden. Die steigenden Kosten wären von denen zu tragen, die tierische Produkte nachfragen. 

Große Mehrheit für verbindliche Vorgaben

Dies Forderung nach verbindlichen Regelungen für alle Tierhalter wird von einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger unterstützt, das zeigt eine aktuelle Emnid-Umfrage. Nach dem richtigen Ansatz für mehr Tierschutz gefragt, stimmten 80 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Mehr Tierschutz sollte für die Tierhalter verbindlich vorgegeben werden, damit alle Nutztiere tiergerecht und gesund gehalten werden“. Gerade einmal 16 Prozent bevorzugten den Weg der Bundesregierung.

Matthias Wolfschmidt, stellvertretender foodwatch-Geschäftsführer und Veterinärmediziner

„Es ist nicht akzeptabel, wenn die Bundesregierung weiterhin vermeidbare Krankheiten, Schmerzen und Leiden für 80 Prozent der Nutztiere duldet. Ein freiwilliges Siegel ist eine Scheinlösung, die den allermeisten Tieren schadet, den Verbrauchern eine vergiftete Wahl aufbürdet und die Landwirte unvermindert einem ruinösen Preiswettbewerb aussetzt. Eine echte Auseinandersetzung darüber, wie Tierschutz für alle Nutztiere statt nur für einzelne erreicht werden kann, wird dadurch verhindert.“ 

Matthias Wolfschmidt, stellvertretender foodwatch-Geschäftsführer und Veterinärmediziner

Prof. Dr. Thomas Blaha, emeritierter Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Vorsitzender der Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT)

„Aus ethischen Gründen ist Tierschutz unteilbar, die Lebensbedingungen aller Tiere sollten gleichermaßen gut sein, unabhängig vom Preis der von ihnen gewonnenen Lebensmittel. Das ist auch bei der Lebensmittelsicherheit so, denn Lebensmittel müssen auch gleichermaßen sicher für die Gesundheit des Menschen sein, egal ob sie teuer oder billig sind."

Prof. Dr. Thomas Blaha, Vorsitzender der Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) und emeritierter Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover

20 Prozent „Tierwohl“ – 80 Prozent Tierleid

foodwatch-Label: Tierleid staatlich geduldet

Bei der Pressekonferenz stellte foodwatch am Mittwoch einen Gegenentwurf zu dem geplanten staatlichen „Tierwohl“-Siegel vor. „Tierleid – staatlich geduldet“ steht schwarz auf rotem Grund. Das runde Label solle verpflichtend auf jenen 80 Prozent der Tierprodukte abgebildet werden, bei denen Minister Schmidt in Kauf nehmen möchte, dass die Tiere nicht „tierwohlorientiert“ gehalten würden – damit würde die andauernde Supermarkt-Illusion über Lebensmittel, die angeblich allesamt von ordentlich und gesund gehaltenen Tieren stammten, beendet.

Bild: Fotolia / fotomaster, grafikplusfoto, shishiga, vlad klok

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