Irreführende Anzeigenkampagne von Agrarminister Schmidt

06.07.2017

Mehr als eine Viertelmillion Euro hat das Bundesagrarministerium für Reklame ausgegeben, mit der es sich vermeintlicher Erfolge rühmte. So hieß es etwa in großen Werbeanzeigen, mit dem freiwilligen, staatlichen Tierwohllabel habe man „mehr Tierwohl geschafft“. Allein: Das Label gibt es noch gar nicht. Es kann schon allein deshalb noch keinem einzigen Tier zu mehr Wohlergehen verholfen haben, weil es frühestens 2018 eingeführt werden soll. Zum Zeitpunkt der Anzeigenkampagne existierten noch nicht einmal Kriterien für die Vergabe des Siegels.

„Geschafft: Mehr Tierwohl“, prangt in großen Lettern auf grünem Hintergrund, dahinter ein Bild von glücklichen Ferkeln. Ein überdimensionierter, grüner Haken unterstreicht den angeblichen Erfolg des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Mehr als eine Viertelmillion Euro hat das Ministerium für Reklame ausgegeben, mit der es sich vermeintlicher Erfolge rühmte – „aus Anlass der Grünen Woche“ im Januar dieses Jahres.

Gescheitert statt "geschafft"

Unter dem Leitmotto „Geschafft“ schaltete das Ressort von Minister Christian Schmidt dabei Werbung in der überregionalen wie regionalen Presse, in Online-Medien sowie bei Twitter und ließ bedruckte Doppeldeckerbusse durch die Straßen fahren. Gesamtkosten: ca. 271.000 Euro, wie das Ministerium jetzt auf Anfrage von foodwatch angab. Der größte Anteil floss in Schaltungen des Tierwohl-Motivs. Doch auch andere angebliche Erfolge sind mindestens zweifelhaft: „Geschafft: bessere Verbraucherinformationen“, heißt es auf einem zweiten, ebenfalls weit verbreiteten Bild. Das damit gerühmte, neu geschaffene Bundeszentrum für Ernährung nahm jedoch erst im Februar seine Arbeit auf. Ein zentrales Vorhaben der Bundesregierung aus dem Koalitionsvertrag, eine „bessere Verbraucherinformation“ durch eine Reform des Lebensmittelgesetzes (§ 40 LFGB) zu erreichen, ist zudem gescheitert.

Weitere Motive der Serie, wie sie das Ministerium bis heute als Erfolgsbilanz auf seiner Internetseite präsentiert, befassen sich mit den Themen ländliche Entwicklung sowie Landwirtschaft und Umwelt.

Label führt nicht zu mehr Tierwohl

Abgesehen von der irreführenden Anzeigenkampagne ist das geplante Tierwohlsiegel grundsätzlich verfehlt: Die Kriterien sind zu lasch und bieten keine Garantie, dass Produkte ausschließlich von gesund gehaltenen Tieren stammen. Hinzu kommt: Selbst der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeslandwirtschaftsministerium erwartet für das rein freiwillige Label einen Marktanteil von maximal 20 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Bundesregierung für 80 Prozent der Nutztiere weiterhin vermeidbare Krankheiten, Schmerzen und Leiden duldet. Ein freiwilliges Label ist daher aus Sicht von foodwatch der grundfalsche Ansatz, weil es eine Abkehr von dem Ziel bedeutet, wirklich für alle Nutztiere Verbesserungen zu erreichen.

„Seitdem sich das Ministerium mit der irreführenden Werbelyrik der Lebensmittelindustrie befasst, hat es sich offensichtlich zwar vieles abgeschaut, aber nichts gelernt. Landwirtschaftsminister Schmidt startet eine Aufklärungskampagne nach der anderen und schaltet nun auch noch haltlose Reklame in eigener Sache, anstatt Politik zu machen und echte Verbesserungen durchzusetzen.

Martin Rücker, Geschäftsführer von foodwatch

Bild: Fotolia / fotomaster, grafikplusfoto, shishiga, vlad klok

Tierhaltungswende jetzt!

Unterschriften. Sind Sie schon dabei?

Wir meinen: In Zukunft darf kein Tierprodukt mehr in den Handel kommen, das nicht nachweislich tiergerecht erzeugt wurde. Fordern Sie jetzt eine echte Tierhaltungswende! Mehr erfahren

Datenschutzhinweis
 
Newsletter
Abonnenten:

Aktionen, Infos, Tests – Sie erfahren's zuerst.

Der Goldene Windbeutel

Bild Goldener Windbeutel

Wer verdient den Preis für die dreisteste Werbelüge des Jahres?

Jetzt abstimmen!

„Das Schweinesystem“

Eindringlich be­­schreibt Matthias Wolf­­schmidt, Veterinär und Kampagnen­­­­leiter von foodwatch, in seinem Buch die un­­er­­träg­­lichen Zu­­­stände in der Tier­­­haltung – und zeigt Lösungen. 

 

mehr lesen

 

Aus den Medien