Ethisches Gutachten: „Tiere in der Lebensmittelproduktion“

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Wissenschaftler des Centrums für Bioethik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster haben die ethischen Aspekte des Umgangs mit Nutztieren untersucht. Die Ergebnisse sind in der Studie „Tiere in der Lebensmittelproduktion“ zusammengefasst. Im Folgenden gibt foodwatch die Zusammenfassung der Studie wieder, die ausführliche Studie können Sie als PDF-Dokument herunterladen.

Tiere werden nach wie vor in großem Stil für menschliche Zwecke genutzt und dabei häufig schwerem Schmerz, Leiden oder Schädigungen ausgesetzt. Dies gilt auch und gerade für die Nutzung von Tieren in der Lebensmittelproduktion. Zwar haben die ethischen Aspekte des Umgangs mit Nutztieren in der öffentlichen, rechtlichen, ethischen und fachwissenschaftlichen Diskussion in den zurückliegenden Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten. Faktisch hat diese gewachsene Aufmerksamkeit jedoch allenfalls begrenzte Auswirkungen auf die herrschende Praxis.

Zwischen den öffentlich geäußerten moralischen Auffassungen einerseits und der alltäglichen Praxis andererseits besteht eine erhebliche Diskrepanz. Nicht selten hat man zudem den Eindruck, dass sich die verschiedenen Akteure (Produzenten, Konsumenten, Politik) die moralische Verantwortung wechselseitig zuzuschieben versuchen. Wer es mit der Moral ernst nimmt, wird alle Anstrengungen unternehmen müssen, um die Kluft zwischen moralischem Anspruch und der alltäglichen Realität der Tiernutzung soweit wie möglich zu schließen. Ein wertvoller Schritt auf dieses Ziel hin kann die Formulierung konsensfähiger, hinreichend konkreter und praktikabler ethischer Schutzziele im Umgang mit Nutztieren sein.

So gut wie alle Ethik-Ansätze stimmen darin überein, dass Tiere zur moralischen Gemeinschaft gehören, und dass der Mensch Tieren gegenüber moralische Verpflichtungen hat. Die verschiedenen tierethischen Ansätze und Positionen unterscheiden sich zwar hinsichtlich der Begründung dieser Verpflichtung und auch hinsichtlich ihres materialen Inhalts; dass Tiere um ihrer selbst willen moralische Berücksichtigung finden müssen, ist aber weitgehend unkontrovers.

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Die meisten tierethischen Ansätze und Positionen halten neben der negativen Pflicht, Tieren keine Schmerzen oder Leiden zuzufügen bzw. sie nicht schädigen, auch positive Pflichten, also etwa eine Pflicht zur Fürsorge, für begründbar.

Eine Reihe von tierethischen Positionen, darunter u.a. auch die prominentesten Positionen der „modernen“ Tierethik, bestreiten allerdings, dass sich ein Vorrang menschlicher Interessen, der eine Nutzung und den Verbrauch von Tieren rechtfertigen könnte, begründen lässt, oder stellen grundsätzlich in Frage, dass eine Güterabwägung zwischen tierlichen und menschlichen Interessen möglich bzw. zulässig ist. Auch wenn solche Ansätze von vielen als „extrem“ wahrgenommen werden dürften, stellen sie den nicht ausblendbaren Horizont der tierethischen Diskussion dar und sollten als Herausforderung begriffen werden.

Ein besonderes Problem der Nutzung von Tieren in der Lebensmittelproduktion stellt die Frage der Tötung von Tieren dar. Ob man Tiere zugunsten menschlicher Interessen am Konsum tierlicher Produkte töten darf, wird kontrovers diskutiert. Wie Tiere getötet werden, ist demgegenüber aber die moralisch ungleich drängendere Frage. Die Zufügung von Schmerzen, Leiden und Schäden fällt gegenüber der Tötung von Tieren moralisch mehr ins Gewicht. Ob überhaupt, und wenn ja, wie eine Tötung von Tieren erfolgen kann, die für diese nicht mit Angst, Stress oder Schmerzen verbunden ist, ist allerdings umstritten.

Die Nutzung von Tieren kann aber auch unabhängig von ihrer Tötung moralisch problematisch sein. Daher sind konkrete moralische Schutzziele im Hinblick auf den Umgang mit Nutztieren unerlässlich. Dieser ethische Schutz muss einem „individualistischen“ Ansatz verpflichtet sein, der das einzelne tierliche Individuum und nicht die Gruppe oder die Spezies zum Subjekt moralischer Verpflichtungen macht. Ein solcher Schutz hat sich an den konkreten Eigenschaften und Fähigkeiten tierlicher Individuen zu orientieren, an ihren Bedürfnissen und ihrem Wohl. Nutz- und andere Tiere haben demzufolge beispielsweise einen Anspruch auf eine (möglichst) schmerzlose Tötung, ein gesundes Leben sowie auf angemessene Ernährung und ausreichenden Auslauf. Sie haben einen Anspruch darauf, in ihrer körperlichen Integrität nicht durch Gewaltanwendung, Missbrauch oder andere Formen der Schädigung verletzt zu werden. Sie haben einen Anspruch auf Bewegungsfreiraum, Licht und eine sinnlich stimulierende Umwelt.

Bei diesen (und einigen weiteren) Ansprüchen und den sich daraus ergebenden moralischen Verpflichtungen im Umgang mit Tieren handelt es sich um Schwellenwerte, die für einen moralisch angemessenen Umgang mit Tieren in keinem Fall unterschritten werden dürfen. Sie sind insofern aussichtsreiche Kandidaten für einen übergreifenden Konsens. Vertreterinnen und Vertreter „egalitaristischer“ Positionen in der Tierethik werden darin freilich nicht mehr sehen können, als pragmatisch begründete Minimalforderungen.

Die moralische Verantwortung des Menschen gegenüber Nutztieren hat eine individuelle, eine politische und auch eine kulturelle Dimension. Diese beziehen sich auf eine Problemminimierung und Verbesserung innerhalb der bestehenden Strukturen der Tierhaltung und -nutzung, für die sowohl diejenigen Verantwortung tragen, die als Züchter, Tierhalter oder Beschäftigte in Tiertransportunternehmen oder Schlachthöfen unmittelbar oder mittelbar mit den betroffenen Tieren Umgang haben, als auch die Konsumentinnen und Konsumenten von Lebensmitteln tierlicher Herkunft. Die moralische Verantwortung macht bei bestehenden Strukturen aber nicht Halt, sondern verlangt auch eine Veränderung der Strukturen der Tierhaltung und ­nutzung. Längerfristig ist schließlich – aus ethischer Perspektive – auch eine grundsätzliche Infragestellung der (ökonomischen, kulturellen etc.) Voraussetzungen der Tierhaltung und -nutzung notwendig.

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Zuletzt geändert am 21.05.2015
 
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