Gezuckerte Schulmilch - Alles Wichtige auf einen Blick


Christian Schwier, MP2/fotolia.com [Montage: R. Koletzki für foodwatch]

Nordrhein-Westfalen ist das einzige Bundesland, das noch an der Bezuschussung gezuckerter Schulmilch festhält. Und das, obwohl Kinder ohnehin schon zu viel Zucker zu sich nehmen. Warum foodwatch die Kakaoförderung in NRW kritisiert – und welche Alternativen es gibt, erklären wir in den folgenden FAQs.

foodwatch kritisiert das Schulmilchprogramm von Nordrhein-Westfalen, weil es gezuckerte Schulmilch steuerlich bezuschusst. Und das, obwohl Kinder ohnehin schon zu viel Zucker
zu sich nehmen. Zahlreiche Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kindermedizin, Zahnmedizin, Diabetologie und Ernährungswissenschaften sprechen sich deshalb für ein Ende der Förderung gezuckerter Schulmilch aus. Auch die Europäische Union hat die Vorgaben für ihr Schulmilchprogramm dementsprechend geändert: Aufgrund der „Zunahme der Zahl fettleibiger Kinder“ sollen die geförderten Lebensmittel keine Zusätze von Zucker, Salz, Fett oder Süßungsmitteln mehr enthalten.

Natürlich ist es unproblematisch, wenn Kinder gelegentlich einen Kakao verzehren. Es gibt allerdings aus Sicht von foodwatch keinen guten Grund, ihren ohnehin zu hohen Zuckerkonsum mit steuerfinanzierten, täglichen Schokomilchpackungen auch noch zusätzlich zu fördern.

Nordrhein-Westfalen ist das einzige Bundesland, das noch an der Bezuschussung gezuckerter Schulmilch festhält. Das Land hat dafür extra eine Ausnahmeregelung für das Schulmilchprogramm der Europäischen Union geschaffen, das nur noch die Förderung ungezuckerter Milchprodukte vorsieht. Die Länder Hessen, Berlin und Brandenburg dagegen haben auf den Protest von foodwatch reagiert und ein Ende der Subventionen von gezuckerter Schulmilch zum nächsten Schuljahr versprochen.

Zusätzlich zu dem natürlicherweise enthaltenen Milchzucker enthält der Schulkakao ungefähr vier Prozent zugesetzten Zucker. Das wohl gängigste Produkt – die Schokomilch von Landliebe in der 1,5-Prozent-Fettvariante – enthält nach Herstellerangaben 8,7 Gramm Gesamtzucker in 100 Millilitern. Eine Tagesportion (250 Milliliter) Schulkakao enthält damit insgesamt 21,7 Gramm Zucker, umgerechnet mehr als sieben Stück Würfelzucker. Zum Vergleich: Eine Fanta Orange enthält mit 9,1 Gramm Zucker in 100 Millilitern (bzw. 23 Gramm in 250 Millilitern) kaum mehr

foodwatch fordert NRW-Verbraucherministerin Ursula Heinen-Esser auf, die Kakao-Subventionen zu streichen und stattdessen endlich die erforderlichen Landesmittel zur Verfügung zu stellen, um eine gesunde Kinderernährung zu fördern. Das Land muss zum Beispiel eine ausgewogene Mittagsverpflegung mit verpflichtenden Qualitätsstandards durchsetzen, das Schulobst- und -gemüse-Programm für alle Schulen statt nur für einige anbieten, Wasserspender installieren, wirtschaftsunabhängigen Ernährungsunterricht organisieren und für ausgewogene Lebensmittel am Schulkiosk sorgen. An Schulen, in denen viele Kinder ohne Frühstück zum Unterricht kommen, könnten zudem ergänzende, ausgewogene Frühstücksangebote eingerichtet werden. Fest steht: Mit den richtigen Prioritäten im Haushalt könnte NRW viel für eine gesunde Verpflegung von Kindern tun.

Die vom nordrhein-westfälischen Verbraucherministerium gestartete Elternbefragung  zur Schulmilchförderung zielt offensichtlich nicht auf Erkenntnisgewinn. Stattdessen will sich Ministerin Ursula Heinen-Esser damit offenbar aus der Verantwortung stehlen.

Denn die Befragung ist manipulativ gestaltet und den befragten Eltern werden wesentliche Informationen vorenthalten. So wird etwa der Zuckergehalt des Schulkakaos an keiner Stelle erwähnt. Auch wird mit keiner Silbe genannt, weshalb die steuerliche Förderung von Schokoladenmilch in der Kritik steht. Es bleibt unerwähnt, dass die EU mit ihrem Schulmilchprogramm nur noch ungesüßte Milchprodukte subventionieren will, NRW jedoch als letztes Bundesland in Deutschland an einer abweichenden Regelung für die Verteilung der EU-Gelder festhält. Es bleibt unerwähnt, dass die tägliche Portion gezuckerte Schulmilch darüber hinaus gegen die offiziellen, von der Bundesregierung initiierten, Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) verstößt. Es wird auch nicht genannt, dass sich Verbände wie die Bundeszahnärztekammer, der Berufsverband der Deutschen Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Adipositasgesellschaft seit langem gegen die Subventionierung gezuckerter Lebensmittel aussprechen.

Die Landespolitik sollte ihre Verantwortung nicht an die Eltern delegieren, wenn es um die Gestaltung eines staatlichen Förderprogrammes geht – sondern sich dabei an einschlägigen Empfehlungen wie den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung orientieren.

Kinder benötigen nicht zwingend Milch, sie benötigen bestimmte Nährstoffe. Vor allem
benötigen sie nicht noch mehr Zucker. Wenn Eltern oder Schulen eine gesunde Ernährung (und dabei zum Beispiel eine ausreichende Kalziumversorgung) sicherstellen wollen, können sie dies auf den unterschiedlichsten Wegen erreichen. Beispielsweise durch ein ausgewogenes Mittagsangebot – auch dafür gibt es die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die jedoch in vielen Schulen nicht umgesetzt werden. Einige Bundesländer haben sie zu verpflichtenden Kriterien für Schulkantinen und Caterer gemacht, nicht so NRW.

Vor einem langen Schultag sollten Kinder zweifellos zu Hause ein ausgewogenes Frühstück
erhalten, das Gehirn und Körper mit den nötigen Nährstoffen versorgt. Wenn eine Landesregierung Kinder unterstützen möchte, die ohne Frühstück in die Schule geschickt werden, gibt es dafür aus Sicht von foodwatch erheblich bessere Alternativen als die Förderung von gezuckertem Kakao: Eltern könnten über die Bedeutung des Frühstücks und die Zusammenstellung eines ausgewogenen Frühstücks informiert werden. An den Schulen, an denen besonders viele Kinder morgens nüchtern erscheinen, könnten gesunde Frühstücksangebote gefördert werden. Und nicht zuletzt sollten die Schulobstprogramme so ausgestattet sein, dass sie allen Kindern zugutekommen und nicht aufgrund der Deckelung von Mitteln nur an einer begrenzten Zahl von Schulen verfügbar sind.

Für einkommensschwache Eltern ist das Schulmilchprogramm darüber hinaus keine besonders gute Wahl. Wollen sie ihre Kinder regelmäßig mit Milch versorgen, können sie dies durch den Einkauf von Standard-Milch im Supermarkt erheblich günstiger organisieren als über das staatliche Schulmilchprogramm – denn dort werden die Steuerzuschüsse von den Kosten für die aufwändige Logistik (tägliche Lieferung an viele einzelne Schulen) mehr als aufgefressen, wie der Preisvergleich von foodwatch zeigt.

In der Diskussion über das Schulmilchprogramm vertreten manche das Argument, dass Kinder,
die bislang Kakao trinken, bei dessen Wegfall keine ungesüßte Milch, sondern schlechtere
Alternativen (wie Softdrinks) konsumieren würden. Es gibt für diese These jedoch keinen Beleg.
Zudem liegt es in der Hand der Landesregierung, was in der Schule angeboten wird. Sie kann dafür Sorge tragen, dass Zuckergetränke wie Limo nicht am Schulkiosk oder an Getränkeautomaten verkauft werden und stattdessen Wasserspender aufstellen. Jedes Bundesland sollte nur ausgewogene Produkte für den Verkauf in der Schule zulassen.

Richtig ist: Für die Ernährung von Kindern tragen Eltern Verantwortung – vor allem für das, was
sie ihren Kindern zu Hause anbieten oder mitgeben. Auf das Angebot an der Schule dagegen
haben Eltern nur äußerst begrenzten Einfluss. Wo Kinder in der Obhut des Staates sind, sollte
dieser seinen Teil der Verantwortung übernehmen. Dazu passen weder gezuckerter Schulkakao
noch ein ungesundes Angebot am Schulkiosk oder in der Schulkantine.

Insbesondere Landliebe hat in Bundesländern, die keine gezuckerten Milchprodukte mehr
fördern wollen, die Schulmilchlieferung eingestellt, weil sich nur für die ungesüßte Trinkmilch die
aufwändige Liefer-Logistik angeblich nicht lohne. Auch in NRW steht diese Drohung von
Lieferanten im Raum. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Herausnahme von Kakao aus der Förderung ein Ende des Schulmilchprogrammes bedeuten muss. Einem Bundesland steht es frei, die Förderrichtlinien auszugestalten: Es kann sogar Milch kostenlos verteilen, wenn es den Milchkonsum der Schülerinnen und Schüler für wichtig erachtet. Neben den EU-Geldern können Landesmittel eingesetzt werden, um so viele Kinder wie gewünscht zu erreichen. Wenn es zudem nicht zuvorderst um die Förderung von Pausenmilch, sondern um die Förderung einer ausgewogenen Ernährung geht, stehen eine Vielzahl anderer Möglichkeiten zur Verfügung, etwa an allen Schulen eine ausgewogene Mittagsverpflegung durchzusetzen.

Milch enthält wertvolle Nährstoffe wie Kalzium und Vitamine. Entscheidend ist jedoch nicht, wie viel Milch Kinder trinken, sondern dass sie mit allen nötigen Nährstoffen versorgt werden. Dazu ist eine ausgewogene Ernährung insgesamt vonnöten. Schulmilch kann dazu einen Beitrag leisten, wenn es auch ernährungsphysiologisch nicht erforderlich ist, dass Kinder jeden Tag ein 250-Milliliter-Päckchen Milch als Pausenmahlzeit erhalten. Die gängigen Ernährungsempfehlungen schließen Milch und Milchprodukte wie Käse oder Joghurt mit ein. Deshalb kritisiert foodwatch nicht die Bezuschussung von ungesüßter Milch. Anders zu bewerten ist die Förderung von Milchprodukten mit Zuckerzusatz.