E-Mail-Aktion

Kein ASC-Siegel für Qual-Lachs!

svariophoto [Montage: foodwatch]

Das ASC-Siegel auf Lachs verspricht „verantwortungsvolle Fischzucht“. Derweil auf ASC-Lachsfarmen: Verendete Fische sollten im Verkauf landen und selbst bei akutem Massensterben entzieht ASC das Siegel nicht. Wir fordern von ASC und dem Konkurrenten GGN: Stoppt die Täuschung!

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Kein ASC-Siegel für Qual-Lachs!

svariophoto [Montage: foodwatch]

Das ASC-Siegel auf Lachs verspricht „verantwortungsvolle Fischzucht“. Derweil auf ASC-Lachsfarmen: Verendete Fische sollten im Verkauf landen und selbst bei akutem Massensterben entzieht ASC das Siegel nicht. Wir fordern von ASC und dem Konkurrenten GGN: Stoppt die Täuschung!

Sehr geehrter Chris Ninnes und Elmé Coetzer-Boersma und Markus Philipp, Verantwortliche von ASC und GGN,

Ihre Siegel versprechen verantwortungsvolle Fischzucht – und prangen auf Lachsprodukten in unseren Supermärkten. Doch offizielle Behördenberichte und Recherchen von foodwatch zeigen: Auf zertifizierten Farmen kommt es zu Massensterben, schweren Hygieneverstößen und Tierleid. Ihre Kontrollen übersehen das, weil sie meist angekündigt sind oder von den Produzenten selbst vorgenommen werden. Ihre Rückverfolgbarkeit für Verbraucher:innen endet oft beim Verarbeitungsbetrieb. Und selbst eklatante Regelbrüche haben oftmals keine Konsequenzen.

Wir fordern Sie auf:

  1. Rückverfolgbarkeit bis zur Farm – nicht nur bis zum Großhändler: Die Siegel ASC und GGN müssen die volle Rückverfolgbarkeit für Konsument:innen leisten– vom Supermarktregal zurück bis zur einzelnen Herkunftsfarm. ASC und GGN müssen zu einer Zertifizierung  der einzelnen Farm übergehen, statt sich auf Gruppenzertifizierungen zu verlassen.
  2. Schluss mit angekündigten Kontrollen: Angekündigte Kontrollen sind eine Einladung, Probleme zu verschleiern. Stattdessen müssen unabhängige Prüfer:innen im Auftrag von ASC und GGN die Farmen ohne Vorankündigung kontrollieren. Die Ergebnisse aller Audits müssen veröffentlicht werden.
  3. Wer Tiere massenhaft sterben lässt, verliert das Siegel: ASC und GGN müssen strenge, verbindliche Obergrenzen für die Sterblichkeit festlegen und sicherstellen, dass ein Überschreiten dieser Grenzen automatisch zur Aussetzung der Zertifizierung führt.

Mit freundlichen Grüßen

  • Chris Ninnes – CEO, Aquaculture Stewardship Council (ASC)
  • Elmé Coetzer-Boersma – CEO, Agraya GmbH
  • Markus Philipp – COO, Agraya GmbH

Hintergrundinformationen

ASC und GGN sind die zwei bekanntesten Siegel für Zuchtfisch in europäischen Supermärkten. Das Aquaculture Stewardship Council (ASC) wurde 2010 von der Umweltorganisation WWF und der niederländischen Sustainable Trade Initiative gegründet und vergibt seit 2012 sein hellblaues Siegel. Das GGN-Siegel (GLOBALG.A.P. Number) wird von der privaten Standardorganisation GLOBALG.A.P. vergeben, die 1997 von europäischen Einzelhändlern ins Leben gerufen wurde.

Beide Siegel werben mit hohen Standards bei Umwelt und Tierwohl, sauberem Wasser, eingeschränktem Chemikalieneinsatz und rückverfolgbaren Produkten. Beide verdienen ihr Geld über Lizenz- und Zertifizierungsgebühren. ASC erzielte nach eigenen Angaben 2023 einen Umsatz von 15,6 Millionen Euro. [1]

In Norwegen, dem größten Lachsproduzenten der Welt, ist inzwischen rund die Hälfte aller Lachsfarmen ASC-zertifiziert. Das GGN-Siegel deckt nach eigenen Angaben sogar bis zu 90 Prozent der norwegischen Lachsaquakultur ab. [2]

Wir werfen ASC und GGN vor, Verbraucher:innen in Sicherheit zu wiegen, die nicht gerechtfertigt ist. Drei zentrale Punkte:

Erstens: Kontrollen sind angekündigt. ASC- und GGN-Audits werden in der Regel Wochen vorher angekündigt. Selbst die sogenannten „unangekündigten" Audits nach dem bei GGN verbreiteten "Smart"-Standard dürfen bis zu 48 Stunden vorher angemeldet werden. [3] Zeit genug, Probleme verschwinden zu lassen. Dass das in der Industrie Praxis ist, haben Drohnenaufnahmen auf einer schottischen Lachsfarm 2024 gezeigt: Nur Stunden vor einem angekündigten Politiker:innen-Besuch wurden dort tonnenweise tote Fische abtransportiert. [4] Die Farm war nicht ASC-zertifiziert – aber das Kontrollregime von ASC und GGN lädt zu solchen Verstößen geradezu ein.

Zweitens: Die Rückverfolgbarkeit funktioniert nicht. Wir haben 2025 im Supermarkt 22 ASC-zertifizierte Lachsprodukte gekauft und die Hersteller nach der Zuchtfarm gefragt. Bei 85 Prozent blieb die Herkunft unklar. [1]

Drittens: Selbst eklatante Regelverstöße haben kaum Konsequenzen. Auf einer ASC-zertifizierten Lachsfarm des Konzerns Lerøy dokumentierten norwegische Behörden 2023 bei einer unangekündigten Kontrolle, wie tote Fische vom Boden des Käfigs hochgepumpt und als Lebensmittel für den menschlichen Verzehr weiterverarbeitet werden sollten. ASC entzog der Farm das Siegel trotz dieses Vorfalls nicht. [5]

Nein - das Kontrollsystem hat weitere Lücken. ASC- und GGN-zertifizierte Farmen werden in der Regel einmal pro Jahr geprüft – meist mit Vorankündigung, nicht immer von externen Kontrolleuren.

Dazu kommt die Praxis der Gruppenzertifizierung: Mehrere Farmen eines Unternehmens werden  gemeinsam zertifiziert. Externe Prüfer:innen kontrollieren dann gar nicht jeden einzelnen Betrieb, sondern nur eine Stichprobe. Bei ASC müssen nur 20 Prozent dieser Stichprobe wirklich unangekündigt geprüft werden - wobei selbst diese Kontrollen bis zu zwei Tage vorher angekündigt werden dürfen. [6] Der Rest läuft über interne Selbstkontrollen der Unternehmen.

Das Ergebnis: Für Verbraucher:innen entsteht der Eindruck, dass jede zertifizierte Farm unabhängig geprüft wird. In Wirklichkeit ist das nur eine Minderheit. Viele der schwersten Verstöße der letzten Jahre wurden nicht von ASC oder GGN selbst aufgedeckt, sondern von staatlichen Behörden, die unangekündigt kontrolliert haben.

In aller Regel nein. Wir haben 2025 stichprobenartig 22 ASC-zertifizierte Lachsprodukte aus deutschen Supermärkten überprüft und die Hersteller nach der konkreten Zuchtfarm gefragt. Nur in zwei Fällen wurde die Farm benannt. Bei sechs Produkten verweigerten die Hersteller eine Auskunft, bei 13 reagierten sie gar nicht. Bei 85 Prozent der Produkte blieb die Herkunft also unklar. [1]

Der Grund liegt im System. Die ASC-Nummer auf der Verpackung verweist in der Regel nicht auf die Farm, sondern auf die letzte Station in der zertifizierten Lieferkette – meist den Verarbeitungsbetrieb oder den Verpacker. Das räumt ASC auf Anfrage selbst ein. [7] Bei GGN ist es ähnlich: Die Nummer auf der Packung führt oft nur zu einem Händler oder einer Liste möglicher Herkunftsfarmen – nicht zu einem konkreten Betrieb.

Solange Produkte nicht bis zur einzelnen Farm zurückverfolgbar sind, bleiben Probleme einzelner Betriebe – Massensterben, Parasitenbefall, Hygieneverstöße – für Verbraucher:innen unsichtbar. Und genau darum geht es bei einem Siegel eigentlich: Es soll Transparenz bieten, nicht verschleiern.

Nicht im Sinne eines echten Limits. ASC hat zwar artenspezifische Mortalitätsschwellen und verlangt, dass Überschreitungen dokumentiert und im Auditbericht veröffentlicht werden. Aber: Ein Überschreiten führt nicht automatisch zum Siegelentzug. [8]

Was das in der Praxis bedeutet: In Norwegen starb 2023 jeder sechste Lachs in den Meeresgehegen, bevor er überhaupt geschlachtet werden konnte – die höchste Sterblichkeitsrate, die das norwegische Veterinärinstitut je gemessen hat. [9] Trotzdem tragen rund 42 Prozent der norwegischen Farmen weiter das ASC-Siegel, bei GGN sind es sogar bis zu 90 Prozent. Wir fordern deshalb verbindliche Obergrenzen mit automatischen Konsequenzen: Wer sie reißt, verliert das Siegel.

Wir schreiben an ASC und GGN, weil die Siegel der Hebelpunkt im System sind. Supermärkte wie Edeka, Rewe, Aldi und Lidl berufen sich bei Kritik an ihren Lachsprodukten auf eben diese Zertifikate und verteidigen sich damit, dass der Fisch ASC-zertifiziert sei, also alles in Ordnung. Solange die Siegel aber ihr Versprechen nicht einlösen, ist das eine Ausrede – und der Handel kommt aus seiner Verantwortung heraus.

Die politische Regulierung wäre der direkteste Weg, aber sie ist langsam: Tierwohl- und Lebensmittelstandards auf EU-Ebene zu ändern, dauert Jahre. Die Siegel dagegen können sich selbst reformieren – wenn sie den Druck spüren. Und sie reagieren darauf, wenn das Vertrauen ihrer Kund:innen, also der Supermärkte und Marken, bröckelt. Denn ohne dieses Vertrauen verlieren sie ihre Existenzgrundlage.

Dass das funktioniert, hat sich schon gezeigt: Nach unserem Report „Faule Fische" im Dezember 2024 räumte ASC Handlungsbedarf ein und kündigte ein digitales Rückverfolgbarkeitstool an. 1,5 Jahre später war es allerdings immer noch nicht verfügbar. Darum brauchen wir jetzt den nächsten Schub – damit aus Ankündigungen echte Veränderungen werden: unangekündigte Kontrollen, Rückverfolgbarkeit bis zur einzelnen Farm und Standards mit echten Konsequenzen bei Verstößen.

  1. ASC Annual Impacts Report 2023
  2. foodwatch, Supermarkt-Lachs: foodwatch-Marktcheck deckt Intransparenz bei ASC-Siegel auf, 06.07.2025
  3. GLOBALG.A.P., Regeln für Einzelproduzenten, 01.10.2022
  4. Animal Equality UK, Footage reveals huge numbers of dead fish being removed from salmon farm hours before politicians arrive for ‘fact-finding tour’, 27.09.2024
  5. WildFish, Grotesque footage emerges from certified Scottish salmon farm as new report questions whether consumers are being misled by certification bodies and supermarkets, 13.09.2023
  6. ASC, Farm and Feed Certification and Accreditation Requirements, 01.05.2025
  7. ASC-Stellungnahme zum Transparenz-Check, zitiert auf Utopia.de, 08.07.2025
  8. ASC, Stellungnahme zur foodwatch-Forderung nach Verkaufsstopp für Lachs aus Norwegen, 04.12.2024
  9. foodwatch, foodwatch fordert Verkaufsstopp für Lachs aus Norwegen, 04.12.2024

foodwatch hat die Aktion am 05.05.2026 gestartet. 

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