Schulmilch in NRW: Aus für „Lex Kakao“? Ministerin Ursula Heinen-Esser stellt Förderung von Milch mit Zuckerzusatz auf den Prüfstand – Evaluation bis zu den Herbstferien angekündigt

Nach Kritik der Verbraucherorganisation foodwatch stellt die nordrhein-westfälische Landesregierung die Förderung von gezuckertem Kakao in seinem Schulmilchprogramm auf den Prüfstand. „Wir evaluieren bis zu den Herbstferien“, schrieb die verantwortliche Umweltministerin Ursula Heinen-Esser am späten Dienstagabend auf twitter. Eine Entscheidung solle dann unter „Beteiligung der Eltern“ fallen. Kriterien für die Evaluation nannte die Ministerin nicht. 

„Die Lex Kakao muss weg – am besten sofort“, forderte foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. „So, wie die nordrhein-westfälische Landesregierung ihr Schulmilchprogramm organisiert, fördert es nur zweierlei: Übergewicht bei Kindern und Umsatz beim Molkereikonzern FrieslandCampina – das ist nicht zu verantworten.“ 

Die Europäische Union will aus gesundheitlichen Gründen nur noch Produkte ohne Zuckerzusatz im Rahmen ihres Schulprogramms fördern. NRW hat jedoch - wie sonst nur noch Berlin und Brandenburg – eigens eine Ausnahmeregelung geschaffen, um doch noch gezuckerte Produkte subventionieren zu können. Zuletzt hatte Hessen auf Kritik von foodwatch reagiert und Ende vergangener Woche angekündigt, die Kakao-Förderung zu stoppen. 

Aus Sicht von foodwatch kann die nordrhein-westfälische Landesregierung die Evaluierung bereits heute vornehmen, da die wesentlichen Punkte feststehen: 

  • 15 Prozent der Kinder gelten als übergewichtig, 6 Prozent als fettleibig. Während sie zu wenig Obst und Gemüse verzehren, ist ihr Zuckerkonsum zu hoch.
  • Die EU hat ihr Schulmilchprogramm wegen der Zunahme von Fettleibigkeit bei Kindern umgestellt und will nur noch ungezuckerte Milchprodukte fördern.
  • Die Landesregierung hat für die Ausgestaltung des EU-Programmes in NRW jedoch eigens eine Ausnahmeregelung geschaffen, durch die Kakao mit Zuckerzusatz weiterhin gefördert wird.
  • Diese Förderung von Milch mit Zuckerzusatz widerspricht sogar den offiziellen, von der Bundesregierung initiierten Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Schulmilchprogramm in NRW fördert mit Steuergeldern ein Ernährungsangebot an Schulen, das den Empfehlungen zuwider läuft.
  • Ungesüßte Milchprodukte sind zwar fester Bestandteil der Ernährungsempfehlungen für Kinder. Allerdings sollten diese nur „mäßig“ verzehrt werden. Die durchschnittliche Kalziumaufnahme von Kindern in Deutschland liegt unter den Empfehlungen, der Bedarf kann jedoch auf verschiedene Art und Weise gedeckt werden – zum Beispiel durch ein ausgewogenes Mittagessenangebot mit Nüssen, Hülsenfrüchten und auch Milchprodukten. NRW hat die DGE-Standards für die Mittagverpflegung jedoch nicht verpflichtend erklärt, weshalb ein hochwertiges Angebot in den Schulkantinen nicht garantiert ist. Hier könnte die Landesregierung ansetzen, wenn sie die Ernährungssituation der Kinder verbessern möchte.
  • Wenn Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen, ist das problematisch – allerdings sind Ernährungsprobleme in den Familien nicht durch die Förderung von Zuckermilch zu lösen. Zielführender wären ausgewogene Frühstücksangebote in den Schulen – zumindest könnte das Schulobstprogramm an allen Schulen angeboten werden. Hierfür stehen in NRW jedoch nicht genügend Mittel zur Verfügung.
  • Nach wie vor gilt: Wenn Kinder nicht genug Obst essen, gibt man ihnen auch keine Obsttorte als Ersatz.
  • Dass das Schulmilchprogramm in NRW bislang nicht an den Ernährungsbedürfnissen der Kinder ausgerichtet ist, zeigt auch die offizielle Internetseite der Landesregierung zu dem Programm: Unter www.schulobst-milch.nrw.de verweist sie immer dann, wenn es um „gesunde Ernährung“ oder den „gesundheitlichen Stellenwert von Milch“ geht, auf ein Portal der Landesvereinigung der Milchwirtschaft, die naturgemäß ein Interesse an einem möglichst hohen Milchabsatz hat.

Die jüngsten Angaben der nordrhein-westfälischen Landesregierung zum Schulmilchprogramm stammen aus dem Schuljahr 2015/2016. Demnach seien in Schulen und Kitas zu 63 Prozent gezuckerte Milchprodukte und nur zu 37 Prozent ungesüßte Milch gefördert worden, wobei der Anteil von Zuckermilch an den Schulen noch deutlich größer sein dürfte. Die Landesregierung änderte inzwischen ihre Richtlinien, so dass weniger Kakao gefördert werden soll. foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker: „Wenn die Landesregierung zu Recht nicht möchte, dass Kinder zu viel gezuckerten Kakao trinken, dann sollte sie den einzig logischen Weg dorthin gehen und die staatliche Kakao-Förderung beenden. Es kann nicht sein, dass sie auf der einen Seite über die Verantwortung der Eltern für eine ausgewogene Ernährung philosophiert und auf der anderen Seite mit einem steuerfinanzierten Programm Zuckergetränke an Kinder verabreicht, von denen diese ohnehin schon zu viel verzehren.“ 

 
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