Pressemitteilung 12.04.2019

„Scheinheilig“: foodwatch kritisiert Elternbefragung zur Schulmilchförderung in NRW

Die Verbraucherorganisation foodwatch hat die vom nordrhein-westfälischen Verbraucherministerium gestartete Elternbefragung zur Schulmilchförderung als scheinheilig kritisiert. Die Befragung will Ministerin Ursula Heinen-Esser zur Evaluierung des Schulmilchprogrammes heranziehen und damit als Grundlage für die Entscheidung darüber, ob NRW als letztes Bundesland an der umstrittenen Subventionierung gezuckerter Schokoladenmilch festhält. Die Befragung ist aus Sicht von foodwatch manipulativ gestaltet, zudem werden den Eltern wesentliche Informationen vorenthalten.

„Frau Heinen-Esser stiehlt sich aus der Verantwortung: Es geht nicht darum, Kindern oder Eltern bestimmte Produkte vorzuenthalten – sondern um ein steuerfinanziertes, staatliches Förderprogramm. Hier muss die Landesregierung schon selbst entscheiden, ob sie den viel zu hohen Zuckerkonsum der Schulkinder durch Subventionen noch weiter ankurbeln will oder ob sie eine gesunde Ernährung fördern möchte“, so foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. „Der Eindruck ist: Die Umfrage zielt nicht auf Erkenntnisgewinn, sondern soll eine Grundlage zur Rechtfertigung eines irren staatlichen Übergewichtsförderprogramms schaffen.“

Die Kritikpunkte zu der unter www.schulmilchfrage.de laufenden Elternbefragung im Einzelnen:

1. Den Eltern werden wesentliche Informationen vorenthalten:

  • Der Zuckergehalt des Schulkakaos ist an keiner Stelle erwähnt.
  • Mit keiner Silbe wird genannt, weshalb die steuerliche Förderung von Schokoladenmilch in der Kritik steht. Es bleibt unerwähnt, dass die EU mit ihrem Schulmilchprogramm nur noch ungesüßte Milchprodukte subventionieren will, NRW jedoch als letztes Bundesland in Deutschland an einer abweichenden Regelung für die Verteilung der EU-Gelder festhält. Es bleibt unerwähnt, dass die tägliche Portion gezuckerte Schulmilch darüber hinaus gegen die offiziellen, von der Bundesregierung initiierten, Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) verstößt. Es wird auch nicht genannt, dass sich Verbände wie die Bundeszahnärztekammer, der Berufsverband der Deutschen Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Adipositasgesellschaft seit langem gegen die Subventionierung gezuckerter Lebensmittel aussprechen.
  • Die mangelnden Informationen haben besonders deshalb Relevanz, weil das Ministerium und weitere Landespolitiker das Schulmilchprogramm über Jahre hinweg immer wieder falsch dargestellt haben – so wurde zuletzt in einer Landtagsdebatte der Zuckergehalt des Schulkakaos von Rednern kleiner dargestellt als er ist, die Schulmilch als „vergünstigt“ bezeichnet, obwohl Eltern Milch im Laden oft günstiger einkaufen können als über das steuerlich geförderte Schulmilchprogramm.

2. Die Umfrage ist manipulativ, sie arbeitet mit suggestiven Fragestellungen, durch Fragen und Antwortoptionen werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stark gelenkt:

  • Eine Frage wie „Trinkt Ihr Kind trotzdem [d.h. wenn es keine Schulmilch bezieht, Anm. foodwatch] regelmäßig Milch und Kakao in der Schule?“ suggeriert, dass Kinder in dem Fall in der Schule Milch oder Kakao trinken müssten – was aus gesundheitlichen Gründen nicht erforderlich ist. Etwa der Calciumbedarf lässt sich auch auf anderem Wege decken.
  • Eine Frage wie: „Welche Produkte sollten über das EU-Schulmilchprogramm zu einem vergünstigten Preis abgegeben werden?“ schließt nicht nur von vornherein Positionen aus – etwa die von Eltern, die das Schulmilchprogramm insgesamt in Frage stellen. Zu fragen, welche Produkte „vergünstigt“ abgegeben werden sollen, ist zudem suggestiv: Die Fragestellung lädt dazu ein, möglichst viele Produkte zu nennen, weil "„günstig“ schließlich attraktiv ist – und weil aus der Frage weder die Konsequenzen der Förderung hervorgehen noch der Umstand, dass die Schulmilch im Vergleich zum Standard-Ladenpreis gerade nicht besonders günstig ist.
  • Wichtige Fragestellungen fehlen: Geht es um das Ziel, Kindern bei einer ausgewogenen Ernährung zu unterstützen, so sollte auch nach anderen Möglichkeiten des Landes gefragt werden statt nur nach dem Schulmilchprogramm (z.B. ausgewogener Mittagstisch an den Schulen, Gestaltung des Angebots am Schulkiosk, erwünschte ergänzende Angebote wie ausgewogenes Frühstück, Wasserspender etc.) – doch darum geht es dem Ministerium in seiner Befragung erkennbar nicht.

3. Die Umfrage ist manipulierbar:

  • Über die allgemein zugängliche Internetseite kann sich jeder an der Umfrage beteiligen. Menschen in NRW genauso wie Menschen von außerhalb des Landes, Eltern von Schulkindern genauso wie Dienstleister von Molkereikonzernen.
  • Der kryptische Datenschutzhinweis deutet darauf hin, dass es keine Vorkehrungen gegen Mehrfachteilnahmen gibt - hier sind keinerlei technische Hürden wie Cookies vermerkt, eine E-Mail-Bestätigung erfolgt nicht. Weil die Seite gegen rechtliche Vorgaben wie die Impressumspflicht verstößt, dürfte sie nach Einschätzung von foodwatch so nicht einmal im Netz stehen.

foodwatch forderte Verbraucherministerin Ursula Heinen-Esser auf, sich nicht hinter scheinheiligen, offenbar nicht ernst gemeinten Elternbefragungen zu verstecken. foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker: „Es fehlt nicht an Erkenntnissen, sondern an den nötigen Landesmitteln, um die Kinder statt die Milchwirtschaft zu fördern. Also: Weg mit den staatlichen Kakao-Subventionen, her mit Fördermaßnahmen für eine gesunde Ernährung – angefangen von endlich ausgewogenen Mittagsangeboten für alle Kinder in NRW.“