Frage des Monats 01.10.2026

Sind unsere Lebensmittel zu billig?

Sind wir Deutschen zu knauserig beim Einkauf? Auf den ersten Blick ja. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Dario Sarmadi von foodwatch antwortet:

Die Deutschen schätzen Lebensmittel nicht genug wert, weil sie nicht bereit sind, mehr Geld für sie auszugeben. Das ist der Vorwurf der rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministerin Christine Schneider. Aber sind wir wirklich so knauserig? Und sind teurere Lebensmittel qualitativ wirklich besser? Wir haben die Zahlen geprüft.

foodwatch/Sabrina Weniger

Ein Blick auf die Preisentwicklung zeigt: Lebensmittel sind alles andere als billig. Zwischen 2020 und 2025 sind sie in Deutschland um rund ein Drittel teurer geworden – vor allem Grundnahrungsmittel wie Brot- und Getreideprodukte (+37 Prozent), Milchprodukte und Eier (+32 Prozent) oder Speisefette und -öle (+64 Prozent). Die allgemeine Inflation lag im selben Zeitraum laut Statistischem Bundesamt nur bei rund 19 Prozent – Lebensmittel sind also deutlich stärker gestiegen als der Rest der Preise.

Wen trifft das am härtesten?

Menschen mit wenig Geld leiden an den gestiegenen Preisen besonders stark. Die Tafeln arbeiten am Limit, manche nehmen inzwischen keine neuen Mitglieder mehr auf. Die UN-Ernährungsorganisation FAO beobachtet auch in Deutschland eine steigende Ernährungsarmut: Rund drei Millionen Menschen – etwa drei Prozent der Bevölkerung – können sich keine ausgewogene Ernährung mehr leisten oder sich soziale Teilhabe beim Essen (etwa auswärts essen gehen) nicht mehr erlauben. Der Ernährungsreport der Bundesregierung zeigt zudem: Immer mehr Menschen achten beim Einkauf verstärkt auf den Preis.

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Der Vergleich mit anderen Ländern hinkt

Die Ministerin stützt sich auf einen anderen Wert: den Anteil der Lebensmittelausgaben am Gesamteinkommen. Der liegt in Deutschland bei rund 11 Prozent – niedriger als der EU-Schnitt von rund 13 Prozent. Daraus den „geizigen Deutschen“ abzuleiten, ist aber irreführend: Länder mit einem besonders hohen Anteil sind vor allem ärmere Länder wie Rumänien, Bulgarien oder die Slowakei. Länder mit einem niedrigen Anteil – wie Deutschland, Belgien, Österreich oder Luxemburg – gehören zu den wohlhabendsten der EU. Der Zusammenhang ist simpel: Je mehr Geld zur Verfügung steht, desto geringer ist der prozentuale Anteil, der für Essen ausgegeben wird – nicht, weil man weniger wertschätzt, sondern weil man mehr übrig hat.

Das zeigt sich auch innerhalb Deutschlands: Haushalte mit weniger als 1.000 Euro netto im Monat geben rund ein Fünftel ihres Budgets für Essen, Trinken und Tabak aus. Haushalte mit mehr als 5.000 Euro netto nur etwa 13 Prozent.

Sind teurere Lebensmittel automatisch die besseren?

Nein. Oft steckt im teuren Markenprodukt exakt das Gleiche wie im No-Name-Produkt vom Discounter – aus derselben Fabrik. Und selbst wenn nicht: Der höhere Preis sagt nichts darüber aus, wie es den Tieren ging, woher die Zutaten stammen oder ob Pestizide eingesetzt wurden. Ein foodwatch-Marktcheck zu Milchprodukten hat gezeigt: Trotz erheblicher Preisunterschiede im Supermarkt bekommen Landwirt:innen für ihre Milch in aller Regel den gleichen, niedrigen Auszahlungspreis. Der Aufschlag geht überwiegend in Marketing und Werbung – nicht in bessere Erzeugerpreise. Eine Ausnahme ist Biomilch, bei der die Auszahlungspreise tatsächlich etwas höher liegen.

Das eigentliche Problem

Wenn die Ministerin sagt, die Deutschen müssten einfach mehr Geld ausgeben, schiebt sie die Verantwortung auf die Verbraucher:innen – statt selbst die Rahmenbedingungen zu ändern, die faire Preise für Landwirt:innen und klimafreundlichere Produktion ermöglichen würden.

Was wirklich helfen würde

  • Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse streichen. Eine Maßnahme, die sofort umsetzbar wäre und gesunde Ernährung direkt leistbarer machen würde.
  • Preisobergrenzen für Grundnahrungsmittel diskutieren. In Frankreich hat foodwatch gemeinsam mit anderen Organisationen eine Debatte über einen Korb an preisgebundenen Grundnahrungsmitteln angestoßen.
  • Staatlich unterstützte Supermärkte in einkommensschwachen Regionen, wie sie New Yorks künftiger Bürgermeister Zohran Mamdani vorschlägt.
  • Eine unabhängige, staatliche Preisbeobachtungsstelle, wie es sie in Frankreich schon gibt. Das foodwatch-Preisradar liefert Hinweise darauf, dass sich Supermärkte bei Eigenmarken-Preisen mitunter auffällig gleichzeitig bewegen – eine unabhängige Stelle könnte das systematisch untersuchen.

Lebensmittel sind in Deutschland nicht zu billig – sie sind in den letzten Jahren deutlich stärker gestiegen als die allgemeine Inflation, und immer mehr Menschen können sich gesunde Ernährung kaum noch leisten. Der niedrige Anteil der Lebensmittelausgaben am Einkommen ist vor allem ein Wohlstandseffekt, kein Zeichen mangelnder Wertschätzung. Und ein höherer Preis an der Kasse landet meist nicht bei den Landwirt:innen. Wer wirklich etwas verändern will, muss bei fairen Erzeugerpreisen, Mehrwertsteuer und Preistransparenz ansetzen – nicht beim Geldbeutel der Verbraucher:innen.