„Die Demokratie lebt von der Streitkultur“

12.10.2011
Dr. Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender Evonik Industries AG

Dr. Klaus Engel, 55, ist Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries AG. Der Mischkonzern zählt zu den weltweit führenden Unternehmen in der Spezialchemie. Im foodwatch-Interview spricht der Unternehmenschef über das Salz in der Demokratie, konstruktive Kritik und seinen Dank an die Umweltbewegung.

 

 

Wie sehen Sie als Unternehmenschef das Verhältnis zu Nichtregierungsorganisationen (NROs)?

Ich habe ein entspanntes Verhältnis zu NROs. Als Unternehmer setze ich mich mit der Kritik von NROs auseinander – solange es sich um konstruktive Kritik und um berechtigte Sorgen handelt. Wie beispielsweise in den 1980er Jahren die Kritik durch die Ökologiebewegung.

In Ihrer Antrittsrede als Präsident des Chemie-Verbandes haben Sie der Umweltbewegung ausdrücklich gedankt. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?

Die Wirtschaft muss auch die Leistungen von NROs anerkennen. Der gesellschaftliche Druck hat erheblich dazu beigetragen, dass wir die hohe Effizienz und die strengen Umweltschutzstandards in der Chemiebranche erreicht haben – und das ist heute mit ein Grund, warum Deutschland Marktführer bei Umwelttechnologien ist.

Wie reagierte die Branche auf die Rede?

Auch aus der Chemiebranche habe ich sehr viel Zuspruch bekommen. Einige Kollegen waren der Meinung, ich sei zu weit gegangen. Ich wollte als neuer Verbandschef jedoch ganz bewusst einen neuen Dialog anstoßen – auch auf die Gefahr hin, dafür kritisiert zu werden. Aber ich stehe zu dem, was ich gesagt habe.

Hätten die Umweltaktivisten auch so viel erreicht, wenn Sie die Branche nicht zuvor öffentlich teilweise sehr scharf angegriffen hätten?

Natürlich müssen NROs auch den Weg über die Medien und die Öffentlichkeit suchen. Die Demokratie lebt von der Streitkultur. Aber wenn man nur noch über die Medien kommuniziert, wird es sehr schwierig. Wichtig ist doch ein fairer Umgang miteinander auf Augenhöhe, um so gemeinsam Verständigung und Fortschritt möglich zu machen.

Sind NROs durch das Machtungleichgewicht gegenüber wirtschaftlichen Interessen aber nicht dazu gezwungen, zugespitzt über die Medien zu kritisieren?

Ich glaube nicht, dass es da ein so großes Ungleichgewicht gibt. Schauen Sie sich doch einmal an, wie viele NROs bei den Vereinten Nationen vertreten sind. Damit tragen NROs ebenfalls große Verantwortung dafür, dass die Öffentlichkeit fair und sachlich informiert wird. Ihr Einfluss und ihre Macht beruht auf ihrer Glaubwürdigkeit.

NROs wird manchmal vorgeworfen, dass sie demokratisch nicht legitimiert seien.

Das ist Unsinn. NROs nehmen legitime Interessen wahr – wie Wirtschaftsverbände beispielsweise auch. Das geschieht gerade auch im öffentlichen Raum. Die Meinungsfreiheit ist das Salz unserer Demokratie. NROs übernehmen in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle: Sie greifen Sorgen und Befürchtungen von Teilen der Bevölkerung auf und richten diese Kritik dann an Politik und Wirtschaft.

Sind andere Branchen noch nicht so weit wie die Chemie-Industrie – zum Beispiel die Lebensmittelindustrie?

Ich weiß nicht, ob es sozusagen „Gewinner“ oder „Verlierer“ unter den verschiedenen Branchen gibt. Mein Eindruck ist, dass sich überall die Einsicht durchsetzt, dass man sich mit den Themen der NROs auseinandersetzen muss.

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