Nachricht 13.06.2026

Gastbeitrag: Der Mythos vom natürlichen Fleisch

Felix Peters von Getty Images

Über hochverarbeitete Wurstwaren, Lobbystrategien der Lebensmittelbranche und blinde Flecken in der europäischen UPF-Debatte.

Der Gastbeitrag von Suzy Sumner erschien am 10. Juni 2026 in The Brussels Times und basiert auf dem foodwatch-Report The EU Meat Industry – Illusions of Traditions and Naturalness.

Den vollständigen englischsprachigen Report finden Sie hier.

Suzy Sumner, foodwatch International

Fragt man Ernährungs- und Gesundheitsforscher, was sie in der Lebensmittelpolitik gerade am meisten umtreibt, hört man fast immer dasselbe: hochverarbeitete Lebensmittel, auf Englisch Ultra-Processed Food, kurz UPF.

Zu Recht. Viele dieser Produkte sind industriell hergestellt, vollgestopft mit Zusatz- und Aromastoffen und haben mit dem, was einmal auf einem Feld wuchs, kaum noch etwas gemein. Sie schaden unserer Gesundheit. Strengere Regeln sind überfällig – man denke nur an zucker- und süßstoffhaltige Limonaden.

Doch während diese Debatte tobt, kommt eine der mächtigsten Branchen Europas ungeschoren davon: die Fleischindustrie. Laut einer aktuellen Studie sind hochverarbeitete Würste die zweithäufigste UPF-Kategorie auf europäischen Tellern. In manchen Ländern stehen sie sogar an erster Stelle.

Trotzdem inszeniert sich die Branche seit Jahren als Gegenentwurf zu allem, was uns an moderner Ernährung Sorgen macht: natürlich, traditionell, bodenständig. Mit der Wirklichkeit hat dieses Bild wenig zu tun.

Der Bauernhof-Mythos im Supermarktregal

Copa-Cogeca, eine der einflussreichsten Agrarlobbys in Brüssel, preist in ihren Kampagnen traditionelle Fleischprodukte als „tief in unserem kulturellen Erbe verwurzelt" – und stellt pflanzliche Alternativen zugleich als künstlich und durchindustrialisiert hin.

Nach demselben Muster liefen die Debatten um Farm to Fork. Die Warnung, „traditionelle Lebensmittel" seien in Gefahr, zog erstaunlich gut. Das Ergebnis: Sechs Jahre nach dem Start der Strategie ist von dem Versprechen, den Fleischkonsum zu senken, so gut wie nichts übrig.
Aber wie sieht diese „traditionelle" Erzeugung in Wahrheit aus? Zwischen 2005 und 2020 ist die Zahl der Höfe in Europa um 37 Prozent gesunken. 5,3 Millionen Betriebe haben aufgegeben – größtenteils kleinere Familienhöfe.

90 Prozent der Masthühner wachsen im geschlossenen Stall auf. 99 Prozent der Mastschweine kommen nie nach draußen. Über 80 Prozent der europäischen Milch stammt aus intensiver Haltung. Mit den Höfen aus der Werbung hat das nichts zu tun.

Gen-Futter, versteckte Zusatzstoffe und das große Schweigen

Im Schnitt verzehrt jeder Mensch in Europa pro Jahr rund 60 Kilogramm verstecktes Soja – über tierische Produkte. Nur 5 Prozent ihres Bedarfs deckt die EU selbst. Der Rest kommt vor allem aus Brasilien, Argentinien und den USA, wo fast ausschließlich Gentechnik-Soja wächst.
Gekennzeichnete Gentechnik-Produkte meiden viele Menschen bewusst, und die Hersteller richten sich danach. Dass aber ihr Fleisch mit Gen-Futter erzeugt wurde, erfahren dieselben Menschen nicht – denn dafür gibt es keine Kennzeichnungspflicht.

In der EU sind über 1.400 Futtermittelzusatzstoffe erlaubt. Für Lebensmittel sind es gut 300. Vitamine, Emulgatoren, Konservierungsstoffe, Aromen, Verdaulichkeitsförderer: Sie gehören längst zur normalen Tierfütterung. Auf keinem Etikett ist davon die Rede.
Selbst Rinderhälften dürfen mit Milchsäure behandelt werden – auf Wunsch des US-Landwirtschaftsministeriums eingeführt. Erfahren muss der Kunde davon nichts.

Das hochverarbeitete Produkt, das niemand so nennt

Und hier liegt die eigentliche Ironie: Ausgerechnet die Branche, die pflanzliche Lebensmittel am lautesten als „hochverarbeitet" abkanzelt, ist selbst eine der größten UPF-Produzentinnen. Würste, Speck, Schinken – sie werden als traditionell vermarktet, dabei stecken oft genau die Zusatzstoffe drin, die ein hochverarbeitetes Lebensmittel ausmachen.
Nitrate und Nitrite sorgen für Haltbarkeit und Farbe – und erhöhen das Krebsrisiko. Verarbeitetes Fleisch gilt der Krebsforschungsagentur IARC seit über zehn Jahren als krebserregend, Gruppe 1.

Begriffe wie „traditionell", „handwerklich" oder „natürlich" sollen das überdecken. Rechtlich definiert ist keiner von ihnen. Vorne auf der Packung prangen sie groß, die Zusatzstoffe verschwinden im Kleingedruckten auf der Rückseite. Eine Täuschung mit Gütesiegel des Gesetzes.

Höchste Zeit, dass die Debatte bei den Fakten ankommt

Der Fleischkonsum in der EU liegt zwei- bis viermal so hoch wie empfohlen. Was das für Gesundheit und Umwelt bedeutet, ist wissenschaftlich klar. Und trotzdem bewegt sich politisch kaum etwas – nicht, weil es den Menschen egal wäre, sondern weil das Bild, das die Industrie zeichnet, so mächtig, so gut finanziert und so fest in der Brüsseler Politik verankert ist.
80 Prozent der Agrarsubventionen gehen an 20 Prozent der Höfe – die größten, intensivsten Betriebe. Genau diesen Zustand hat Copa-Cogeca beharrlich verteidigt. Und gibt sich dabei als Anwältin der Familienbetriebe.

Die UPF-Debatte ist wichtig. Aber wir dürfen sie der Fleischindustrie nicht überlassen. Sie verkauft sich als gesunde, natürliche Alternative – und hält im Verborgenen, wie industriell ihre Produktion wirklich ist und was zu viel Fleisch mit unserer Gesundheit macht.
Was wir brauchen, sind echte Reformen: für die Gesundheit, den Tierschutz und die Umwelt. Dafür muss die Politik endlich trennen zwischen dem romantischen Bild der Landwirtschaft und der industriellen Wirklichkeit.

Wenn die EU-Kommission die Schäden durch hochverarbeitete Lebensmittel eindämmen will – und das sollte sie – dann fängt sie am besten hier an: Werbung für ungesunde Produkte an Kinder konsequent einschränken. Und eine verpflichtende, einheitliche Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite der Packung.