Was hilft Kindern wirklich bei Adipositas?
Mehr Aufklärung für Eltern und bessere Ernährungsbildung in der Schule - was bringt das wirklich?
Andreas Winkler von foodwatch antwortet:
Wenn es um Übergewicht und Adipositas bei Kindern geht, fordern Politiker:innen oder Lebensmittel-Lobbyist:innen gerne: mehr Aufklärung und bessere Ernährungsbildung. Klingt vernünftig – aber ist das die Lösung?
Andreas Winkler, Pressesprecher
Was sagt die Forschung?
Prof. Anna Lene Seidler von der Universitätsmedizin Rostock hat sich diese Frage sehr genau angeschaut. In einer der bislang umfangreichsten Untersuchungen zu diesem Thema hat sie gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam die Daten aus 31 Studien mit rund 30.000 Kindern ausgewertet – veröffentlicht im renommierten Fachmagazin The Lancet.
Das Ergebnis ist eindeutig: Aufklärungsprogramme für Eltern zur Vorbeugung von Adipositas bei Kleinkindern haben keinen Effekt. Weder auf das Körpergewicht der Kinder noch auf ihre Ernährungsgewohnheiten. Kein kleiner Effekt, kein schwacher Trend – sondern: gar keinen.
Bildungsprogramme für Eltern wirken kaum
Wie ist das möglich? Prof. Seidler erklärt es im foodwatch-Podcast „Geschmacksverstärker“ so: Die ersten Lebensjahre sind für viele Familien überwältigend. Eltern haben oft nicht die Zeit, die Energie oder das Geld, um Verhaltensprogramme konsequent umzusetzen – also beispielsweise frisch und gesund zu kochen. Besonders in Haushalten mit wenig Einkommen ist es oft schwierig. Wenn die Eltern zum Beispiel im Schichtdienst arbeiten oder alleinerziehend sind.
Auch das zeigt die Forschung: Genau die Familien, deren Kinder am stärksten von Adipositas betroffen sind, werden von Bildungsprogrammen am wenigsten erreicht.
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Das eigentliche Problem
Kinder wachsen in einer Umgebung auf, die ungesundes Essen zur einfachsten Wahl macht. Überall warten Limonaden, Snacks und Junkfood – billig, bunt und aggressiv beworben. Die Lebensmittelindustrie gibt Milliarden aus, um gezielt Kinder anzusprechen: mit Comic-Figuren, Gewinnspielen und aufwendigen Kampagnen auf YouTube und Instagram. Gegen diese Maschinerie kommt ein Elternabend zu gesunder Ernährung nicht an.
Wer also sagt, die Lösung liege in mehr Bildung und mehr Eigenverantwortung, verschiebt das Problem auf die Schultern von Familien – und nimmt dabei Industrie und Politik aus der Verantwortung.
Was wirklich hilft
Die Forschung zeigt: Es braucht strukturelle Maßnahmen, die gesunde Ernährung für alle Kinder leichter machen – unabhängig vom Geldbeutel der Eltern oder deren verfügbarer Zeit. Das bedeutet konkret:
- Eine Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke. In Ländern wie Großbritannien und Mexiko hat sie nachweislich dazu beigetragen, den Zuckerkonsum zu senken. Gleichzeitig können die Einnahmen gezielt in die Gesundheitsprävention investiert werden.
- Klare Werbeschranken für Junkfood. Kinder sollten weniger Werbung für Ungesundes sehen, weder im Fernsehen noch online.
- Gesundes, kostenloses Schulessen. Wenn Kinder täglich Zugang zu ausgewogenen Mahlzeiten haben, wirkt das direkt – ohne, dass Eltern etwas tun oder wissen müssen.
- Verpflichtender Nutri-Score auf Lebensmitteln. Damit Eltern auch ohne viel Ernährungswissen gesünder einkaufen können.
Fazit
Ernährungsbildung ist sinnvoll, löst aber das Problem nicht – das zeigt die Wissenschaft unmissverständlich. Wer Kindern wirklich helfen will, muss dort ansetzen, wo die eigentlichen Hebel liegen: bei der Regulierung der Lebensmittelindustrie und der Förderung einer gesunden Ernährung für alle.