Ernährungsberaterin Alice Luttropp antwortet:
Viele Menschen nehmen Multivitaminpräparate in Form von Kapseln, Pulvern oder angereicherten Säften, sog. Mikronährstoffelixieren, zu sich. Verbraucher:innen wollen damit die Abwehrkräfte stärken, sich allgemein fitter fühlen oder erhoffen sich sogar einen präventiven Nutzen gegen Erkrankungen wie Krebs, Herzkreislauferkrankungen oder Demenz. Doch für solche Effekte gibt es keine wissenschaftliche Evidenz. In Studien konnte der Nutzen von Multivitaminpräparaten für gesunde Erwachsene bisher nicht überzeugend belegt werden.
Alice Luttropp
Kein Ersatz für ausgewogene Ernährung
Multivitaminpräparate sind also für die meisten gesunden Menschen mit ausgewogener Ernährung nicht nötig und können diese auch nicht ersetzen. Sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel nur dann, wenn ein Mangel ärztlich nachgewiesen ist oder besondere Lebensumstände eine ausreichende Versorgung erschweren.
Nahrungsergänzungsmittel können schaden
Hochdosierte Präparate können sogar schaden, weil sich einzelne Vitamine und Mineralstoffe unnötig addieren und es zu Überdosierungen kommen kann. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist darauf hin, dass hohe Aufnahmemengen von Vitaminen und Mineralstoffen das Risiko unerwünschter gesundheitlicher Wirkungen erhöhen können; deshalb hat es Höchstmengenvorschläge für Nahrungsergänzungsmittel erarbeitet.
Gezielt, nicht auf Verdacht
Gerade fettlösliche Vitamine wie A, D, E und K können sich im Körper anreichern, so dass eine dauerhafte Überversorgung riskant ist. Das ist besonders relevant bei Produkten, die mehrere Mikronährstoffe gleichzeitig und teils deutlich über den üblichen Bedarfswerten enthalten. Insbesondere die Kombination von Nahrungsergänzungsmitteln mit angereicherten Lebensmitteln wie Multivitamin- oder ACE-Säften birgt ein hohes Risiko für Überdosierungen von fettlöslichen Vitaminen. Andere Vitamine, die wasserlöslich sind, wie z.B. Vitamin C reichern sich zwar im Körper nicht an, können aber in hohen Dosen vom Körper nicht genutzt werden und werden dann mit dem Urin ausgeschieden. Eine unkontrollierte präventive Einnahme von Dosen, die über die Höchstmengengenempfehlung für bestimmte Nährstoffe des BfR bzw. der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hinausgehen, kann also entweder schädlich sein oder dazu führen, dass die teuren Mikronährstoffe unnötigerweise in die Kanalisation gespült werden. Deshalb gilt der Grundsatz: Nahrungsergänzung nur gezielt, nicht „auf Verdacht“.
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Kaum Zusatznutzen für gesunde Menschen
Viele Nahrungsergänzungsmittel haben für gesunde Menschen keinen Zusatznutzen. Der Schwerpunkt sollte auf einer bedarfsgerechten Ernährung liegen. Nicht die pauschale Einnahme vieler Vitamine ist sinnvoll, sondern die gezielte Korrektur konkreter Defizite mit an den individuellen Bedarf angepasst dosierten Einzelpräparaten. Multivitaminprodukte enthalten viele Stoffe gleichzeitig, aber die Dosierungen passen oft nicht zur individuellen Situation: Einzelne Inhaltsstoffe sind zu hoch, andere zu niedrig oder schlicht unnötig. Dadurch steigt das Risiko, dass man entweder zu viel von bestimmten Vitaminen aufnimmt oder trotz Einnahme nicht ausreichend versorgt ist. Aus ernährungsmedizinischer Sicht sind solche Produkte deshalb häufig ein Kompromiss ohne saubere medizinische Indikation.
Fragen Sie ihren Arzt...
Es gibt klar definierte Situationen, in denen eine gezielte Supplementierung nach Rücksprache mit einer Ärztin oder Ernährungstherapeutin sinnvoll ist: Nachgewiesene Mängel, vegane Ernährung, vegetarische Ernährung mit unzureichender Nährstoffzufuhr, Schwangerschaft und Kinderwunsch, chronische Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme sowie Situationen mit eingeschränkter Nahrungsaufnahme oder -verwertung. Auch nach Magenoperationen oder bei bestimmten Unverträglichkeiten kann eine bedarfsgerechte Ergänzung notwendig sein, weil die normale Ernährung dann nicht zuverlässig ausreicht. Auch in solchen Fällen sind meist Einzelpräparate zielgenauer als ein Multivitaminmix.
Fazit
Die wissenschaftlich fundierte Haltung ist klar: Multivitaminpräparate sind für die Mehrheit gesunder Menschen unnötig, potenziell sogar problematisch und oft schlechter geeignet als gezielte Einzelpräparate. Sinnvoll sind Nahrungsergänzungen vor allem bei nachgewiesenem Mangel oder in besonderen Lebenslagen, idealerweise nach ärztlicher oder ernährungstherapeutischer Beratung. Bei unspezifischer, hochdosierter Einnahme überwiegen oft die Risiken gegenüber einem belegten Nutzen.