Wilke-Wurst-Skandal: Aus elf Toten nichts gelernt
Elf Menschen starben, trotzdem dauerte es fast sieben Jahre: Diese Woche stehen die Verantwortlichen für die Listerien-verseuchte Wurst von Wilke endlich vor Gericht. Welche Lehren hat die Politik daraus gezogen?
Ein Kommentar von foodwatch-Pressesprecher Anderas Winkler.
Am Landgericht Kassel begann diese Woche ein Prozess, auf den wir lange gewartet haben. Angeklagt: die Verantwortlichen des Wurstherstellers Wilke. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung in elf Fällen.
Andreas Winkler, Pressesprecher
2019 starben elf Menschen an Listeriose, Dutzende erkrankten schwer. Auslöser vermutlich: Listerien bei Wilke-Wurst! In der Fabrik hatten Kontrolleure einen Raum voller vergammelter Ware gefunden: Schimmel, Fäulnis, Gestank. Dem zuständigen Amt waren diverse Mängel bei Wilke schon seit Jahren bekannt. Aber es griff nicht konsequent durch, der Betrieb lief weiter. Die Produkte des Zulieferers landeten in Supermarkt-Theken, in Kantinen und auf Tellern in Restaurants. Und noch als der Rückruf längst lief, bekamen Patienten in einer Reha-Klinik die Wurst zum Frühstück.
foodwatch deckte den Skandal damals maßgeblich mit auf und zwang Politik und Behörden zum handeln. Über Wochen stand bei uns das Telefon nicht still.
30 Prozent der vorgeschriebenen Kontrollen fallen aus
Ab dieser Woche wird die Sache endlich juristisch aufgearbeitet. Die Frage dabei ist aber: Hat die Politik aus dem Skandal gelernt und sichergestellt, dass solche Dinge nicht wieder vorkommen können? Pünktlich zum Prozessauftakt haben wir deswegen nachgefragt, wie gründlich die Behörden kontrollieren. Wir haben mehr als 400 Ämter angeschrieben – die sich oft quer stellten. Ein Amt schickte uns eine Rechnung über 300 Euro, bevor es überhaupt Zahlen herausrückte. Bayern verweigerte sich fast vollständig. Vier Monate hartnäckige Arbeit später kamen wir trotzdem zu einem Ergebnis, das düster ist:
Fast 30 Prozent der vorgeschriebenen Kontrollen fallen aus. Statt mehr wird heute sogar noch weniger geprüft als früher. Denn die Politik hat die Vorgaben für Kontrollen gelockert. Aus elf Toten hat sie nichts gelernt.
Kontroll-Versprechen nach den Todesfällen wurde nicht eingelöst
Dass es diese Woche überhaupt zum Prozess kommt, zeigt, dass Hartnäckigkeit sich auszahlt. Aber der Prozess ändert nichts am eigentlichen Problem: Die Verantwortlichen kümmern sich nicht. Damals, nach Wilke, versprach die Politik strengere Kontrollen. Sie hat dieses Versprechen gebrochen. Und wäre foodwatch nicht weiter drangeblieben, wäre das auch niemandem aufgefallen. Darum braucht es unsere Arbeit so dringend.
Mit unserem Projekt „Topf Secret" stellten Zehntausende Menschen Anfragen an ihre Ämter und erstritten ein Recht, das vorher nur auf dem Papier existierte: das Verbraucherinformationsgesetz.
Damit Skandale sich nicht wiederholen!
Elf Tote bei Wilke. Ein Versprechen, dass sich etwas ändert. Sechs Jahre später: Hunderttausende Kontrollen, die nicht stattfanden. Ein Bundesland, das mauert. Solange Behörden ihre eigene Arbeit nicht prüfen lassen, prüfen wir sie. Aber dafür braucht es Sie: Werden Sie Fördermitglied — damit foodwatch die Kontrolle im System bleibt. Fast 50.000 Förder:innen und noch mehr Spender:innen finanzieren unsere Arbeit und sorgen dafür, dass wir unabhängig nachfragen können, wo andere schweigen. Machen Sie mit?
Erfolgsbeispiel Dänemark
In Dänemark muss jeder Lebensmittelbetrieb sein Kontrollergebnis an die Eingangstür hängen. Wer durchfällt, verliert Kundschaft. Wer gut abschneidet, wirbt damit. Die Betriebe halten sich an die Regeln, weil Transparenz wirkt. Die Behörden werden entlastet, weil die Öffentlichkeit den Druck mitträgt.
Das fordert foodwatch
Genau das fordern wir für Deutschland: eine gesetzliche Pflicht, alle Kontrollen und alle Ergebnisse zu veröffentlichen. Keine Ausnahme. Keine Gebühr. Kein wochenlanges Mauern.
Aber das wird nicht von allein passieren. Denn die Lebensmittellobby kämpft dagegen. Politiker:innen ducken sich weg. Versprechen verklingen. Und wir brauchen Ihre Unterstützung dafür. Damit wir die nächste Recherche stemmen können. Damit wir die nächste Klage führen können. Damit wir hartnäckig bleiben — auch wenn ein Bundesland uns drei Jahre lang die Zahlen verweigert.
Quellen
- hessenschau: „Fast sieben Jahre nach Ekel-Wurst-Skandal- Jetzt stehen die Wilke-Chefs wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht“, 06.07.2026
- foodwatch: „'Verwesungsgeruch' und 'Mäusekot': foodwatch veröffentlicht vertraulichen Task-Force-Bericht zum Fall Wilke“, 28.10.2019
- foodwatch: „foodwatch-Datenrecherche: Jede vierte Lebensmittelkontrolle fällt aus“, 24.06.2026
- foodwatch: „'Topf Secret': Das sind die elf Großstädte mit den meisten Anträgen – mehr als 15.000 Hygiene-Berichte bundesweit angefragt“, 30.01.2019
- foodwatch: „Dänemark: Smiley-System sorgt für weniger Beanstandungen“, 29.03.2017