Einfluss der Wirtschaft auf Schul-Bündnis wird verschleiert

19.03.2013

Unternehmen wie McDonald’s oder Edeka können erheblichen Einfluss auf das Bündnis für Verbraucherbildung und dessen Bildungsprojekte in Schulen ausüben. Ein Faktencheck von foodwatch belegt, wie die vom Bundesverbraucherministerium versprochene „inhaltliche Neutralität“ unterlaufen wird.

Die öffentliche Kritik an der Beteiligung von Unternehmen am Bündnis für Verbraucherbildung hat hohe Wellen geschlagen. Das Bündnis soll Projekte zur Ernährungsbildung in Schulen durchführen – unter Beteiligung von McDonald’s, Edeka und andere Firmen. Die Deutsche Stiftung Verbraucherschutz als Trägerin des Bündnisses und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner(CSU), die die Initiative unterstützt, beeilten sich zu versprechen: Werbung und PR sind strikt verboten, Einfluss auf die Bildungsarbeit könnten die Konzerne nicht nehmen. Ein Faktencheck von foodwatch belegt jedoch, wie die vom Ministerium versprochene „inhaltliche Neutralität“ unterlaufen wird.

Geldbeträge werden nicht genannt

Der Einfluss von Unternehmen beginnt bei der Finanzierung des Bündnisses. Welche Summe welches Unternehmen gibt, wird geheim gehalten – wie groß der Anteil der Wirtschaft an den Bildungsprojekten ist, bleibt damit intransparent. Auf der Internetseite der Verbraucherstiftung über das Bündnis stand bis vor wenigen Tagen noch unverblümt, dass „Programmlinien und die bundesweite politische Arbeit“ mit den Kooperationspartnern „diskutiert und abgestimmt“ würden – nach der öffentlichen Kritik an den Unternehmenskooperationen ist dieser Passus von der Seite entfernt worden.

Konzernvertreter in den Stiftungsgremien

In den Gremien der Verbraucherstiftung sind Konzernvertreter direkt beteiligt: Im Strategiebeirat und Kuratorium sollen sie die Stiftung etwa dabei beraten, welche Projekte die Stiftung fördern soll. Im Strategiebeirat sind drei von neun Sitzen fest für Wirtschaftsvertreter reserviert – wer darauf Platz nimmt, entscheiden die beteiligten Unternehmen unter sich. Dabei gilt das Prinzip: Wer mehr Geld zur Verfügung stellt, hat mehr Einfluss. Liegt sein Beitrag bei weniger als 30.000 Euro im Jahr, erhält ein Unternehmen eine Stimme bei der Wahl der Abgesandten aus der Wirtschaft. Zwei Stimmen hat es für Spenden zwischen 30.000 und 75.000 Euro. Ab 75.000 Euro im Jahr erhält ein Unternehmen drei Stimmen.


Edeka-Ernährungsberater in den Schulen?

Auch direkt in den Schulen sind Unternehmen aktiv. Einem Bericht der taz zufolge soll Edeka angeboten haben, firmeneigene Ernährungsberater in die Schulen zu schicken. Dagegen gebe es zwar Vorbehalte im Bündnis, dennoch sollen laut taz „Pilotprojekte getestet werden“. Bei einem anderen Projekt, dem „Materialkompass“, bewertet und verbreitet die Verbraucherstiftung Unterrichtsmaterial. Kommt es von unabhängigen Einrichtungen, ist es oft kostenpflichtig – anders, als die Dokumente von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden.

Produkt-Werbung in Unterrichtsmaterialien

Werbung und PR sind hier keineswegs ausgeschlossen. Das Unterrichtsmaterial von Ritter Sport etwa ist versehen mit Abbildungen von Ritter-Sport-Schokolade und Markenlogo. In den Dokumenten wird Kindern Schokolade als „Stückchen Glück“ und „Belohnung für’s Gehirn“ näher gebracht. Sie werden aufgefordert, ein Plakat darüber zu gestalten, was „Schokolade für deinen Körper“ leistet, und die „wertvollen“ Inhaltsstoffe von Schokolade auswendig zu lernen, die zum Beispiel für bessere Konzentration sorgen oder „Entzündungen im Körper bekämpfen“. Das Dokument wird vom Materialkompass zwar in Teilen als „fragwürdig“ bewertet, erhält jedoch trotzdem 3 von 5 Sternen. 

McDonald’s-Material: Note „Gut“ trotz Burger-Unterricht

Auch Material von McDonald’s wurde in der Vergangenheit von der Stiftung zugänglich gemacht, aktuell ist es nicht mehr abrufbar – die Bewertung ist es bis heute: 4 von 5 Sternen, Note „Gut“. Die pdf-Mappe trug zwar kein McDonald’s-Logo, enthielt jedoch ein Vorwort des „Director Corporate Affairs“ des Fastfood-Konzerns. Eine der Übungen ist ein Lückentext darüber, wie Hamburger gemacht werden („Wir sind eine sehr freundliche Familie“, die aus Salat, Tomate, Brot besteht). In einem Memory-Spiel wird ein Hamburger in dieselbe Kategorie wie „Brot“ eingeordnet.

Das Unterrichtsmaterial des Lobbyverbandes der Lebensmittelwirtschaft BLL zum Thema „Nährwertinformation verstehen“ erhält von der Stiftung 3 Sterne – obwohl bemängelt wird, die Informationen seien „nicht vollständig und teilweise irreführend“ und würden „nicht kritisch betrachtet“. Das Material von Zwieback-Hersteller Brandt immerhin erhält nur 1 von 5 Sternen – zugänglich gemacht wird es dennoch.

Die Reißleine ziehen – Unternehmen raus aus den Schulen!

foodwatch hat die Stiftung Verbraucherschutz, die vom Verbraucherzentrale Bundesverband gegründet wurde, und Bundesverbraucherministerin Aigner aufgefordert, die Reißleine zuziehen: McDonald’s, Ritter Sport & Co. haben in den Schulen nichts verloren, die Unternehmen sollten erst recht nicht an Bildungsprojekten des Schul-Bündnisses beteiligt werden!

 
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