Jedes vierte Tierprodukt stammt von einem kranken Tier

22.09.2016
Kannibalismus bei Legehennen ist weit verbreitet (© Deutscher Tierschutzbund e.V.)

Lebensmittel mit tierischen Zutaten stammen zu einem großen Teil von kranken Nutztieren. Als Faustregel müssen Verbraucherinnen und Verbraucher davon ausgehen, dass mindestens jedes vierte Tierprodukt von einem kranken Tier stammt. Sie kaufen Milch von Kühen mit entzündeten Eutern und Eier von Hühnern mit Knochenbrüchen. Beim Einkauf ist dies nicht zu erkennen, Produkte kranker Tiere werden regelmäßig als „gesunde“ Lebensmittel angeboten.

Mindestens jede zweite Milchkuh macht einmal im Jahr haltungsbedingte Krankheiten durch, die größtenteils vermeidbar sind. Etwa jeder zehnte Liter Milch stammt von einer Kuh mit entzündetem Euter. Schlachthofbefunden zufolge litt etwa jedes zweite Schwein an haltungsbedingten Krankheiten. Statistisch gesehen war zudem mindestens jedes vierte Hähnchen vorher ein kranker Hahn, wurden 4 von 10 Eiern von einer Henne mit Knochenbrüchen gelegt. Angesichts der uneinheitlichen Datenlage lassen sich die Studien zwar nur näherungsweise zusammenfassen, Verbraucherinnen und Verbraucher müssen jedoch als Faustregel davon ausgehen, dass jedes vierte Tierprodukt von einem kranken Tier stammt. Beim Einkauf ist dies nicht zu erkennen.

Nicht Betriebsgröße ist entscheidend, sondern Betriebsmanagement

Während Milchkühe regelmäßig unter Lahmheit, Fruchtbarkeits- und Stoffwechselstörungen sowie Euterentzündungen leiden, sind bei Schweinen laut Studienlage chronische Gelenkerkrankungen und Organveränderungen die häufigsten Krankheitsbilder. Bei Hühnern werden zahlreiche Symptome wie Gelenkerkrankungen, Brustbeinschäden, Knochenbrüche, Eileiterentzündungen, Wurmbefall und Fußballenveränderungen festgestellt. Dabei gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen konventioneller und Bio-Haltung, zwischen kleinen Höfen und Großbetrieben. Entscheidend für die Gesundheit der Tiere ist vor allem die Qualität des Betriebsmanagements. 

Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner und Kampagnenleiter von foodwatch

„Wer in den Bauern einfach Tierquäler sieht, liegt falsch. Die Tierhalter sind, wie die Tiere selbst und die Verbraucher, die über die Herkunft ihrer Produkte getäuscht werden, Opfer eines Systems, das falsche Anreize setzt. Vor allem der Handel ist verantwortlich für einen Wettbewerb, der sich nicht um Qualität, sondern nur um den Preis dreht – das kann nur zu Lasten von Tieren, Bauern und letztlich auch Kunden gehen.“ 

 

Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner und Kampagnenleiter von foodwatch sowie Autor des Buches „Das Schweinesystem“.

Formale Kriterien wie Platzbedarf reichen nicht

Wenn es um Tierhaltung geht, wird bisher fast nur über formale Kriterien wie Platzbedarf oder Ausgestaltung der Ställe gesprochen – das ist jedoch viel zu kurz gegriffen. Verschwiegen wird, dass ein Großteil der Nutztiere unter massiven Krankheitssymptomen leidet. Der allergrößte Teil könnte vermieden werden, aus Kostengründen passiert das aber nicht. Denn auch mit teils massiven Erkrankungen ‚funktionieren‘ Tiere noch, sprich: liefern Lebensmittel. 

Mehr zu dem Buch „Das Schweinesystem“ von Matthias Wolfschmidt

Buch „Schweinesystem“ von Matthias Wolfschmidt zeigt Lösungen 

In seinem heute veröffentlichten Buch „Das Schweinesystem“ zeigt Matthias Wolfschmidt einen Weg auf, der – anders als Scheinlösungen wie die „Tierwohl“-Initiativen des Handels und der Bundesregierung – zu einer wirklich tiergerechten Haltung führen kann. Nicht nur in kleinen Nischen, sondern flächendeckend. Damit eine echte „Tierhaltungswende“ gelingt, müssten Tiere vor dem krankmachenden Preis-Wettbewerb geschützt sein. Matthias Wolfschmidt fordert:

  • Eine tiergerechte Haltung muss für alle Nutztiere gesetzlich vorgeschrieben sein.
  • Wie viele Tiere an haltungsbedingten Krankheiten leiden, muss für jeden Betrieb erfasst werden – daraus werden verbindliche Zielvorgaben abgeleitet, orientiert an den besten Betrieben der Branche.
  • Die formalen Haltungskriterien (Stallgröße, Auslauf, Beschäftigungsmöglichkeiten etc.) müssen es allen Tieren ermöglichen, arteigene Verhaltensweisen so gut wie möglich auszuüben, ohne Verhaltensstörungen zu entwickeln.
  • Auf den Markt kommen dürfen nur noch solche Produkte mit tierischen Bestandteilen, die die Tierschutzvorgaben nachweislich einhalten. Die Mehrkosten müssen am Ende wir Verbraucher bezahlen, denn wir schulden den Tieren eine bessere Behandlung.
  • Das Konzept muss EU-weit umgesetzt werden, verbunden mit einem Vermarktungsverbot für nicht-tiergerecht erzeugte Lebensmittel aus Drittstaaten. Andernfalls würden europäische Tierhalter verdrängt durch nicht-europäische Konkurrenten, die weiterhin zu schlechteren Standards produzieren – ohne, dass für die Tiere etwas erreicht wäre.

Um einen solchen Standard zu etablieren, müssten der Handel und die Lebensmittelindustrie Tierhalter besser entlohnen. Dies würde letztlich auch zu höheren Preisen für Verbraucherinnen und Verbraucher führen. Doch wer das Leben hunderttausender krankgemachter Tiere wirklich verbessern will, muss diesen Preis bezahlen.

Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner und Kampagnenleiter von foodwatch

Wenn wir schon Tiere zur Produktion von Lebensmitteln halten, dann schulden wir allen von ihnen die bestmöglichen Umstände. Weder Nischenproduktionen noch Tierschutzlabel oder 0-1-2-3-Kennzeichnungen sind daher die Lösung, sondern einzig und allein klare  gesetzliche Vorgaben und entsprechende Vergütungen von Tierschutzleistungen der Landwirte.

 

Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner und Kampagnenleiter von foodwatch sowie Autor des Buches „Das Schweinesystem“.

Bild: Fotolia / fotomaster, grafikplusfoto, shishiga, vlad klok

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