Angeblich „günstige“ Schulmilch in NRW oft deutlich teurer als Milch im Supermarkt – Landliebe verlangt mehr Geld als in anderen Bundesländern – foodwatch kritisiert „Abzocke“

  • Schulmilch ist in NRW pro Liter bis zu 97 Prozent teurer als Standardprodukte im Supermarkt
  • Auch frischer Kakao wird im Discounter billiger verkauft als über Schulmilchprogramm
  • Landliebe nimmt von Eltern in NRW mehr Geld als in Hessen, Berlin und Brandenburg

Trotz der steuerfinanzierten Subventionen sind Schulmilchgetränke in NRW zum Teil deutlich teurer als Standardprodukte im Supermarkt. Das ergab ein Preisvergleich von foodwatch. Das staatliche Programm sei aufgrund von kleinen Verpackungen und einem hohen bürokratischen wie logistischen Aufwand so ineffizient, dass die Fördergelder vor allem im System versickerten, kritisierte die Verbraucherorganisation. So kostet frische Vollmilch derzeit im Handel 69 Cent und fettarme Frischmilch 61 Cent pro Liter. Für die täglichen Trinkpäckchen des Schulmilchprogramms dagegen zahlen Eltern 30 Cent pro 250 Milliliter, auf den Liter hochgerechnet sind das 1,20 Euro – ein Preisaufschlag von 74 Prozent bei Vollmilch und sogar 97 Prozent bei fettarmer Milch.

Auch frische Kakao-Milch ist beim Discounter günstiger erhältlich als über das Schulmilchprogramm. Zudem verlangt der Molkereikonzern FrieslandCampina, mit seiner Marke „Landliebe“ der einzige überregionale Schulmilchlieferant, für die gleichen Produkte von den Eltern in Nordrhein-Westfalen zum Teil deutlich mehr Geld als in anderen Bundesländern. Die Landliebe-Schulmilch ist in NRW zum Beispiel 50 Prozent teurer als in Hessen. „Von wegen billig: Wenn Eltern oder Schulen den Kindern regelmäßig Milch anbieten wollen, können sie das erheblich günstiger organisieren als über das staatliche Schulmilchprogramm in NRW“, erklärte foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker.

Die Verbraucherorganisation kritisierte es als irreführend, dass die Landesregierung ihr Schulmilchprogramm mit dem Hinweis auf den angeblich „günstigen Preis“ bewerbe. So heißt es auf der Schulmilch-Internetseite des verantwortlichen Landesumweltministeriums: „Durch dieses Finanzierungsprogramm können Milch und Milchprodukte in Kindergärten und Schulen zu einem günstigen Preis angeboten werden.“ Bemerkenswerterweise wird diese Aussage wortgleich von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW verwendet. Martin Rücker von foodwatch: „Es ist schon eine Form von Abzocke, wenn die Schulmilchpackungen als besonders ‚günstig‘ beworben werden, obwohl Eltern im Supermarkt teilweise deutlich weniger zahlen würden. Das Schulmilchprogramm in NRW ist überzuckert und überteuert. Der Effekt: Hunderttausende Schüler trinken Schulkakao, der teurer ist als nötig und der wegen seines Zuckergehalts gesundheitlich auch noch mehr Schaden als Nutzen bringt.“

Nordrhein-Westfalen ist neben Berlin und Brandenburg das einzige Bundesland, das noch gezuckerte Milchprodukte wie Kakao fördert. Nach Kritik von foodwatch hatte die verantwortliche Umweltministerin Ursula Heinen-Esser vergangene Woche eine Evaluation des Schulmilchprogramms bis zu den Herbstferien angekündigt, dann solle eine Entscheidung fallen. Genaue Kriterien für die Evaluation nannte die Ministerin nicht. Zuvor hatte Hessen auf die Kritik reagiert und angekündigt, die Kakao-Förderung zu stoppen. Die Europäische Union will aus gesundheitlichen Gründen nur noch Produkte ohne Zuckerzusatz im Rahmen ihres Schulprogramms fördern. Vier Bundesländer – NRW, Hessen, Berlin und Brandenburg – haben jedoch eigens Ausnahmeregelungen geschaffen, um doch noch gezuckerte Produkte subventionieren zu können.

15 Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten als übergewichtig – ein wesentlicher Grund dafür ist eine unausgewogene Ernährung. Besonders der zu hohe Konsum gezuckerter Lebensmittel wird von Ernährungswissenschaftlern, der Ärzteschaft und der Weltgesundheitsorganisation gleichermaßen bemängelt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sieht in ihren offiziellen Empfehlungen für die Verpflegung in Schulen keine Abgabe von Milchprodukten mit Zuckerzusatz vor.

 
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