Nachricht 20.10.2021

„Mit der Zuckerindustrie Programme gegen Adipositas entwickeln – das ist absurd“

Morgen starten die Koalitionsverhandlungen. Oliver Huizinga, Leiter der Abteilung Recherche und Kampagnen bei foodwatch, erklärt, was er von der künftigen Ernährungsminister*in erwartet.

Ungesunde Ernährung ist eines der größten Gesundheitsprobleme in Deutschland – was hat Ernährungsministerin Julia Klöckner in ihrer Amtszeit unternommen?

Ungesunde Ernährung wird als Problem massiv unterschätzt, auch von Bundesministerin Klöckner. Jede*r Vierte in Deutschland ist stark übergewichtig. Schätzungsweise 10 Millionen Menschen haben Typ-2-Diabetes. Jeder fünfte Todesfall in Deutschland ist auf eine ungesunde Ernährung zurück zu führen. Das ist nicht nur eine Frage der individuellen Entscheidung. Die Lebensmittelindustrie hat einen großen Einfluss. Durch an Kinder gerichtetes Marketing prägt die Industrie schon früh die Essgewohnheiten. Durch irreführende Werbung lässt die Industrie Produkte gesünder erscheinen als sie sind. Und durch geschickte Lobby-Kampagnen verhindert sie wirksame politische Maßnahmen, die eine gesunde Ernährung fördern könnten. Die Weltgesundheitsorganisation und zahlreiche medizinische Fachgesellschaften fordern, dass die Regierung die Branche in die Pflicht nimmt. Doch stattdessen holt Frau Klöckner die Zuckerindustrie an den Tisch, und entwickelt gemeinsam mit ihr Programme gegen Adipositas. Das ist absurd. Programme zur Tabakprävention entwickelt man doch auch nicht gemeinsam mit Philip Morris.


foodwatch

Was müsste die neue Regierung als erstes anpacken?

Die künftige Bundesregierung muss auf die Stimmen aus der Ärzteschaft hören und von den Erfahrungen anderer Länder lernen. In Chile ist die Werbung an Kinder nur noch für gesunde Produkte erlaubt. Comicfiguren und Spielzeugbeigaben, die Zuckerbomben für Kinder attraktiv machen, gibt es dort nicht mehr. In Großbritannien wurde eine Limosteuer eingeführt. Plötzlich war es der Industrie möglich, den Zuckergehalt um sage und schreibe 35 Prozent zu reduzieren. Das sind sinnvolle und wichtige Maßnahmen, die auch vom wissenschaftlichen Beirat des Bundesernährungsministeriums empfohlen werden. Doch die Bundesregierung scheut es bislang, sich mit der Industrie anzulegen. Frau Klöckner setzt fast ausschließlich auf sogenannte „freiwillige Selbstverpflichtungen“. Diese Strategie darf von der künftigen Regierung nicht weiter fortgesetzt werden, denn sie ist wirkungslos.

Wie optimistisch bist du, dass endlich wirksame Maßnahmen kommen?

Es ist nicht die Frage „ob“, sondern „wann“ sich die Erkenntnis auch in Deutschland durchsetzt. Wir können es uns als Gesellschaft gar nicht anders erlauben. Zum einen, weil es um Millionen Menschen geht, die von vermeidbaren Krankheiten betroffen sind. Zum anderen, weil auch die volkswirtschaftlichen Kosten immens sind. Allein Adipositas kostet uns schätzungsweise 63 Milliarden (!) Euro jedes Jahr, beispielsweise durch Gesundheitsausgaben oder auch durch Produktivitätsausfälle. Der Druck auf die Regierenden wird immer mehr zunehmen, eine gesunde Ernährung wirksam zu fördern. Chile oder Großbritannien zeigen, wohin die Reise geht. Das ist das Gute an dieser Krise: Es liegt kein Informationsdefizit vor, sondern „nur“ ein Handlungsdefizit.

Oliver Huizinga ist Leiter der Abteilung Recherche und Kampagnen bei foodwatch.