„Tiere werden systematisch krank gemacht“

02.05.2017

Jede zweite Legehenne erleidet Knochenbrüche, jede fünfte Milchkuh wird vorzeitig geschlachtet, jedes dritte Schwein entwickelt eine Lungenentzündung, hat Leber- oder Gelenkserkrankungen. Warum machen wir Tiere systematisch krank und was können wir dagegen tun?

Ein Beitrag von Matthias Wolfschmidt von foodwatch, Veterinärmediziner und Autor des Buches „Das Schweinesystem“.

„Tierwohl“ hat Konjunktur. Alle behaupten unisono, es verbessern zu wollen: die Lebensmittelkonzerne, der Bauernverband und die Bundesregierung. Es muss also eine Menge Tierleid geben, wenn so viele Profis sich kümmern. Der „Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA)“ beim Bundeslandwirtschaftsminister kam im März 2015 in einem umfangreichen Gutachten zur Lage in Deutschlands Ställen und Schlachtstätten zu dem Ergebnis, die Nutztierhaltung sei hierzulande „nicht zukunftsfähig“. Es gebe „erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz“, es seien „tiefgreifende Änderungen“ nötig, die Tiere bräuchten mehr Platz, öfter Auslauf ins Freie. Dass Hühnern die Schnäbel gestutzt und Schweinen die Ringelschwänze abgeschnitten werden, „um sie an die Haltungssysteme anzupassen“, sei „nicht vertretbar und gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel“. Das Ausmaß der Tierschutzprobleme sei „aus fachlicher Sicht nicht akzeptabel“.

Landwirtschaft macht Hälfte aller Einnahmen mit Tieren

Das war ein Schlag ins Kontor, immerhin erzielt die hiesige Landwirtschaft rund die Hälfte ihres Einkommens mit Tieren und hatte stets behauptet, noch mehr Tierschutz sei wettbewerbsschädigend. Laut WBA nimmt die deutsche Tierschutzgesetzgebung „innerhalb Europas entgegen der allgemeinen Annahme keine Vorreiterposition ein, sondern befindet sich im gehobenen Mittelfeld“.

Spitzenleistungen erbringen hingegen die Nutztiere. Und zwar permanent, denn sie haben keine andere Wahl, es steckt ihnen buchstäblich in den Genen. Das kann gutgehen, wenn alle Bedingungen stimmen – bei der Fütterung, dem Klima, der Hygiene und der Ausstattung im Stall; wenn der Halter  Fehler vermeidet. Es kann aber auch viel schiefgehen.

Bild: fotolia.com / Karl LugmayerJedes dritte Mastschwein ist krank

Bei Mastschweinen zum Beispiel, echten Zunahme-Profis, die ihr Körpergewicht um fast 1.000 Gramm täglich erhöhen. Jedes dritte Schwein entwickelt mehr oder minder schwere Lungenentzündungen, Leber- oder Gelenkserkrankungen. Innerhalb seiner sechsmonatigen Lebenszeit, wohlgemerkt! Ein Durchschnittswert, der in manchen Betrieben deutlich höher, in machen deutlich niedriger liegen kann.

Jede zweite Legehenne hat Knochenbrüche

Die heutigen Hochleistungs-Legehennen können gar nicht so viel Kalzium aufnehmen, wie sie benötigen, um Schalen für die über 300 Eier zu bilden, die sie im Jahr legen. Also ziehen ihre Körper das Kalzium aus den Knochen mit der Folge massenhafter Brüche. Das betrifft laut Studienlage jede zweite Legehenne, ein Berufsrisiko wie auch Eileiterentzündungen und Kannibalismus. Die männlichen Küken der hochspezialisierten Legerassen sind wirtschaftlich (und sonst?) vollends wertlos. Geschlüpft, um getötet zu werden. Masthühner werden in nur 35 Tagen schlachtreif. Massenhafte Kollateralschäden an Füßen, Gelenken, Herz und Kreislauf inklusive.

Jede fünfte Milchkuh wird vorzeitig geschlachtet 

Milchkühe produzieren heute doppelt so viel Milch wie 1970 – fast 8.000 Liter im Jahr. Das Kuhherz pumpt dafür jeden Tag mehr als 100.000 Liter Blut durch den Körper. Ein Rennpferd im Galopp leistet Vergleichbares, aber es galoppiert nur wenige Minuten. Jedes Jahr wird rund ein Fünftel aller Kühe vorzeitig wegen Krankheit geschlachtet. 2014 waren es in Deutschland 850.000. Zur Stellenbeschreibung der Milchkühe gehört, dass jede fünfte unter Fruchtbarkeitsstörungen, jede siebte unter Eutererkrankungen und jeweils jede zehnte unter Klauenerkrankungen bzw. Stoffwechselstörungen (Milchfieber, Ketose) leidet. Auf manchen Höfen sind 60, 70 oder 80 Prozent der Tiere betroffen, auf anderen kaum eines. Egal ob Öko-Idyll oder Mega-Stall!

Bild: Fotolia / fotomaster, grafikplusfoto, shishiga, vlad klok

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Streit um die „richtige Landwirtschaft“

Was die Fachleute nicht überrascht, ist für die meisten Laien ein eklatanter Widerspruch zum über viele Jahre hinweg Gelernten. Längst gehören Begriffe wie  „Massen-“ oder „industrielle Tierhaltung“ zum Standardvokabular jedes Tischgesprächs über die Höhen und Tiefen der Nutztierhaltung, sie sind zu Chiffren im Streit um die „richtige“ Landwirtschaft geworden. Gleichsam, als gäbe es die eine, die richtige Anzahl von Tieren, mit der die Versöhnung von Umwelt- und Tierschutz, von Verbraucher- und Bauerninteressen wie von selbst gelingt. Der Ruf nach einer „bäuerlichen Landwirtschaft“ fungiert häufig als Lösungsformel, eine Art fernes Echo der Bauernhof-Bilderbücher unserer Kindheit. Doch auch in „bäuerlichen“ Betrieben werden Muttersauen monatelang in Kastenstände gesperrt, werden den Schweinen die Ringelschwänze abgeschnitten, können die Milchkühe massenhaft entzündete Euter oder Klauen haben. Auch beim Biobauern werden viel zu viele Tiere krank, und der durchschnittliche deutsche Bio-Eierproduzent hält 13.500 Hennen.

Betriebsgröße nicht entscheidend

„Kleine Betriebe sind nicht automatisch tier- oder umweltfreundlicher als große, die Betriebsgröße ist nicht entscheidend, wenn es um eine Verbesserung des Tier- und Umweltschutzes geht“, sagt der Agrarökonom Harald Grethe, Vorsitzender des „Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik“. Wir müssen uns von den Klischees verabschieden und den Tatsachen ins Auge sehen: Unsere Nutztiere werden systematisch krank gemacht, weil unsere Landwirte einem von übermächtigen Handelskonzernen erzeugten Preisdruck schutzlos ausgeliefert sind und bleiben werden, so lange der Gesetzgeber sich um eine angemessene Antwort drückt.

Nutztiere per Gesetz besser schützen!

Deshalb müssen die Gesetze für den Schutz der Nutztiere besser werden! Die Rechnung für den Mehraufwand müssen wir Verbraucher zahlen, damit die Tiere nicht länger mit Krankheit und Elend zahlen müssen.

In einer Mitte Januar 2017 von TNS Emnid im Auftrag von foodwatch durchgeführten repräsentativen Umfrage stimmten 80 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Mehr Tierschutz sollte für die Tierhalter verbindlich vorgegeben werden, damit alle Nutztiere tiergerecht und gesund gehalten werden“, 85 Prozent forderten verbindliche Kriterien für die Tiergesundheit in allen Betrieben, und sogar 92 Prozent verlangten von der Bundesregierung, eine möglichst tiergerechte und gesunde Haltung für alle Nutztiere durchzusetzen. Man könnte dies als die Eckpunkte einer nationalen Strategie für gesellschaftlich akzeptierte gute Lebensbedingungen unserer Nutztiere lesen.

Freiwillige Siegel sind eine Scheinlösung

Stattdessen reden alle über Kosmetik wie etwa ein freiwilliges staatliches „Tierwohl“-Siegel. Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik erwartet für Produkte mit einem solchen Label einen Marktanteil von vielleicht 20 Prozent. Heißt im Umkehrschluss: Die Bundesregierung duldet weiterhin vermeidbare Krankheiten, Schmerzen und Leiden für 80 Prozent der Nutztiere. Eine Scheinlösung also, die den meisten Nutztieren wenig nutzen wird.

Dieser Text ist am 3. März 2017 als Gastbeitrag in der Leipziger Volkszeitung erschienen. 

Matthias Wolfschmidt ist stellvertretender foodwatch-Geschäftsführer, Veterinärmediziner und Autor des Buches 

„Das Schweinesystem: Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden“.

Darin beschreibt er eindringlich die un­­er­­träg­­lichen Zu­­­stände in der Tier­­­haltung – und zeigt Lösungen.

Mehr Informationen zum Buch

Bild: Fotolia / fotomaster, grafikplusfoto, shishiga, vlad klok

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Bild Schwein: fotolia.com/Karl Lugmayer

 
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„Das Schweinesystem“

Eindringlich be­­schreibt Matthias Wolf­­schmidt, Veterinär und Kampagnen­­­­leiter von foodwatch, in seinem Buch die un­­er­­träg­­lichen Zu­­­stände in der Tier­­­haltung – und zeigt Lösungen. 

 

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