Was bringt das neue Fleisch-Logo von Rewe, Aldi & Co.?

03.04.2019

Die großen Supermärkte haben am 1. April ein neues Fleisch-Siegel eingeführt. Es soll auf Rind- und Schweinefleisch sowie Geflügel-Produkten der Eigenmarken zu finden sein und Auskunft darüber geben, unter welchen Haltungsbedingungen ein Tier gelebt hat. Das Label hat jedoch einen entscheidenden Haken.

Das neue Logo mit der Aufschrift „Haltungsform“ soll Kunden auf einen Blick informieren, unter welchen Bedingungen die Tiere gelebt haben – mit vier Stufen:

  • Stufe 1 ist der gesetzlichen Mindeststandard.
  • Stufe 2 bedeutet 10 Prozent mehr Platz und Spielmöglichkeiten für das Nutztier.
  • Stufe 3 garantiert Tieren noch mehr Platz und Frischluft-Kontakt.
  • Bei Stufe 4 („Premium“) haben die Tiere außerdem Auslaufmöglichkeiten im Freien. Auch Biofleisch soll in diese Stufe eingeordnet werden.

99 Prozent Stufe 1

Was die Supermarktketten nicht an die große Glocke hängen: Das neue Label bringt zunächst keine Verbesserungen für die Tiere. Es gibt kein neues Prüfprogramm, die Produkte werden durch das zusätzliche Label nur neu einsortiert. Voraussichtlich werden die Stufen 2, 3 und 4 gerade mal eine Marktabdeckung von ein bis zwei Prozent haben, erklärte Alexander Hinrichs, Geschäftsführer der Initiative Tierwohl, unter der sich die Handelsketten vereinigen, gegenüber dem ZDF. Verbraucherinnen und Verbraucher werden also fast ausschließlich Fleisch der Stufe 1 im Supermarkt finden – also Fleisch, das gerade einmal die (ohnehin unzureichenden) gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt.

Tiergesundheit Fehlanzeige

Ein noch viel schwerwiegender Makel des Labels sind jedoch die Kriterien: Verbraucherinnen und Verbraucher erfahren ausschließlich etwas über die formalen Haltungsbedingungen, also Platz, Spielmöglichkeiten oder Auslauf im Freien. Die Wissenschaft ist sich jedoch einig, dass diese Faktoren keinen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie gesund ein Nutztier gelebt hat. Und die Gesundheit der Tiere ist der einzige Faktor, der sich objektiv überprüfen lässt. Tiere sollten zwar bestmöglich gehalten werden, aber ein paar Quadratzentimeter mehr nützen ihnen nichts, wenn sie unter Krankheiten und Schmerzen leiden. Wer nur über die Haltungsbedingungen redet, lässt den entscheidenden Faktor außen vor: Nötig ist beides, gute Haltungsbedingungen UND gesunde Tiere.

Große Unterschiede zwischen Betrieben

Die Erkrankungsraten bei Nutztieren hängen von verschiedenen Aspekten ab – einen bisher kaum diskutierten, jedoch sehr großen Einfluss auf die Tiergesundheit hat das Management des Betriebs durch den Tierhalter. Der Gesundheitszustand der Tiere unterscheidet sich deshalb sehr stark von Betrieb zu Betrieb. Vereinfacht gesagt: Während einige Tierhalter das Problem gut im Griff haben, gibt es auf anderen Höfen sehr viele kranke Tiere. Dabei ist es nicht entscheidend, ob es sich um konventionelle oder Bio-Haltung handelt oder um kleine Höfe oder Großbetriebe. In allen Haltungsformen und in allen Betriebsgrößen gibt es sehr gute und weniger gute Betriebe. Auch das ist ein Beleg dafür, dass die Haltungsbedingungen allein nicht entscheidend sind dafür, dass es den Tieren gut geht.

„Die neue Fleischkennzeichnung gaukelt den Verbraucherinnen und Verbrauchern vor, sie könnten mit ihrem Einkauf die Zustände in den Nutztierställen maßgeblich verbessern. Die Gesundheit der Nutztiere spielt aber bei der Tierwohlkennzeichnung von Aldi, Rewe & Co. überhaupt keine Rolle - das ist eine große Irreführung.“

Matthias Wolfschmidt von foodwatch

Millionenfaches Tierleid

Jedes vierte tierische Produkt stammt von einem kranken Tier: Mastschweine leiden massenhaft unter Lungenentzündungen, Leberveränderungen oder schmerzhaft verdickten Gelenken, Kühe unter Euterentzündungen und Klauenerkrankungen, Legehennen unter Knochenbrüchen. Trotzdem gelangen ihre Produkte in den Handel. Während die Krankheit der Tiere keine gesundheitliche Gefahr für Verbraucherinnen und Verbraucher darstellt, bedeutet sie millionenfaches Leid für die Tiere.

Ministerin Julia Klöckner will freiwilliges Label

Statt Verbesserungen für alle Tiere durchzusetzen, plant Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein eigenes „Tierwohl-Label“. Das Problem: Das Label ist mal wieder nur freiwillig. Mitmachen werden wohl nur die Betriebe, die ohnehin schon gute Arbeit leisten. Sogar der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeslandwirtschaftsministerium, also Frau Klöckners eigene Berater, erwartet für das freiwillige Tierwohl-Label einen Marktanteil von maximal 20 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Bundesregierung duldet für 80 Prozent der Nutztiere weiterhin vermeidbare Krankheiten, Schmerzen und Leiden. Egal ob „Tierwohl-Label“ von Frau Klöckner oder „Haltungsform“-Kennzeichnung von Aldi, Rewe und Co. – foodwatch findet:

Gegen Krankheit und Elend von Millionen Tieren hilft kein weiteres freiwilliges Siegel, es braucht vielmehr klare gesetzliche Vorgaben für bessere Tiergesundheit in allen Ställen!

Was fordert foodwatch?

foodwatch fordert Ministerin Julia Klöckner auf, zu handeln: Es braucht ein bundesweites, betriebsgenaues Tiergesundheitsmonitoring sowie verbindliche Vorgaben für die Verbesserung der Gesundheit von Nutztieren. Für Betriebe, in denen es immer wieder Probleme mit der Tiergesundheit gibt, muss es rechtliche Konsequenzen geben. Umgekehrt sollten Betriebe, die ein hohes Maß an Tiergesundheit erreichen, dafür finanziell belohnt werden.

Bild: Fotolia / fotomaster, grafikplusfoto, shishiga, vlad klok

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