Frage des Monats 30.03.2021

Ist die Aufzucht von „Bruderhähnen“ die Lösung für das Kükentöten?

Otwarte Klatki / Andrew Stowron CC BY 2.0, Wikimedia

Matthias Wolfschmidt von foodwatch antwortet:

Immer noch werden Millionen männlicher Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich wäre. Die Bundesregierung will diese Praxis ab 2022 verbieten. Im Supermarkt findet man bereits seit längerer Zeit Eier aus sogenannter Bruderhahnzucht. Sie stammen aus Betrieben, in denen die „Brüder“ der Legehennen nicht getötet, sondern zur Fleischerzeugung aufgezogen werden. Die Eier sind etwas teurer, um die zusätzlichen Kosten aufzufangen. Ist die Bruderhahnmast sinnvoll? 

Hochleistungstier Legehenne

Die moderne Legehenne ist ein Hochleistungstier, das infolge jahrzehntelanger Zucht auf eine extrem hohe Legeleistung ausgerichtet ist. Sie legt 300 Eier und mehr pro Jahr. Um diese hohe Legeleistung zu erreichen, können die Tiere hohe Mengen an Futter aufnehmen und sind „Umsatztypen“ – sie stecken die Nährstoffe also in die Eier und nicht in den Fleischansatz. Diese genetische Veranlagung führt dazu, dass auch die „Brüder“ der Legehennen sehr viel Futter benötigen, aber gleichzeitig wenig Fleisch ansetzen. Die erzielbare tägliche Zunahme liegt gerade einmal bei etwa 20 Gramm. Um ein Kilo Fleisch anzusetzen, müssen die Hähne mit 5 bis 9 Kilogramm Futter versorgt werden. Bruderhähne benötigen zudem nicht nur viel, sondern auch hochwertiges Futter, das an ihre Nährstoffansprüche angepasst ist. Sonst können sich ernährungsbedingte Störungen entwickeln, etwa Federpicken, Kannibalismus und Fußballenentzündungen.

In der Bruderhahnmast sind im Wesentlichen zwei Haltungssysteme verbreitet, die mit der jeweiligen Betriebsgröße zusammenhängen:

  • Kleine Betriebe (bis ca. 250 Tiere) halten die Bruderhähne meist entweder direkt in der Legehennenherde, etwa in einem Mobilstall, oder in einer separaten Haltungsgruppe. Aus ökonomischen Gründen erhalten die Bruderhähne meist das gleiche Futter wie die Hennen. Das Problem dabei: Dieses Futter zeichnet sich durch einen hohen Kalkanteil aus, was notwendig für die Produktion der Eierschalen ist. Da die Hähne keine Eier legen, belasten diese hohen Anteile an Kalk ihren Stoffwechsel, was zu Durchfall und weiteren Krankheiten führen kann. In den kleinen Betrieben werden die Hähne meist vor Ort oder in einem regionalen Schlachthof geschlachtet und dann direkt vermarktet oder für verarbeitete Produkte verwendet. 
  • Größere und Großbetriebe (mit Zehntausenden von Legehennen) geben die Bruderhähne meist an auf die Mast spezialisierte Betriebe ab, die sie dann im Auftrag der Legehennenhalter aufziehen. Subventioniert wird die Aufzucht der Hähne mit einem „Bruderhahnaufschlag“ von etwa 4 Cent pro Ei. Positiv an der Aufzucht in Mastbetrieben ist es, dass die Bruderhähne hier in der Regel spezielles Futter bekommen. Aus Umwelt- und Tierschutzgesichtspunkten negativ ist, dass sie häufig über weite Strecken zum Mäster und später auch zum Schlachthof transportiert werden. 

In der landwirtschaftlichen Praxis lassen sich die Mehrkosten für die Bruderhahnmast mit einer bedarfsgerechten Fütterung kaum durch die Quersubventionen über die Eier decken. Hinzu kommt, dass das Fleisch von Bruderhähnen lediglich der Qualität eines Suppenhuhns entspricht. Die Verbraucherwünsche in Bezug auf ein Brathähnchen sehen anders aus.

Bruderhahnzucht ändert nichts am Kern des Problems

Fazit: Die Bruderhahnzucht ist keine nachhaltige Lösung für das Problem des Kükentötens. Da Bruderhähne enorm viel hochwertiges Futter benötigen, um Fleisch anzusetzen, ist ihre Mast unwirtschaftlich und geht mit einem hohen Ressourcenverbrauch einher. Die Fütterung mit ungeeignetem Futter führt zu Erkrankungen, Schmerzen und damit neuen Tierschutzproblemen. 

Vor allen Dingen ändert die Aufzucht der Bruderhähne nichts an der miserablen Lage der hochgezüchteten Hennen, die sich buchstäblich krank legen und häufig an Knochenbrüchen leiden. Die Aufzucht der Bruderhähne lenkt – ähnlich wie die Geschlechtsbestimmung im Ei – von den eklatanten Tierschutzverstößen der Legehennen-Hochleistungszucht ab. An der Wurzel des Problems ändert auch die Bruderhahnmast nichts. 

Die Zukunft gehört dem Zweitnutzungshuhn

Der einzige zukunftsfähige Ausweg für die Hühnerhaltung besteht darin, robustere Hühnerrassen zu züchten, die sowohl über eine gute Legeleistung als auch über ein akzeptables Muskelwachstum verfügen. Fachleute sprechen bei dieser breiteren und tierschutzkonformeren Ausrichtung der Zucht vom „Zweinutzungshuhn“. Hierbei handelt es sich um Hühnerrassen, bei denen Hahn und Henne ökonomisch unabhängig voneinander genutzt werden können. Die Tiere erbringen keine krankmachenden Höchstleistungen, können aber wirtschaftlich gehalten werden: Die Hennen legen etwa 230 bis 250 Eier im Jahr, durchschnittlich also etwa 50 bis 70 Eier weniger als eine Hochleistungshenne. Die Hähne besitzen ein gutes Wachstumsvermögen und ihre Fleischqualität ist deutlich besser als die eines Bruderhahns. Es ist höchste Zeit, dass die tierquälerische Hochleistungszucht gesetzlich verboten und durch die Zucht von robusteren und gesünderen Hühnerrassen ersetzt wird! Das im Grundgesetz verankerten „Staatsziel Tierschutz“ verlangt genau das!