Wie die Industrie-Lobby die britische Ampel verwässert hat

Eine Milliarde Euro hat die europäische Ernährungsindustrie in eine beispiellose, jahrelange Lobbyschlacht investiert, um eine gesetzlich verpflichtende Kennzeichnung von Zucker, Fett und Salz in den Ampelfarben zu verhindern und ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen.

Am 16. Juni 2010 stellte sich der gewünschte Erfolg im zunächst ampel-freundlichen EU-Parlament denn auch ein. Die Schlacht war gewonnen, die Nährwertampel hatte es nicht in die neue Lebensmittelinformationsverordnung der Europäischen Union geschafft. Daran hatten auch die Trilog-Verhandlungen zwischen EU-Parlament, Kommission und Ministerrat nichts geändert.

Enger Handlungsspielraum für Mitgliedsstaaten

Mit der EU-Entscheidung wurden die Nährwertangaben für die sogenannten „big 7“ (Brennwert, Fett, gesättigte Fette, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß, Salz je 100 Gramm bzw. Milliliter) verpflichtend. Alle Produkte, die nach dem 13. Dezember 2016 gekennzeichnet werden, müssen diese Angaben tragen. Ärzteverbände, Krankenversicherungen und Verbraucherverbände hatten zusätzlich zu dieser technischen, oft tabellenförmigen Kennzeichnung im Kleingedruckten eine bewertende Kennzeichnung in Ampelfarben auf der Verpackungsvorderseite gefordert. Produkte mit einem hohen Gehalt an Fett, gesättigten Fetten, Zucker oder Salz sollten auf einen Blick erkennbar sein.

Doch die EU entschied sich auf Druck der europäischen Lebensmittelwirtschaft gegen diese Lebensmittelampel. Eine zusätzliche Angabe auf der Vorderseite, zum Beispiel zu „Problem-Nährstoffen“ wie Zucker oder Salz, ist nicht verpflichtend und darf auch nicht von einzelnen EU-Mitgliedsstaaten vorgeschrieben werden. Doch das ist nicht alles: Wenn freiwillige, zusätzliche Angaben auf der Vorderseite erfolgen, müssen Kriterien eingehalten werden, die ganz im Sinne der Ernährungsindustrie sind. Jede bewertende Nährwertangabe – sei es in Farben, Worten oder Zahlen – muss in Zukunft auf absurd hohen Tagesempfehlungen für Zucker basieren. Das war von den Erfindern der Ampel ursprünglich anders gedacht.

Die britische Ampel: früher und heute

Die britische Ernährungsbehörde FSA (Food Standards Agency) hatte das dreifarbige Ampelsystem für Fett, gesättigte Fette, Zucker und Salz einst entwickelt, um Produkte auf einen Blick vergleichbar zu machen und eine Bewertung zu ermöglichen, welches „viel“, „mittel“ beziehungsweise „wenig“ von einem Nährstoff enthält – einheitlich per 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter.

Die Werte, bei der die Ampel von „grün“ auf „gelb“ springt, stammen aus der EU-Verordnung über gesundheitsbezogene Werbeaussagen (Health-Claims-Verordnung), in deren Anhang definiert ist, wann ein Produkt als „fettarm“ oder „zuckerarm“ bezeichnet werden darf. Ein „zuckerarmes“ Produkt mit weniger als 5 Gramm Zucker pro 100 Gramm bekommt also eine grüne Zuckerampel – bei Getränken liegt diese Grenze bei 2,5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Die Umschlagswerte von „gelb“ auf „rot“ berechnete die britische FSA folgendermaßen: Wenn 100 Gramm eines Lebensmittels mindestens 25 Prozent der Tageshöchstmenge eines Nährstoffes liefern, wird die Ampel rot.

Ausgehend von den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und des britischen Committee on Medical Aspects of Food and Nutrition Policy betrug die Tageshöchstmenge für Zucker im ursprünglichen Modell der FSA 50 Gramm, der Umschlagswert von „gelb“ auf „rot“ lag damit bei 12,5 Gramm pro 100 Gramm bei festen Lebensmitteln beziehungsweise 6,3 Gramm pro 100 Milliliter bei Getränken. Doch damit ist seit der EU-Lebensmittelinformationsverordnung Schluss.

Farb-Umschlagswerte für Zucker wurden gelockert

Seit Inkrafttreten der EU-Lebensmittelinformationsverordnung gelten andere Umschlagswerte für die Lebensmittelampel – auch für die in Großbritannien. Denn jede freiwillige Nährwertkennzeichnung muss nun auf ganz bestimmten Referenzwerte basieren, die in einem Anhang der Verordnung festgeschrieben sind. Dabei handelt es sich um die sogenannten „Guideline Daily Amounts“, die auch Grundlage der von der Industrie entwickelten „GDA-Kennzeichnung“ waren – einer freiwilligen Nährwertkennzeichnung, mit der vor allem die großen Lebensmittelkonzerne die Ampel verhindern wollten.

Guideline Daily Amounts

Auch bei den Guideline Daily Amounts handelt es sich um Referenzwerte zur Nährstoffzufuhr, der wichtigste Unterschied zu den Referenzwerten, die der Ampel zugrunde liegen, ist jedoch: Die tägliche Höchstmenge für Zucker liegt nicht bei 50 Gramm, sondern bei 90 Gramm. Daraus ergeben sich entsprechend höhere Rot-Umschlagswerte. Während feste Lebensmittel ursprünglich ab 12,5 Gramm und Getränke bei 6,3 Gramm Zucker eine rote Ampel bekamen, liegen diese Grenzwerte nun bei 22,5 Gramm (feste Lebensmittel) beziehungsweise 11,25 Gramm Zucker (Getränke). Anders gesagt: Durch die neuen Tageshöchstmengen bekommen selbst die stark gezuckerte klassische Coca-Cola oder auch Kekse keine rote Ampel für Zucker. Kein Wunder also, dass Konzerne wie Nestlé, die einst vehemente Gegner farblichen Kennzeichnung waren, seit den neuen Umschlagswerten kein Problem mehr mit der britischen Ampelkennzeichnung haben – und sie freiwillig umsetzen.

Fazit: Die EU-Lebensmittelinformationsverordnung schützt nicht vor Täuschung, da sie es nicht ermöglicht auf einen Blick Produkte mit viel Fett, Zucker oder Salz zu erkennen. Die einzelnen Mitgliedsstaaten können wenig daran ändern. Zum einen dürfen sie auf nationaler Ebene keine zusätzliche Nährwertkennzeichnung vorschreiben. Zum anderen müssen auch freiwillige, zusätzliche Nährwertangaben wie die britische Ampel auf absurd hohen Tagesempfehlungen für Zucker basieren.

Das zeigt: In ihrer aktuellen Form lässt die Lebensmittelinformationsverordnung keine verbraucherfreundliche Nährwertkennzeichnung zu. foodwatch fordert daher dringend eine Revision der Verordnung. Die Mitgliedsstaaten sollen dies in Brüssel auf die Tagesordnung setzen.

Zuletzt geändert am 16.02.2017
 
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