Produktcheck: Gesundheitsschwindel bei Danone, Unilever & Co.

09.12.2013

Verbraucher werden beim Lebensmitteleinkauf regelmäßig mit irreführenden Gesundheitsversprechen getäuscht – obwohl sie davor eigentlich seit einem Jahr durch eine EU-Verordnung geschützt sein sollten. Das ist das Ergebnis einer foodwatch-Untersuchung von verschiedenen Produkten, die gezielt mit Werbeaussagen zu Gesundheit und Wohlbefinden vermarktet werden. foodwatch fordert: Schluss mit dem Gesundheitsschwindel!

Seit einem Jahr sollen Verbraucher eigentlich vor irreführenden Gesundheitsversprechen im Supermarkt geschützt sein – so verspricht es jedenfalls die sogenannte EU-Health-Claims-Verordnung. Ein Produktcheck von foodwatch hat jetzt aber gezeigt: Die Verordnung ist gescheitert. Der Schwindel mit Gesundheitswerbung geht trotz des neuen Gesetzes einfach weiter, Danone, Unilever & Co. vermarkten Industrieprodukte im falschen Gesundheitslook.

Gesundheitsschwindel geht weiter – ganz legal

foodwatch hat exemplarisch verschiedene Produkte unter die Lupe genommen, die mit Gesundheitsversprechen beworben werden: Actimel von Danone, Belvita Frühstückskekse von Mondeléz (ehemals Kraft), Ferdi Fuchs Salami der Firma Stockmeyer, den Active O2-Drink von Adelholzener, Becel pro.activ-Margarine von Unilever, Nestlés Joghurt LC1 und Red Bull Energy Drink. Rein rechtlich erfüllen die Produkte und ihre Werbeaussagen die Vorgaben der europäischen Health-Claims-Verordnung – führen Verbraucher aber trotzdem in die Irre.

EU-Verordnung schützt nicht vor Irreführung

Das Problem: Zwar müssen sich Lebensmittelhersteller seit einem Jahr ihre Gesundheits-Claims durch die EU genehmigen lassen. Bewertet werden allerdings oft nur isolierte Effekte einzelner Zusätze, nicht ob das Lebensmittel insgesamt empfehlenswert ist. Daher können auch unausgewogene Produkte wie der Soft Drink Active O2, die Salami für Kinder Ferdi Fuchs oder der Trinkjoghurt Actimel genehmigte Health Claims tragen – wenn ihnen beispielsweise Vitamine oder Mineralstoffe extra zugesetzt werden. Lebensmittelhersteller mischen also einfach billige Vitamine oder Mineralstoffe in ihre Produkte und vermarkteten diese dann zu überteuerten Preisen ganz legal mit Gesundheitswerbung. Aber genau wie zuckriger Danone-Joghurt nicht vor Erkältung schützt, machen künstlich zugesetzte Vitamine aus fettig-salziger Salami kein gesundes Produkt und Mineralstoffe aus einem Soft Drink kein sportliches Getränk.

Selbst gesundheitlich umstrittene Produkte wie Red Bull oder Becel pro.activ werden mit einem vermeintlichen Zusatznutzen für die Gesundheit vermarktet – das kann für Verbraucher sogar gefährlich werden.

  • 09.12.2013

    Die Health Claims-Verordnung schützt die Verbraucher nicht vor Täuschung

    Fotostrecke (9 Bilder)
    • Früher warb Actimel von Danone mit probiotischen Kulturen, die angeblich das Immunsystem schützen sollten. Nachdem das von der EU verboten wurde, dienen nun Vitamin-Zusätze als Schlupfloch für die Image-Bewahrung – für Vitamin B6 und D hat die EU Werbeaussagen zum Immunsystem erlaubt. Doch künstlich zugefügte Vitamine machen aus einer Zuckerbombe kein gesundes Produkt. Actimel Classic enthält in etwa so viel Zucker wie Coca Cola.
    • Der Frühstückskeks belvita (Honig & Nüsse) von Mondelez (ehem. Kraft Foods) enthält mehr Zucker (26%) und Fett (17%) als ein gewöhnlicher Butterkeks (z.B. von Leibnitz, 22% Zucker und 11% Fett). Dennoch darf diese unausgewogene Süßigkeit beworben werden als sei sie ein lange sättigendes Frühstück („Energie für den ganzen Vormittag“). Der Hersteller freut sich unverblümt darüber, mit diesem sogenannten „Frühstückskeks“ einen „ganz neuen Verwendungsanlass für Kekse etabliert“ zu haben.
    • Die Ferdi Fuchs Mini Salami von Stockmeyer ist alles andere als ausgewogen: Mit etwa 4 Gramm Salz je 100g ist sie eine wahre Salzbombe. Dazu kommt ein hoher Anteil an gesättigten Fettsäuren (16,3%). Weil Stockmeyer einen Vitamin-Cocktail zusetzt, darf der Hersteller die Wurst dennoch als „täglichen Beitrag für eine gesunde Ernährung“ bewerben. Dabei essen Kinder bereits deutlich mehr Wurst als Ernährungsempfehlungen vorsehen.
    • Bei <b>Active O2</b> von <b>Adelholzener </b>handelt es sich um einen Soft-Drink (Zuckergehalt: 4%). Diese gelten als eigener Risikofaktor für Übergewicht und damit verbundene Krankheiten. Indem der Hersteller Mineralstoffe wie Calcium oder Magnesium zusetzt, darf er die Getränke jedoch ganz legal mit Gesundheitswerbung für die „Muskelfunktion“ beziehungsweise „Knochenstruktur“ bewerben.
    • <b>Unilever</b> suggeriert, <b>Becel pro.activ</b> schütze wegen seiner cholesterinsenkenden Wirkung vor Herzkrankheiten. Das kann Unilever nicht belegen. Mehr noch: Das Produkt steht sogar im Verdacht, selbst Ablagerungen in Gefäßen zu verursachen und damit das Risiko für Herzkrankheiten zu erhöhen. Trotz dieser Risiken hat die EU den Werbeaussagen zugestimmt. Ein weiterer Beleg dafür, dass die sogenannte Health-Claims-Verordnung die Verbraucher nicht vor Irreführung schützt.
    • <b>LC1</b> von <b>Nestlé</b> wurde jahrelang mit Aussagen zu Probiotika und dem Immunsystem beworben. Seitdem das verboten ist, wirbt Nestlé nun mit dem Versprechen „Für Ihr Wohlbefinden“. Die Begründung: Der Joghurt enthält Calcium. Dabei ist LC1 nicht mehr und nicht weniger als ein Naturjoghurt. Vom Preis mal abgesehen: LC1 kostet mehr als das doppelte eines normalen Joghurts.
    • <b>Red Bull</b> bewirbt seinen <b>Energy Drink</b> wie ein Sportgetränk, da es „von Spitzensportlern geschätzt“ werde und „Geist und Körper“ belebe. Als Soft-Drink mit 11 % Zucker ist Red Bull aber hypertonisch und kann weder Flüssigkeits- noch Mineralstoffverlust ausgleichen. Schlimmer noch: Wissenschaftler warnen vor gefährlichen Nebenwirkungen – gerade in Zusammenhang mit Sport oder auch Alkohol.
    • Der jüngst zugelassene Health Claim für <b>Fruktose</b> erlaubt es, Soft-Drinks mit Gesundheitswerbung zu versehen, obwohl diese nachweislich ein Risikofaktor für Übergewicht und für damit verbundene Krankheiten sind. Fruktose ist unter Wissenschaftlern besonders umstritten. Das staatliche Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt sogar, Fruktose nicht als Zuckeraustauschstoff in Lebensmitteln zu verwenden. Dennoch wäre es legal, einen Fruktose-Soft-Drink mit Aussagen zum Blutzuckerspiegel zu bewerben.
    • Höchstens eine Handvoll Süßigkeiten am Tag – das gilt als einhellige Ernährungsempfehlung. Der seit September 2013 zugelassene Health Claim für dunkle <b>Schokolade</b> kann jedoch schnell dazu führen, dass Menschen getreu dem Motto „viel hilft viel“ deutlich mehr verzehren, als sie sollten. Der weltgrößte Kakao- und Schokoladenhersteller Barry Callebaut hat sich einen Claim zu der positiven Wirkung auf Blutgefäße für seine Schokolade schützen lassen.

foodwatch fordert: Schluss mit Gesundheitsschwindel!

foodwatch meint: Gesundheitsbezogene Werbeaussagen sind häufig irreführend und haben auf Lebensmitteln nichts verloren. Wenn selbst Süßigkeiten mit Gesundheits-Claims beworben werden dürfen, weil ihnen Vitamine zugesetzt sind, wird eine ausgewogene Ernährung eher verhindert als gefördert. Lebensmittel sind keine Medikamente – wer krank ist, sollte nicht in den Supermarkt gehen, sondern zum Arzt.

Über eine E-Mail-Aktion unter www.foodwatch.de/aktion-gesundheitsschwindel fordert foodwatch von EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg das Verbot gesundheitsbezogener Werbung auf Lebensmitteln.

 
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